725 Jahre Blankenese

Segeln in Blankenese: Zwischen Tradition, Spitzensport und Heimat

Blankenese · · 5 Min. Lesezeit · von Sophie Rhine
Optimisten-Regatta vor Blankenese und dem
Optimisten-Regatta vor Blankenese und dem Schiffsverkehr

Seit mehr als einem Jahrhundert wird in Blankenese organisiert gesegelt. Heute treffen auf der Elbe Breitensport und Nachwuchsarbeit auf internationale Karrieren – getragen von zwei Vereinen, für die das Revier weit mehr bedeutet als Wind, Wasser und Regatten.

Wer an Blankenese denkt, hat meist sofort die Elbe vor Augen. Sie hat den Ort groß gemacht, war Lebensgrundlage für Fischer, Schiffer und Lotsen – und wurde mit der Zeit auch zum Revier für Seglerinnen und Segler. Was einst vor allem der Fortbewegung diente, entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts zu einem organisierten Sport. Bis heute gehört das Segeln zur Identität des Stadtteils wie das Treppenviertel oder der Süllberg. Der Blankeneser Segel-Club, gegründet 1898, zählt zu den traditionsreichsten Segelvereinen Deutschlands. Doch Sport spielte damals zunächst nur eine Nebenrolle. „Segeln war damals eher Fortbewegung als Sport“, erklärt Pressesprecher Jan Kruse. „Der Verein hat Seefahrer ausgebildet und vorbereitet.“ Erst nach und nach rückten Regatten und das Vereinsleben stärker in den Mittelpunkt.

„Wir sind nicht nur ein Segelclub, wir sind auch Anlaufstelle für Kontakte!“

Jan Kruse

Heute ist Blankenese Heimat gleich zweier großer Segelvereine. Rund 1.000 Mitglieder zählt der Blankeneser Segel-Club, hinzu kommen etwa 500 im Mühlenberger Segel-Club. Gemeinsam prägen sie das Segeln an der Unterelbe – vom Breitensport über den Nachwuchs bis hin zu internationalen Erfolgen. Während die einen ihre Freizeit auf der Elbe verbringen, trainieren die anderen für Europa- und Weltmeisterschaften oder sogar Olympische Spiele. Eines verbindet sie alle: ihre Heimat am Wasser. „Wir sind nicht nur ein Segelclub“, sagt Jan Kruse. „Wir sind auch Anlaufstelle für Kontakte.“ Viele Familien seien bereits in dritter Generation Mitglied, andere kämen bewusst in den Verein, um neue Freundschaften zu knüpfen. Der Clubraum und die Gastronomie sind an sieben Tagen in der Woche geöffnet. „Wir haben vier Ruxmannschaften jenseits der 70. Manche kennen sich seit sie 16 sind, andere sind extra in den Verein eingetreten, um neue Freundschaften zu schließen“, so Jan Kruse. Die vielen verschiedenen Gruppen über alle Altersstufen machen den Verein aus: „Das ist so vielschichtig und schwer greifbar. Aber jeder hat seine Bubble und seine Gruppe, zu der er sich zugehörig fühlt.“

Dabei liegt der Blick vor allem auf der Zukunft. Die Jugendarbeit bildet in beiden Vereinen das Herzstück. Schon die Jüngsten sammeln im Optimisten ihre ersten Erfahrungen auf dem Wasser. „Wir sind ein Breitensportverein“, sagt Kruse. „Wir freuen uns über jeden Erfolg, aber er steht nicht im Mittelpunkt.“

Ruxmannschaft
Segeln kennt kein Alter: Eine der vier Ruxmannschaften beim BSC.

Dass aus den ersten Schlägen auf der Elbe trotzdem internationale Karrieren entstehen können, zeigen Hanna und Marla vom Mühlenberger Segel-Club. Die Europameisterinnen im 49er FX haben hier das Segeln gelernt und verbinden mit dem Verein weit mehr als sportliche Erfolge. „Der Mühlenberger Segelclub ist wie eine große Familie. Es ist jedes Mal wie ein Nach-Hause-Kommen, wenn wir am Club sind. Es ist ein Ort, an dem viele unserer Freundschaften entstanden sind“, sagen die beiden.
Dass die beiden heute auf den anspruchsvollsten Revieren der Welt bestehen, führen sie auch auf ihre Ausbildung in Blankenese zurück. Die Elbe gilt mit ihrer Tide, der starken Strömung und dem dichten Schiffsverkehr als alles andere als einfach. „Die Elbe ist ein sehr spezielles Segelrevier“, erzählen die beiden. „Insbesondere die Komponente des Stroms ist im Mühlo sehr ausgeprägt. Aber auch, dass jedes Mal zum Training das Fahrwasser gekreuzt werden muss und man so nah neben den Containerschiffen segelt, ist besonders.“

