Mit Erasmus ins Ausland: Erfahrungen, Chancen und Herausforderungen
Von Madrid bis Nikosia, von Rumänien bis Zypern: Das Erasmus-Programm ermöglicht jedes Jahr Tausenden Studenten ein Semester im europäischen Ausland. Neben finanzieller Unterstützung eröffnet es Einblicke in andere Lebenswelten – und fordert zugleich Organisationstalent und Flexibilität.
Die Rumänen sind gastfreundlich und sehr hilfsbereit, wenn man auf einer Karpaten-Wanderung an ihren Häusern vorbeikommt oder einmal nicht weiß, welcher Bus der richtige ist. In Nikosia kommt nie jemand pünktlich, weil alle mit dem Auto fahren und immer Stau ist. Im Madrider Uni-Klinikum darf man als Student (es sind natürlich auch immer Studentinnen gemeint) nicht viel praktisch machen, aber alle sind sehr kameradschaftlich. „Call is open“ ist auf der Erasmus-Website zu lesen. Noch bis Ende Januar können deutsche Hochschulen ihre Budget-Forderung einreichen. Allerhöchste Zeit also für Studenten, die im Wintersemester 2026/ 27 (ab September 2026) oder im darauffolgenden Sommersemester mit dem Programm ins Ausland möchten, sich beim International Office ihrer Uni zu bewerben.
Seit Ende der 1980er fördert die EU diese Auslands-Aufenthalte. Abhängig von den Lebenshaltungskosten der jeweiligen Stadt erhalten die Studenten 540 bis 600 Euro pro Monat. Erste Informations-Quelle für Aspiranten ist die Website der eigenen Universität. Über sie erstellt man seine Bewerbung, lädt bereits erbrachte Studienleistungen, einen Lebenslauf und ein Motivationsschreiben hoch und erstellt eine Rangliste der Universitäten, an die man gerne gehen möchte.
Erfahrungsbericht einer Erasmus-Studentin
Nachfrage bei denjenigen, die mit Erasmus an eine europäische Partner-Uni gingen: Wie war es denn so? „Ich bin ganz großer Fan“, bekennt Cosima (Psychologie, Leuphana-Universität, Lüneburg), die 2024 für vier Monate in Nikosia auf Zypern war. „Ich wollte gern ins Warme, konnte kein Spanisch oder Italienisch, ich wollte irgendwohin, wo ich sonst nie hinziehen würde.“ Selbstständiger sei sie geworden und souveräner und habe jetzt Kontakte in ganz Europa. Wieland, der Politik und Wirtschaft in Münster studiert und 2025 für ein Semester ins rumänische Cluj-Napoca (früher Klausenburg) zog, sagt, es sei „cool, mal aus seiner Bubble rauszukommen“. Er gewann Freunde aus Spanien, Ukraine und Belarus und fand sich in Seminaren mit nur drei bis fünf Studenten und dadurch intensiveren Kontakt mit dem Professor wieder. Johanna, Medizinstudentin aus Bonn und gerade in Madrid, erzählt von Einblicken ins gesundheitspolitische System Spaniens, von Streiks, nicht gezahlten und seit 1998 nicht erhöhten Gehältern für Ärzte und der Schwierigkeit für Patienten, Arzt-Termine zu bekommen: „Ich glaube, dass Erasmus einem schon sehr nützt und dass es auch Europa nützt und dass es wahnsinnig international bildet.“
„Ich hatte mich proaktiv für Zypern entschieden. Und ich war so happy mit dieser Entscheidung.“
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Foto: Cosima GoyEin paar Steine im Weg – eine Schlucht in der Nähe von Paphos auf Zypern. -
Foto: PrivatLeider zwei Stunden Fahrt von der City: eine der Uni-Kliniken in Madrid. -
Foto: PrivatDie Pariser Universitäten bestechen durch alte Pracht.
Schwierig genug bleibt es. Zwar wählen die Studenten vor Abreise die Kurse an der ausländischen Uni und verankern sie im sogenannten „Learning agreement“ mit der Heim-Uni, doch nicht immer werden alle auswärts erbrachten Leistungen berücksichtigt. „Was ich gewählt hatte, konnte ich mir auch anrechnen lassen“, sagt Cosima, allerdings habe sie das Gefühl, bei anderen sei es komplizierter gewesen. Wer beispielsweise mit Jura nach Frankreich an eine Uni geht, kann eventuell Klausur-Ergebnisse nur einbringen, wenn die Klausur unter Aufsicht und nicht online stattgefunden hat. Ein Psychologie-Seminar in Malaga, avisiert als englischsprachig, findet doch auf Spanisch statt, weil der Dozent gar nicht so gut englisch sprechen kann. Zudem dauert es ein paar Wochen, bis sich in der spanischen Lebenswelt herauskristallisiert, welche Kurse wie stattfinden. Als Deutscher lernt man da nicht nur sein Fach, sondern auch viel über die etwas entspanntere Haltung in südlichen Ländern. Hinweise dazu, wie es sich mit den Kursen verhält, wie sich ein bezahlbares Zimmer finden lässt und etwaige Fallstricke wie etwa die Entfernung von der City zur Uni oder besonders hohe Lebenshaltungskosten lassen sich in den umfassenden, von den Universitäten online gestellten Erfahrungsberichten nachlesen. Jeder Rückkehrer muss ihn für nachfolgende Reisende verfassen.
„Erasmus bietet einen gewissen Rahmen. Es ist natürlich immer Luft nach oben.“
In den vergangenen 40 Jahren gab es sechzehn Millionen Entsendungen, sagt Michael Flacke. 205 Millionen Euro stellt die EU für die kommenden zwei Jahre hierfür zur Verfügung. Sprache und Kultur der anderen zu verstehen, sich in Euwropa bewegen zu können und zu wollen und persönlich daran zu reifen – das sind die Effekte des Programms. Das Ziel, so Flacke, „eine junge Generation mit europäischer Identität“.
Studium im Ausland
Erasmus ist ein Akronym von European Community Action Scheme for the Mobility of University Students. Das Programm wurde 1987 vom Rat der EU beschlossen. Pro Studienlevel (Bachelor, Master, Promotion) ist es Studenten möglich, sich für einen Aufenthalt mit Teilstipendium von höchstens zwölf Monaten zu bewerben.