Keine Deiche, dafür Flutschotten: So lebt Blankenese mit Hochwasser

Blankenese · · 4 Min. Lesezeit · von Klaus Schümann
Sturmflut Strandweg
Am Morgen danach: Die Sturmflut von 1962 hat ihre Spuren am Strandweg hinterlassen.

Die Elbe prägt Blankenese seit Jahrhunderten – manchmal idyllisch, manchmal mit voller Wucht. Weil am Strandweg kein Deich schützt, gehören Hochwasser und Sturmfluten bis heute zum Alltag. Wie sich die Gefahr verändert hat und warum die Bewohner dennoch gelassen bleiben.

Während das Hamburger Treppenviertel in Blankenese mit seinen verwinkelten Gassen und exklusiven Hangvillen majestätisch über der Elbe thront, sieht die Welt am Fuße des Süllbergs ganz anders aus. Am Strandweg, direkt an der Wasserkante, gibt es keine Deiche. Hier begegnen die Menschen der Urgewalt der Elbe Auge in Auge.

Sturmfluten gehören zur DNA von Blankenese – sie prägen die Geschichte, die Architektur und den hanseatischen Pragmatismus als geografisches Schicksal: Ein Stadtteil ohne Schutzwall. Die meisten Stadtteile schützen sich durch eine kilometerlange, geschlossene Hauptdeichlinie vor Hochwasser. Blankenese jedoch ist flussabwärts komplett ungeschützt. Wo der Hang direkt ins Wasser abfällt, lässt sich kein klassischer Deich bauen. Für die Bewohner des Strandwegs bedeutet das: Ab einem Wasserstand von etwa 4,50 Metern über Normalhöhennull (NHN) – also rund 1,50 Meter über dem mittleren Hochwasser – heißt es „Land unter.“ Die Intensität und Häufigkeit der Sturmfluten haben sich im Laufe der Zeit massiv verändert. Besonders diese Epochen verdeutlichen diesen Wandel:

Die historische Katastrophe von 1962

In der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 erlebte Hamburg seine schwärzeste Stunde. Ein Orkantief drückte das Nordseewasser mit aller Macht in die Elbmündung. Während im Hamburger Süden (besonders in Wilhelmsburg) die Deiche brachen und 315 Menschen starben, kam Blankenese aufgrund seiner Hanglage glimpflicher davon. Dennoch wurden die tiefliegenden Häuser am Strandweg komplett überspült, Erdgeschosse zerstört und die Bewohner mussten sich in die oberen Stockwerke oder die höheren Hangbereiche retten.

Der Rekord von 1976

Am 3. Januar 1976 lief am Pegel St. Pauli das bis heute höchste gemessene Hochwasser der Geschichte auf: 6,45 Meter über NHN (fast einen Dreiviertelmeter höher als 1962!). Dass Hamburg dieses Mal keine Toten beklagen musste, lag am massiven Ausbau des Küstenschutzes nach 1962. Am Blankeneser Strandweg hinterließ die Flut dennoch massive Schäden.

Durch die Vertiefungen der Elbfahrrinne und den Meeresspiegelanstieg im Zuge des Klimawandels rollen Sturmfluten heute deutlich schneller und häufiger die Elbe hinauf. Wo früher eine Sturmflut ein Jahrhundertereignis war, steht der Strandweg heute teils mehrfach pro Wintersaison unter Wasser. Wer direkt an der Elbe wohnt, entwickelt im Laufe der Generationen eine ganz eigene Gelassenheit. Man spricht scherzhaft vom Blankeneser „Flut-Abitur“.

Das Blankeneser „Flut-Abitur“

  • Schotten dicht: Die Häuser verfügen nicht selten über massive, maßangefertigte Aluminiumschotten und wasserdichte Fluttore, die bei einer Warnung in die Türrahmen geschraubt werden.
  • Fliesendesign statt Teppich: In den ufernahen Erdgeschossen sucht man edle Parkettböden oft vergeblich. Hier dominieren Fliesen und wasserfeste Materialien, die nach dem Ablaufen des Wassers einfach gesäubert werden können.
  • Der WADI-Blick: Blankeneser schauen im Winter nicht nur auf die Wetter-App, sondern haben den Hamburger Sturmflutwarndienst (WADI) und das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) im Blick.
  • Wenn die traditionellen Böllerschüsse der Hafen-Abschussbasen zweimal kurz hintereinander knallen, weiß in Blankenese jeder blind, was zu tun ist: Autos aus der Gefahrenzone fahren, Schotten verriegeln und abwarten, bis die Elbe sich ihr Bett für ein paar Stunden zurückholt.
Elbe Hochwasser
Auflaufendes Wasser und ein menschenleerer Strand – wie entwickelt sich die Flut?

Die Elbvertiefungen der vergangenen Jahrzehnte haben die Physik des Flusses grundlegend verändert. Wenn man die Elbe vertieft, verändert man nicht einfach nur den Boden eines Gewässers, sondern man baut eine „hydraulische Autobahn“ für die Nordsee. Die physikalischen Mechanismen, warum Sturmfluten in Blankenese und im Hamburger Hafen heute schneller und höher auflaufen, lassen sich auf drei wesentliche Effekte zurückführen:

  1. Ein flacher, gewundener Fluss mit Sandbänken und Nebenarmen bremst das einströmende Wasser aus.
  2. Die Reibung am Flussbett verringert die Energie der Welle.
  3. Durch die Elbvertiefungen und die damit einhergehende Begradigung wurde das Flussbett künstlich geglättet und vergrößert.

Die Folge: Der hydraulische Widerstand sinkt drastisch. Das Nordseewasser trifft auf deutlich weniger Widerstand und die Flutwelle verliert auf ihrem Weg von Cuxhaven nach Hamburg kaum noch an Energie. Das Resultat für Blankenese: Für den ungeschützten Strandweg in Blankenese bedeutet diese physikalische Veränderung ein doppeltes Risiko. Die Sturmfluten erreichen Blankenese heute schneller, führen im Extremfall zu höheren Wasserständen und verbleiben durch den veränderten Tiderhythmus oft länger auf ihrem Höchststand, bevor das Wasser wieder spürbar zurückweicht.

Für die Blankeneserinnen und Blankeneser bedeutet dies: Mit den Sturmfluten müssen wir leben.

Klaus Schümann
Klaus Schümann
Herausgeber und Chefredakteur
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