Kreekfahren in Blankenese: Eine Wintertradition mit ordentlich Tempo
Wenn Schnee und Frost Blankenese fest im Griff haben, werden in Schinckels Park besondere Holzgefährte hervorgeholt. Das Kreekfahren gehört seit Generationen zum Winter im Stadtteil – samt eigenen Regeln, Ritualen und einer gehörigen Portion Mut.
„Raum!“, schallt es vom verschneiten Abhang. Dieser Ruf ist wohl allen Kreekfahrern in Blankenese ein Begriff. Für Zugezogene: Er bedeutet „Bahnfrei fürs Rüschen“. Dann schießen in einem Affenzahn eigentümlich aussehende, sehr schwere Holzgefährte den vereisten Abhang hinunter ins Tal. Immer begleitet vom belustigten Johlen der Zuschauer. Sobald die winterlichen Bedingungen stimmen, trifft sich die eingeschworene Kreek-Community, um ihre heiß geliebten, oft selbst gebauten oder von früheren Generationen geerbten Kreeken und dazugehörige Steuerlatten zu entstauben.
Treffpunkt ist Schinckels Park. Hier ist die einzige Kreekbahn Hamburgs zu finden. Ein aufgehängter Schlitten im Baum ermahnt banale Schlittenfahrer, einen anderen Spot zu nutzen, denn das „Plätten“ und Eisen der Bahn ist ein aufwendiger Prozess. Der durch Schlitten zunichte gemacht wird. Denn um Rüschen oder Rutschen zu können, braucht es eine komplett glatte, vereiste Bahn. Normalerweise trifft sich eine kleine Gruppe, um den Hang am Winteranfang zu plätten, von Laub zu befreien und Rillen und Ausspülungen aufzufüllen. Allerdings hat niemand Anfang 2026 mit so einem Jahrhundert Winter gerechnet.
Der erfahrene Kreekfahrer Sören Sörensen erklärt: „In diesem Jahr sind die Bedingungen auf der Fahrbahn für die Mutigen hart. Im November hätte die Bahn bereit gemacht werden müssen.“ Da die Winter zuvor so mild waren, hatte niemand Schinckels Wiese präpariert. Kreekfahrer Florian Weiss berichtet: „Besonders im oberen Teil der Strecke haben sich gefährliche Buckel gebildet. Nach zwei Abfahrten war für mich Schluss. Ergebnis: Leichte Prellungen an beiden Händen und am linken Ellenbogen sowie starke Prellungen an der Hüfte. Glücklicherweise keine Brüche, nächstes Mal bin ich aber wieder dabei.“
Auch Harm Bielenberg, ältester Kreekbauer Blankeneses, bedauert, dass die Bahn in einem schlechten Zustand war. „Die Kreek-Gemeinschaft wird künftig sicherlich mit dem Altonaer Bezirksamt ins Gespräch gehen müssen, damit die Wiese schon im Herbst gepflegt wird. Dann beeinträchtigen bei idealen Wetterbedingungen wie im Winter 2026 keine gefährlichen Unebenheiten das traditionelle Kreekfahren.“ Die Gruppe der Kreekfahrer ist geprägt von Zusammenhalt, Gemeinschaft und Ritualen.
