Tourismus in Blankenese: Zwischen Geheimtipp und Besuchermagnet
Blankenese gehört längst zu den beliebtesten Ausflugszielen Hamburgs. Doch wie viele Besucher verträgt der Elbvorort, und lässt sich sein touristisches Potenzial weiterentwickeln, ohne den besonderen Charakter des Viertels zu verlieren? Eine Bestandsaufnahme.
Kürzlich sah ich ein asiatisches Paar mit Sonnenhüten und gezückten Handy durch Hochkamp bummeln. Und auch in Blankenese tauchen sie auf: Touristen. Zeit für eine Analyse, was es damit auf sich hat. Wo stehen wir bei diesem Thema? Was zieht Touristen in die Elbvororte? Ist hier mehr möglich und wäre das überhaupt wünschenswert?
„Verlassen Sie die markierten Wege, biegen Sie in unbekannte Gassen ein. Sie werden sich nicht verlaufen – irgendwann führt jeder Weg entweder bergauf oder bergab, und von dort finden Sie immer zurück“, wirbt eine Website des Treppenviertels um Aufmerksamkeit. Der Hamburg-Tourismus hat im Internet einen halbstündigen Film veröffentlicht, der bei mäßig gutem Wetter Blankeneser über ihren Heimatort erzählen lässt und auf Spaziergang und Bergziege hinweist. Hat man diesen Film hinter sich gebracht, ist man entschleunigt, denkt aber auch: Hier ist deutlich mehr möglich.
Bei den Blankeneser Geschäften herumgefragt, stellt sich Folgendes heraus: Touristen werden gesichtet, weder zu viele noch zu wenige. Süddeutsche, aber durchaus auch Dänen, Amerikaner und Asiaten kommen beispielsweise in Sabine Tubachs kleines Geschäft an der Elbchaussee, vor dem Kinder- und auch Strandspielzeug ausgestellt ist. Joelle, die gegenüber im Café Carroux arbeitet, erzählt: „Engländer, Norweger, Spanier – in den Ferien und an Feiertagen ist es auf jeden Fall nochmal mehr.“
„Richtig viel“, antwortet Petra Nestler von der Boutique Fée auf die Frage nach weitgereisten Kunden. Von den fünf Standorten des Unternehmens, die über ganz Hamburg verstreut liegen, habe Blankenese am meisten Touristen. Aus Süddeutschland und der Schweiz kämen sie und kauften auch. Bei Smith‘s – ebenfalls Klamotten – wurden Touristen aus Skandinavien gesichtet. Andere Kunden seien fürs alljährliche Flottbeker Derby in der Stadt gewesen und kämen dann auch hierher ins Geschäft.
Das lässt sich auch im Elbeeinkaufszentrum feststellen. Wenn Veranstaltungen stattfinden wie Hafengeburtstag, Cyclassics oder Marathon, in den Ferien, aber auch am Wochenende – dann merke man den Zufluss von Auswärtigen deutlich, so Center-Manager Gerhardt Löwe: „Fünf bis zehn Prozent plus am Wochenende. Ich würde sagen, dass der Tourismus stetig zugenommen hat.“ Die Nähe zur A7 gibt Autofahrern auf der Durchreise eine gute Möglichkeit für einen Stopp.
„Fünf bis zehn Prozent plus am Wochenende. Ich würde sagen, dass der Tourismus stetig zugenommen hat.“
Spirituosen und Bekleidung – für Skandinavier sei es hier deutlich günstiger einzukaufen, denn der Preiskampf sei in Deutschland deutlich stärker. Auch in der Waitzstraße habe der Zustrom von Touristen zugenommen, sagt Arne Ehlers von der dortigen Interessengemeinschaft. Da es aber in keinem Reiseführer einen Hinweis auf die Geschäfte gebe, bliebe es überschaubar. Mehr wäre gut, findet er.
„Blankenese zieht für alle welche an“, so ist von Löwe und Ehlers zu hören. Es sei ein Dorf in der Stadt. Blankenese also hat Potenzial. Wo aber ist sein Profil? Christian Fischer von der Interessengemeinschaft Blankenese, der berufliche Erfahrungen in der Reisebranche und auch im Veranstaltungs-Management vorweisen kann, scheint sich hier gut auszukennen: Es geht um Erlebnisse mit Qualität.
„Blankenese, das ist eine Welt, die man nicht automatisch woanders findet.“ Das Potenzial des Ortes läge in der „Vielfältigkeit verschiedener Lebensarten und der gewachsenen Geschichte“ meint er. „Das ist sicherlich ein anderer Tourismus. Leute, die sich ein bisschen mit Hamburg befasst haben, suchen das.“ Es seien Besucher, die es nicht so laut mögen, die die Umgebung erkunden und Geschichten der Fischer und Landwirte entdecken wollten. Christian Fischer behauptet sogar, dass Menschen durch das Eintauchen in die Blankeneser Geschichten eine „Weiterentwicklung im eigenen Leben“ erfahren könnten.