Segler vor Containerschiff
Kein einfaches Revier für Segler – die Bundesverkehrsstraße Elbe führt die Gigantendieser Welt aus und in den Hamburger Hafen. Seglerisches Können und Vorsicht sind mehr als notwendig. Die Szene vor Ort kennt sich aus ...

Was jungen Seglerinnen und Seglern anfangs viel Konzentration abverlangt, wird später zum Vorteil. „Vor allem die Strömung hilft einem auch später. Unsere Weltmeisterschaft 2023 war beispielsweise in Den Haag – dort hatten wir ebenfalls viel Strom, sodass uns unsere Opti-Erfahrungen hier sicherlich geholfen haben.“

Auch der Segelsport selbst hat sich verändert. Moderne Bootsklassen, professionelle Trainingsmethoden und Videoanalysen gehören längst zum Alltag. „Schon die Opti-Kinder haben nun regelmäßiges Athletiktraining und machen in der Nachbesprechung Videoanalyse – das war bei uns damals noch nicht so“, berichten Hanna und Marla. Gleichzeitig habe die Sichtbarkeit des Sports durch Social Media und neue Technik deutlich zugenommen. Trotz aller Modernisierung bleibt eines unverändert: Segeln lebt von Gemeinschaft und Ehrenamt. „Das Wichtigste ist, dass die Kinder den Spaß an der Sportart nicht verlieren“, sagen die Europameisterinnen. „Das passiert meist über die Leute, die einem im Sport begegnen.“ Ein guter Verein sei geprägt von engagierten Trainerinnen und Trainern, Ehrenamtlichen und einem starken Miteinander.

Doch das Revier selbst verändert sich. Die zunehmende Versandung des Mühlenberger Lochs stellt beide Vereine vor große Herausforderungen. „Regatten gehen hier eigentlich nicht mehr“, sagt Jan Kruse. „Die Zeitfenster mit hohem Wasserstand sind zu klein.“ Deshalb denke der Verein bereits über Kooperationen und mobile Trainingsstandorte nach. „Aber das Clubleben findet ja hier statt. Wie sich das auswirken würde, wissen wir nicht.“ Auch Hanna und Marla beobachten diese Entwicklung mit Sorge. „Die Verschlickung des Mühlenberger Lochs ist stark zu spüren. Die Zeiten, in denen man segeln gehen kann, haben sich stark verkürzt.“

„Die Verschlickung des Mühlenberger Lochs ist stark zu spüren!“

Marla Bergmann und Hanna Wille

Trotzdem ist ihre Begeisterung für den Sport ungebrochen. „Segeln ist extrem vielseitig: Je nach Boot sitzt man alleine oder mit mehreren auf einem Boot. Jedes Mal ist es anders, weil Wind und Wetter anders sind. Man ist draußen in der Natur und kommt an wunderschöne Orte.“ Gleichzeitig vermittle der Sport Werte wie Verantwortungsbewusstsein, Selbstständigkeit und den Umgang mit Herausforderungen. Und obwohl die beiden heute auf Regatten in aller Welt unterwegs sind, bleibt der schönste Moment oft der, wenn sie nach Hause kommen. „Blankenese ist für uns Heimat. Wir sind viel unterwegs und segeln an super vielen Orten, aber es ist immer wieder besonders, über die Elbchaussee mit Blick auf die Elbe und ins Mühlo nach Blankenese hineinzufahren. Da kommen oft schöne Erinnerungen aus unserer Kindheit und Jugend hoch.“

So schließt sich der Kreis: Zwischen Tradition und Spitzensport, Ehrenamt und Nachwuchsarbeit ist das Segeln bis heute weit mehr als eine Freizeitbeschäftigung. Es gehört seit Generationen zum Leben in Blankenese – und wird den Stadtteil auch in Zukunft prägen.

Segeln bei Wind und Wetter
Segeln bei Wind und Wetter
Sophie Rhine
Sophie Rhine
Redakteurin Print / Online
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