Kriegsfolgen

Ehemaliger Verteidiger von Mariupol findet in Blankenese eine neue Perspektive

Blankenese · · 4 Min. Lesezeit · von Sophie Rhine
Vladyslav Malai und Ganna Preine-Kosach stehen gemeinsam in einer Küche.
Vladyslav Malai hat bei Ganna Preine-Kosach in Blankenese ein neues Zuhause gefunden.

21 Monate verbrachte Vladyslav Malai in russischer Gefangenschaft. Heute lebt der ehemalige Verteidiger von Mariupol in Blankenese, studiert wieder Jura und kämpft sich Schritt für Schritt zurück in den Alltag – unterstützt von Ganna Preine-Kosach und ihrem Netzwerk.

Als ich an diesem Morgen klingele, kommt Ganna Preine-Kosach barfuß durch den Garten gelaufen. Fast zeitgleich kommt Vladyslav Malai am Eingangstor an. Normalerweise holt Ganna ihn von seinem Praktikum ab. Wegen seiner Behinderung und der Folgen zahlreicher Verletzungen ist das oft einfacher. Doch heute hat er den Weg allein geschafft. Pünktlich zum Termin. Im Garten stehen Liegestühle zwischen blühenden Pflanzen. Auf dem Rasen ein Trampolin für Gannas neunjährigen Sohn. Vlad setzt sich mit einer großen Tasse Tee dazu und zündet sich ein Zigarillo an. Er wirkt zunächst angespannt, läuft immer wieder über die Terrasse. Erst nach und nach beginnt er zu erzählen.

Kennengelernt haben sich Vlad und Ganna durch den Krieg. Als Vlads Mutter Hilfe bei der Befreiung ihres Sohnes suchte, wandte sie sich an den Verein Ukrainian Future, dessen Vorsitzende Ganna ist. Der junge Ukrainer befand sich damals seit fast 21 Monaten in russischer Gefangenschaft. Über private Kontakte gelang es schließlich, seine Aufnahme in einen Gefangenenaustausch zu unterstützen. Nach seiner Freilassung kam er nach Hamburg.

„Der Austausch kam völlig unerwartet“, erinnert sich Vlad. Mit einem Sack über dem Kopf wurde er über Tage transportiert. Erst kurz vor der Freilassung habe jemand auf Ukrainisch gesagt: „In fünfzehn Minuten habt ihr es geschafft.“ In den Gefangenenlagern war es verboten, Ukrainisch zu sprechen. „Das war einer der schönsten Momente meines Lebens.“
Die Freude hielt allerdings nicht lange. Als er nach fast zwei Jahren wieder Zugang zu Nachrichten hatte, überwogen Angst, Trauer und Enttäuschung. Sein erster Gedanke: Zurück an die Front. „Zum Glück konnte ich ihn überzeugen, hierzubleiben“, sagt Ganna heute.

Vlad hatte sich 2022 freiwillig zum Militär gemeldet – gegen den Rat seiner Mutter. Der damals 22-Jährige studierte Jura und verfügte über keinerlei militärische Erfahrung. Dennoch übernahm er schnell Verantwortung, führte schon nach einigen Wochen selbst eine Gruppe von Soldaten. Er erzählt von Mariupol, von schweren Verletzungen und von Kameraden, die nicht zurückkehrten. Von Gefangenschaft und Folter, von Unmenschlichkeit. Besonders die Bombardierung eines Geburtskrankenhauses verfolgt ihn bis heute. Täglich leidet er unter Albträumen und den Erinnerungen an den Krieg. „Der Krieg war die Hölle. Aber die Hölle wurde von außen gebracht. Die Gedanken und Gefühle jetzt, sind meine innere Hölle“, sagt er.

Auch körperlich sind die Folgen allgegenwärtig. Zahlreiche Splitter befinden sich weiterhin in seinem Körper. Schmerzen in Schulter und Hüfte gehören zum Alltag. Hinzu kommen Angstzustände und die Folgen einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Porträt von Vladyslav Malai.
Vladyslav Malai: „Ich bin beeindruckt von der Menschlichkeit hier. Die Bereitschaft, völlig fremden Menschen zu helfen, ist wirklich groß.“

Dennoch blickt Vlad nach vorne. Er hat sein Jurastudium wieder aufgenommen und wird voraussichtlich im Herbst seinen Bachelorabschluss machen. Parallel absolviert er ein Praktikum in einer Kanzlei und lernt Deutsch.

Der Weg zurück in ein normales Leben ist allerdings nicht immer einfach. Auf psychologische Betreuung wartete er lange, viele Behördengänge und Arzttermine wären ohne Unterstützung kaum zu bewältigen gewesen. Umso dankbarer ist er für die Hilfe, die Ganna und ihr großes Netzwerk leisten. „Die Bereitschaft, völlig fremden Menschen zu helfen, ist hier unglaublich groß“, sagt Vlad. Besonders in Blankenese hätten viele Menschen ihn, andere Soldaten und den Verein Ukrainian Future unterstützt – bei der Wohnungssuche, mit Spenden, bei Behördengängen oder der Suche nach spezialisierten Ärzten. Auch Nachbarn engagierten sich, halfen beim Deutschlernen oder vermittelten Kontakte.

Gleichzeitig blickt der 26-Jährige auch mit einem gewissen Schmunzeln auf sein neues Leben in Deutschland. „Ich habe noch nie so viel Papier in den Händen gehabt wie hier“, sagt er lachend. In der Ukraine sei vieles längst digital. Auch die langen Wartezeiten überraschten ihn. „Dass man Arzttermine teilweise ein Jahr im Voraus plant, war für mich ein Schock. Aber gleichzeitig ist das natürlich ein Luxus.“

Von einem normalen Alltag ist Vlad trotz aller Fortschritte noch entfernt. Die körperlichen und psychischen Folgen des Krieges begleiten ihn jeden Tag. Gemeinsam mit Ganna engagiert er sich aber dafür, seine Erfahrungen weiterzugeben. So stehen beide unter anderem im Austausch mit der Führungsakademie der Bundeswehr. Ehemalige Kameraden waren bereits für Drohnenübungen in Deutschland zu Gast. „Wir sind auf einem guten Weg bei der Integration“, sagt Ganna. Der Krieg sei für Vlad nicht vorbei. Aber Schritt für Schritt entstehe in Hamburg etwas, das lange unmöglich schien: eine neue Perspektive.

Sophie Rhine
Sophie Rhine
Redakteurin Print / Online
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