725 Jahre Blankenese

Von der Eiszeit bis heute: Die Geschichte Blankeneses in einem großen Rückblick

Blankenese · · 22 Min. Lesezeit · von Klaus Schümann
„Blankenese an der Elbe, Aussicht von Herrn Klünders Garten“
1818: „Blankenese an der Elbe, Aussicht von Herrn Klünders Garten“ von dem Hamburger Maler und Grafiker Christoffer Suhr (1771 bis 1842)

Vor 725 Jahren wurde Blankenese erstmals urkundlich erwähnt. Der Blick zurück führt jedoch noch viel weiter – bis in die Eiszeit, die Landschaft, Schifffahrt und Ortsentwicklung bis heute entscheidend geprägt hat.

Gorch Fock nannte Blankenese „das Montevideo des Nordens“ und wir hätten ihm auch „die hanseatische Riviera“ abgenommen. Aber wie wurde dieses „Dorf, das wie ein Eden liegt“, aus dem Gedicht von Hans Leip zu dem, was es heute ist? Dazu ein weiter Blick zurück.

Es sind gerade mal 20.000 Jahre her, da konnte man noch trockenen Fußes von den Harburger Bergen zur Blankeneser Hügelkette wandern! Den damals durchgehenden Bergrücken hatten die Gletscher der vorletzten großen Eiszeit, der Warthe-Eiszeit, vor rund 200.000 Jahren aus Skandinavien bis genau hierhergeschoben. Die folgende, die letzte große Eiszeit (Weichsel-Eiszeit) vor den erwähnten 20.000 Jahren kam zwar nur noch bis zur Ostseeküste, aber als die Gletscher abschmolzen, staute sich das Schmelzwasser vor der Sand- und Geröllbarriere, bis sie unter dem ungeheuren Druck nachgab und die gewaltigen Wassermassen sich in die Nordsee ergossen. Dabei entstanden das steile Blankeneser Hanggebiet und die kuscheligen Seitentäler – die Geburtsstunde der begehrten Baugrundstücke in Hanglage mit Elbblick.

Diesen skandinavischen Sanden an der ansonsten schlick- und binsenreichen Niederelbe verdankt Blankenese auch sonst noch viel: Sie waren die Voraussetzung für die wichtige Fährverbindung über die Elbe am Handelsweg von Süd-Norwegen, Dänemark und Schleswig-Holstein in die Mitte Deutschlands. Zu ihrem Schutz ließ Erzbischof Adalbert von Bremen 1060/61 eine Burg auf dem Süllberg errichten, der mit seinen 75 Metern Höhe direkt am Strand am steilsten und imponierendsten aus der „nordelbischen Tiefebenheit“ (Hans Leip) aufragt.

In ihrer Blütezeit um 1842 nahm die Blankeneser Segelflotte mit 243 seetüchtigen Schiffen die Spitzenposition ein.

In ihrer Blütezeit um 1842 nahm die Blankeneser Segelflotte mit 243 seetüchtigen Schiffen die Spitzenposition unter den schleswig-holsteinischen Häfen ein. Als die tiden-unabhängigen Dampfschiffe die Frachtensegler verdrängten, nahmen viele Schifferfamilien ab 1850/60 Sommergäste auf, vorwiegend aus Hamburg – und wieder waren die skandinavischen Sande gefragt, diesmal für die Sandburgen am Strand.

Auch die acht Blankeneser Parks sind letztlich ein Produkt der Eiszeitsande, weil die ursprünglichen Bauernhöfe auf dem Sandboden unrentabel und deren Eigentümer daher dankbar waren, sie an reiche Hamburger Kaufleute verkaufen zu können, die sich seit Ende des achtzehnten Jahrhunderts in den westlichen Vororten Landhäuser mit großzügigen Parks zulegten.

Als diese Parks, einschließlich des Bismarcksteins, in den schwierigen Wirtschaftszeiten zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts zum Verkauf standen, hat die Blankeneser Gemeindevertretung die Gelegenheit genutzt und die Landhäuser mit ihren Grünflächen aus Spendengeldern und Krediten des preußischen Landtags erworben. Von der Kredittilgung zeugen noch immer die ausgefransten Parkränder, wo Baugrundstücke verkauft wurden. Am augenfälligsten beim eingeschrumpften Hesse-Park und – weil familiäre Bindungen zum Altonaer Oberbürgermeister Max Brauer dienlich gewesen sein sollen – auch im Goßlerpark.

Nicht zuletzt dienen die sandigen Hänge auch als Rodelbahnen, etwa auf Schinckels Wiese im Falkental. Dort wird auf Kreeks gerüscht, den flachen Schlitten mit kräftigen, bandbeschlagenen Seitenbrettern aus Esche oder Mahagoni als Kufen. Gesteuert mit der „Latte“, dem 4 bis 7 Meter langen Steuerknüppel unterm Arm, erreichen sie Geschwindigkeiten von bis zu 70 km/h. Nicht umsonst stand am unteren Ende der künstlich vereisten Bahn in „guten“ Wintern vorsorglich ein Krankenwagen, weniger für die Fahrer als für die zu dicht stehenden Zuschauer, die von der Steuerstange was „mitkriegten“.

