2076 in Blankenese: Alles ist anders – und trotzdem genau wie früher
Ein Hochgeschwindigkeitszug, Lufttaxis, eine Seilbahn zum Süllberg und ein Kasino von Weltrang: Wenn Fred X. Carstensen 2076 seine alte Heimat besucht, scheint Blankenese kaum wiederzuerkennen. Doch bei einem Blick auf Hecken, Regenrinnen und Buchsbäume stellt sich heraus: Manche Dinge ändern sich selbst in fünfzig Jahren nicht.
Wir schreiben das Jahr 2076. Fred X. Carstensen kommt aus den USA nach Hamburg und besteigt im Hauptbahnhof den Hochgeschwindigkeitszug nach Wedel. Wenig später die Durchsage: „Aufgrund einer Weichenstörung verkehren keine...“ Fred wird nostalgisch. Er hatte geahnt, dass die große Bahnreform 2055 folgenlos bleiben musste, aber dass selbst die Ansagestimme von damals erhalten geblieben ist, findet er sagenhaft. Also mit einem völlig veralteten Elektrotaxi durch den Tunnel unter der Elbchaussee. Der KI-Fahrer fragt, ob er Algorithmen-Quoten oder Fußballergebnisse referieren soll. Fred will Fußball.
Die Ausfahrt Blankenese ist sechsspurig, führt unter dem Baurs Park entlang direkt zur Bahnhofstraße. Die ist in drei Ebenen gestaffelt, mit Lärmschutz aus Bambus und Trauerweide gegen die Hitze. Fred ist entzückt. Er steigt im Blankenese Plaza ab und fragt sich ärgerlich, warum er nicht das Shuttle-Taxi vom Hauptbahnhof durch die Luft genommen hat. Der Landeplatz hat einen Ausblick bis Glückstadt, Standort der Raumfahrtmission zum Neptun. Zur Zeit ist kein Start zu bewundern, also weiter im Programm.
Fred verspürt ein schlechtes Gewissen, müsste er doch nun die Verwandtschaft besuchen. Aber die glitzernde Seilbahn lockt ihn auf den Süllberg, wo ein Kasino von Weltrang residiert. Neulich gastierte hier die wiederbelebte Taylor Swift mit dem wiederbelebten Ed Sheeran. Fred verspielt zwei, drei Eigentumswohnungen, dann aber rafft er sich auf und besucht die bucklige Verwandtschaft. Die bewohnt einen der geschmackvollen Türme rund um den alten Blankeneser Bahnhof. Fred steht auf einer Außengalerie in 200 Metern Höhe über der Sommerhitze und ist erleichtert. Entgegen allen Unkenrufen ist Blankenese kein Shithole. Er braucht keine Begeisterung vorgaukeln, muss nicht herumschleimen, sondern kann die Familie authentisch beglückwünschen zu diesem dynamischen Wohnort.
Dann aber passiert etwas Irritierendes: Je mehr Fred die Veränderungen lobt, desto bockiger wird die Familie. Veränderung? Welche Veränderung denn? Es ist doch alles so geblieben wie immer. Am Big Apple mag Chaos herrschen, aber hier in Blankenese steht noch jeder Stein wie Anno 2026. Nicht nur der Stein, auch das Grün! Als Nachbar Petersen neulich seiner Hecke einen modernen Haarschnitt verpassen wollte, wäre er beinahe gelyncht worden. Oder die Sache im Treppenviertel: Da wollte letztens ein Anwohner die Klemmen der Regenrinne blau streichen – blau! Die Baubürgerwehr konnte den Fall mit Einsatz von Drohnen und einem Satellitenüberflug noch rechtzeitig entdecken. Und der Buchsbaum hier, diese possierliche Kugel, sollte letztens tatsächlich einem Shuttle-Landeplatz weichen. Das konnte durch Gründung einer Partei und einen äußerst kostenintensiven Wahlkampf auf Bezirksebene abgewendet werden.
Man trinkt etwas, Fred schläft sich aus und am nächsten Morgen erkennt er: Die ändern sich nie!