Bei alledem spielt das Treppenviertel mit seinen malerisch in den Hang gebauten kleinen Häusern eine besondere Rolle. Oben in den Geschäften der Bahnhofsstraße ist man sich einig, dass Touristen vom S-Bahnhof kommend Richtung Treppenviertel und hinunter an den Strand streben. „Die Bewohner des Treppenviertels fänden den Touristen-Strom allerdings eher „grenzwertig“, sagt Lars Quassendorf-Kluge von der örtlichen Parfümerie. Und das scheint auch für die Gegend unten an der Elbe zu gelten. „Meinen Sie, dass der Bus da noch durchkommt?“ Eine ältere Frau in Sandalen bleibt stehen, als ich, wochenends vom Waseberg kommend, versuche, rückwärts in den Strandweg zu fahren und zu parken. Und ein Radfahrer mit Helm kommt von Westen, deutet mit dem Daumen über die Schulter zurück: „Polizei ist schon da hinten.“ Negative Vibes unten am Wasser. Sind Besucher und also auch Touristen hier etwa gar nicht erwünscht?
„Ein wahnsinnig widersprüchliches Thema“, findet Sigrid Marcks, die am Strandweg wohnt. „Natürlich kommen viele hierher.“ Im Bus, der wegen unvorhergesehener Ereignisse gar nicht pünktlich sein könne, käme man mit ihnen ins Gespräch: „Die quatschen einen an und möchten Tipps.“ Dass ihr Garten auch mal fotografiert werde, damit müsse man leben. Insgesamt hört es sich so an, als empfinde sie die Touristen als Bereicherung. Sie sagt, dass es eher zu wenig Angebote für Besucher gibt. Man könne nicht runterfahren an den Strand und man könne nicht parken. Die Bergziege sei „proppenvoll.“ Ein paar Meter weiter in der Kajüte unten am Strand nimmt man es, wie es kommt. „Hier muss jeder vorbei, aber wir leben nicht von den Touristen“, ist dort zu hören.
„Natürlich kommen viele hierher. Die quatschen einen an und wollen Tipps.“
So lässt sich feststellen: Touristen kommen her, besonders zu Ferienzeiten und wenn in Hamburg Event-Wochenenden stattfinden. Nach Hamburg-City mit Rathausführung und Museen, Spaziergang zur Elphi und Hafenrundfahrt fährt man dann gern nach Blankenese – heute noch als Geheimtipp.
Das touristische Profil – und hier geht es um Blankenese als besonderen Ort – ließe sich schärfen, aber ob das wirklich nötig ist, bezweifeln einige. Nicht, dass es in Blankenese so passiert wie auf dem Isemarkt, der von Touristen überschwemmt wurde, die alle nur essen wollten und sonst nichts kauften, weswegen die Platzvergabe an Food-Trucks jetzt reglementiert wurde. „Mehr muss nicht“, das sagt Joelle vom Café Carroux. Es bedeute für das Team mehr Arbeit, denn neue Besucher wüssten nicht, wie es läuft, dass man nämlich sein Geschirr selbst wieder an die Theke bringen solle. Auch im Museums-Shop des Jenischhauses ist man zurückhaltend. „Viel“ ist die Antwort auf die Frage nach Touristen. In einer Form hanseatischen Understatements will man aber nicht viel mehr sagen und sowieso werde das Haus demnächst bis 2029 wegen Renovierung geschlossen.
Andere Menschen haben durchaus Ideen. Christian Fischer erzählt von der Erfolgsstory der Pfahlewer, die winters die Bahnhofstraße schmücken und auch in verschiedenen Ausführungen gekauft werden können. Nur im örtlichen Handel, das ist das Besondere. Wer einen haben möchte, muss nach Blankenese kommen. Wir müssen überlegen, sagt er, „wie wir diese Emotionalität in den Sommer kriegen.“ Bei einem etwaigen Marketing-Konzept solle man die Elbchaussee und Nienstedten mit einbinden.
Andere wie Sigrid Marcks unten vom Strand sind bei der Frage nach mehr Tourismus auch eher entspannt: „Ich würd‘s den Restaurants wünschen“, sagt sie. Und wenn man sich Christian Fischers Ideen anhört, verspürt man eine Ahnung, welche Art von Tourismus eventuell möglich wäre, und vielleicht würde das dann doch allen zum Wohle gereichen.