Harm Bielenberg (79) erinnert sich: „Zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen gehört das Kreekfahren. Meine erste eigene bekam ich 1952 mit sechs Jahren. Mit zehn durfte ich mir bei Harmstorf am Falkensteiner Ufer selbst eine aussuchen – die Kreeken hatten den besten Ruf.“ Danach ging es direkt zum Schlosser von Appen ins Treppenviertel, denn die Kufen fehlten noch. „Danach war kein Halten mehr, ab zum Rüschen auf Schinckels Wiese!“ Mit 16 Jahren begann Bielenberg seine erste eigene Kreek zu bauen. Alles Hand- und Maßarbeit. In Blankenese gab es damals drei Familien, die privat Kreeken bauten, eine davon war Familie Krumm. „Die haben abweichend von Familie Harmstorf Esche statt Eiche verwendet. Das habe ich übernommen.“ Als Familie Krumm Hamburg verließ, hinterließen die Krumm-Jungs Bielenberg ihre Kufen-Schablone. „Mit der Auflage, ich möge die Tradition aufrecht erhalten – das tue ich nun seit 65 Jahren.“
Für Studium und Beruf verließen Harm Bielenberg und seine Familie Hamburg, aber sein Hobby nahm er mit. Die Nachbarn in Hessen und Bayern staunten nicht schlecht über diese besonderen Konstruktionen. Zur Rente zog es die Bielenbergs wieder nach Blankenese. Im Winter finden seine Kreeken dankbare Abnehmer. „Es ist aber kein Geschäft, es ist ein Hobby. Ich verdiene damit kein Geld, sondern decke lediglich meine Ausgaben“, betont der aktive Rentner. „Für mich ist meine Arbeit ein Beitrag zur Aufrechterhaltung der Tradition. Manche nennen sie sogar Kulturgut.“
„Seit 65 Jahren baue ich nach eigenem Entwurf Kreeks in allen Größen.“
Wenn Kinder in seine Werkstatt kommen, ist das ein besonders glücksbringendes Erlebnis, dazu trage er gern bei. Was für ihn als Kind begann, hat er über die Jahrzehnte perfektioniert. Dafür war er auch mit anderen Kreekbauern im Austausch, darunter sein verstorbener Freund Jens Eckhoff. Es tauchen immer wieder neue Namen von Kreekbauern auf, „das ist auch gut so, denn das ist Überlieferung. Wichtig ist, jeder baut die Kreeken, die ihm am Herzen liegen.“ Um seiner Passion nachkommen zu können, muss Harm Bielenberg ganz schön viel organisieren. Das Holz kommt aus der Lüneburger Heide und wird nach seinen Schablonen und einem kritischen Blick zugeschnitten. Zurück in Blankenese baut er die Kreek Stück für Stück zusammen. Es folgen drei Schichten Bootslack. Für die Kufen verwendet er Halbrundstahl aus einem Stahlwerk in Regensburg. Zu der einzigartigen Kufenform hat den studierten Ingenieur die sogenannte Klothoide – ähnlich dem Übergangsbogen in Schnellfahrweichen der Bahn – inspiriert. Diese macht die Kreek besonders schnell. Aus seiner langen Praxis im Kreekfahren und -bauen hat er drei Design-Kriterien extrahiert: Design, Langlebigkeit und beste Laufeigenschaften. Er hat mehr als 50 Modelle in seinem Leben gebaut und denkt noch lange nicht ans Aufhören. „Ich wünsche mir, dass dieses Blankeneser Kulturerbe am Leben gehalten wird.“
Und das wird es: Viele Blankeneser, die ähnliche Kindheitserinnerungen wie Harm Bielenberg teilen, sind als kleine Vorschoter die gefrorene Piste mit ihren Eltern oder Freunden runtergedüst. Heute bauen einige wenige ihre Kreeken in mühseliger Handarbeit selbst, denn eine Industrie gibt es dafür nicht. Es ist an den Blankenesern, diese wichtige Handwerkskunst aufrecht zu erhalten, damit es im nächsten Winter wieder heißt: „Wahrschau – hier wird gerüscht.“
Kreek fahren – Spaß mit Gefahrenpotenzial
Kreek fahren ist eine der hanseatischsten Wintersportarten überhaupt – und diese gibt es nur in Hamburg, genauer gesagt in Blankenese. Ein Kreek ist ein flacher, breiter Kastenschlitten aus Vollholz, der mit einer Holzlatte gesteuert wird. Die bekannteste Kreek-Strecke befindet sich in Schinckels Park und ist etwa 450 Meter lang; dort erreichen die Schlittenfahrenden hohe Geschwindigkeiten von bis zu 60 Kilometern pro Stunde. Wer dabei nicht komisch angeschaut werden möchte, nennt das Ganze „Rüschen“ statt „Rodeln“; wer darauf besteht, zu Rüschen, tut dies auf eigene Gefahr.