725 Jahre Blankenese

Amtsgericht Blankenese: Ein Gericht, in dessen Bezirk man sich kennt

Blankenese · · 3 Min. Lesezeit · von Harriet von Schwerin
Das Amtsgericht Blankenese
Seit 1867 gibt es ein Amtsgericht in Blankenese. Das heutige Gebäude an der Dormienstraße entstand, nachdem der erste Standort am Schulkamp zu klein geworden war.

Nachlässe, Grundbücher, Scheidungen und Strafprozesse: Für viele Menschen im Hamburger Westen führt irgendwann ein Weg ins Amtsgericht Blankenese. Seit fast 160 Jahren wird hier Recht gesprochen – in einem Gericht, das sich trotz Großstadt bis heute einen erstaunlich lokalen Charakter bewahrt hat.

Alle warten auf die Hauptverhandlung in einer Strafsache, die sich anscheinend zeitlich etwas nach hinten verschoben hat. Im Schaukasten neben der doppelflügeligen Tür steht, welche Verhandlungen heute anstehen, der Name von Angeklagtem und Richterin, wer von der Staatsanwaltschaft dabei ist und gegebenenfalls, wer verteidigt und wer dolmetscht. Fast jeder, der in Blankenese, Iserbrook, Nienstedten, Osdorf, Rissen oder Sülldorf wohnt, kommt im Laufe seines Lebens einmal mit diesem Amtsgericht in Kontakt. Hier werden Nachlässe geregelt, Grundbücher umgetragen, Zivil- und Strafprozesse geführt und Familienangelegenheiten wie Scheidungen, Sorgerechtsfragen oder Umgangsregelungen und Betreuungs-Themen verhandelt.

Vom Wohnhaus zum eigenen Gericht

Am 1. September 1867 wurde das Königlich-Preußische Amtsgericht in Blankenese eingerichtet. Es war damals für die Dörfer Blankenese und Dockenhuden, Groß und Klein Flottbek, Holm, Lurup, Nienstedten, Osdorf, Rissen, Schenefeld, Schulau, Spitzerdorf und Sülldorf und die Stadt Wedel und so insgesamt für 14.436 Menschen zuständig. Zunächst gab es kein geeignetes Gebäude. Ein Wohnhaus am Schulkamp (heute Kahlkamp), das damals dem Gastwirt Bornholdt aus Pinneberg gehörte und heute von mehreren Mietern bewohnt wird, wurde angemietet.

Mit der wachsenden Bevölkerung sowie der Anlegung von Grundbüchern 1885 wurde ein größeres Gebäude nötig, das auch besser erreichbar sein sollte. Der Grundbesitzer J. Graaf spendete hierfür ein Grundstück an der Dormienstraße. Die „Norddeutschen Nachrichten“ beschreiben am 11. September 1883 das Gebäude: Fliesen von Villeroy & Boch, ein „würdiger“ Schöffensaal im Obergeschoss, der wohl dem heutigen Saal 18 entsprach, und ein Grundbuchzimmer mit feuersicherem Fußboden und Decke. Auch das Gefängnis, das bis dahin in der Grube in der Nähe des Strandwegs untergebracht war und das im Volksmund nach seinem Aufseher „Gerkens Hotel“ genannt wurde, zog mit um. Recht opulent aus heutiger Sicht wurde für den Gefängniswärter im linken Teil des Erdgeschosses eine Vierzimmerwohnung mit Küche eingerichtet, Zellen für insgesamt sechzehn Gefangene gab es im Erd- und Obergeschoss.

Schon 1914 wurde das nun für mehr als 30.000 Einwohner zuständige Gebäude zu klein. Abteilungen wurden in das links des Gerichts liegende Haus und in die Friedrich-Legahn-Straße ausgelagert. 1928 wurde angebaut, 1937 die Bereiche Schenefeld, Wedel und Holm aus dem Blankeneser Gerichtsbezirk herausgenommen und Uetersen zugeordnet.

Gerichtsbetrieb in Kriegszeiten

Während des Zweiten Weltkriegs verringerte sich die Arbeitslast des Gerichts, so verzeichnet es die Jubliäumsschrift von 1992: „Grundstücksveräußerungen wurden merklich seltener, da (…) eine gewisse Tendenz zur Festhaltung von Sachwerten bestand und (…) Grundstücksverkäufe nicht lohnend erschienen mit Rücksicht auf die gesetzlichen Preisbeschränkungen.“1942 zog die Post aus dem eigenen zerbombten Gebäude in die im östlichen Teil gelegenen Zimmer in den 1. Stock. 1944, „als in der Schule in der Kirschtenstraße (…) und im Finanzamt Notlazarette eingerichtet wurden“ kam auch das Finanzamt sowie die Anwälte Seydel, Junge, Willhöft und Frackenpohl, „deren Büro nach der Kapitulation von der Besatzungsmacht beschlagnahmt worden war“ dazu.

Im kalten Winter 1945/46 schien sich das gesamte Gerichtsleben in einem kleinen Sitzungssaal für Verhandlungen und Geschäftsstellenbetrieb gleichermaßen sowie einem weiteren kleinen Raum im Erdgeschoß abgespielt haben, denn nur hier wurde mit „behelfsmäßigen eisernen Öfen“ geheizt. 1949 normalisierte sich die Situation wieder.

Im Blankeneser Amtsgericht findet sich eine große Bandbreite von Menschen und Delikten: von Osdorfer Born bis zur Villa in Hochkamp. Von Angeklagten, die ihre Opfer in Wohnungen locken und sie dort von Kumpels überfallen lassen bis zu Damen der Gesellschaft, die sich den Elbblick freischneiden lassen. „Geblieben aber ist der Charakter eines überschaubaren örtlichen Amtsgerichts in einer Großstadt, in dessen Bezirk man sich trotz der großen Zahl der Einwohner noch kennt“, so schließt die Jubiläumsschrift von 1992 und daran hat sich bis 2026 auch nichts verändert.

Harriet von Schwerin
Harriet von Schwerin
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