Bei den Sandbergen der Blankeneser Moräne kehrte sich in Blankenese das Sprichwort vom negativen „auf Sand gebaut“ in sein Gegenteil, denn ohne den Eiszeitsand (der im wahrsten Sinne des Wortes „aus der Kälte kam“) hätte es seine stolze Landschafts-Karriere nicht machen können!

Lithografie von Wilhelm Heuer von 1857
Der Elbblick in Hanglage wurde schon auf dieser Lithografie von Wilhelm Heuer von 1857 geschätzt. Das 20 Jahre vorher auf dem Süllberg vom letzten Fährpächter Peter Georg Carl Hansen mit einem Milchausschank eröffnete Gasthaus hatte Erfolg und bekam einen hölzernen Aussichtsturm und rechts davon den „Trichter“, den von St. Pauli nach Abbruch gekauften Pavillon. Die Landungsbrücke, die sich mit der Tide gut drei Meter hebt und senkt, besteht hier noch aus dem orignalen „Bull‘n“, dem flachbodigen Arbeitsschiff, das 1842 für die erste Landungsbrücke verwendet wurde.

Und was hat sich in dieser sandigen Kulisse allein in den letzten 1.000 Jahren nicht alles zugetragen! Das oft schreckliche Geschehen füllt dicke Bücher, wir greifen einiges heraus: Angefangen hat diese Zeitspanne damit, dass Erzbischof Adalbert von Bremen (und Hamburg) nach der jahrhundertelangen Periode von Überfällen der Dänen und Wenden auf Hamburg und seine Umgebung in den Jahren 1060/61 auf dem Süllberg eine Burg und eine Propstei baute, zu deren Lage der Bremer Chronist und Domherr Adam schrieb:  „Nun ist jedoch der ganze Gau Stormarn, in dem Hamburg liegt, eine flache Ebene und weist an der Slawengrenze weder Berg noch Fluss auf, die den Einwohnern eine Wehr bieten könnten; nur Wälder gibt es allenthalben, und aus der Deckung solcher Schlupfwinkel brechen die Feinde immer wieder unvermutet ein, schlagen unsere Leute tot, die sich sicher fühlen und alles andere erwarten, oder schleppen sie als Gefangene weg, das aber ist für sie schlimmer als der Tod. Nur ein Berg ragt in dieser Landschaft über der Elbe auf, sein langer Rücken zieht sich gegen Westen hin, die Einwohner nennen ihn Süllberg („Quem incolae Sollonberg vocant.“). Ihn hielt der Bischof für geeignet zur Anlage einer festen Burg für den Schutz der Bevölkerung.“

Die Fähre im Schutz der Burg war für Blankenese über viele Jahrhunderte neben der Fischerei die Haupteinnahmequelle.

Eine Fähre war für Blankenese wichtig und über viele Jahrhunderte neben der Fischerei die Haupteinnahmequelle. Denn auch die Fischer unterstützten reihum die Fährknechte beim Rudern der flachen Prahme, um Reisende mit ihren Fahrzeugen oder auch Magervieh aus Dänemark zum Futtertrieb über die Elbe zu setzen, durch das Mühlenberger Loch in die Este-Mündung zur sandigen Fährstelle bei Buxtehude.

Das sogenannte Mühlenberger Loch war (wie das Binger Loch im Rhein) die verengte Fahrrinne zwischen dem sumpfigen Finkenwerder Neß und der Sandinsel Böhaken in einer ansonsten rund 4 qkm großen Wasserfläche, zu der sich die Elbe hier zu einer Breite von 2.400 Metern weitet. Eine ideale „Wasserrollbahn“ (Siegfried Lenz), für die 1941/42 auch noch der Neß-Uferstreifen und Böhaken weggebaggert wurden, um bei Blohm & Voss in Finkenwerder Flugboote zu produzieren.
Sechzig Jahre später, 2001, wurde das Segelrevier Mühlenberger Loch für Produktionshallen auf einer beachtlichen Fläche zugeschüttet.

Nach diesem Einschub noch einmal weit zurück: Durch die ständigen Überfälle der Dänen und Wenden waren die Grafschaften Stormarn und Holstein weitgehend verödet. Um sie an den Grenzen wieder zu festigen und wirtschaftlich zu beleben, hat sie der Sachsenherzog Lothar von Supplinburg im Jahre 1111 dem Grafen Adolf I. von Schauenburg aus der Wesergegend zu Lehen übertragen.

Friesen bringen neues Leben an die Elbe

Damit begann eine unglaublich lange, 530-jährige Regentschaft der Schauenburger, auch wenn ihr Herrschaftsgebiet im Laufe der Zeit bis auf die Grafschaft Pinneberg schrumpfte, weil sie etwa den Hamburgern (wo sie selbst in der Neustadt residierten) Gebiet abtreten mussten als Entgelt für Kriegshilfe gegen die stets begierigen Dänen. Adolf I. bemühte sich ebenso wie sein Nachfolger Adolf II. um ausländische Siedler aus Flandern, Westfalen und Friesland. So kamen fährkundige und seetüchtige Friesen nach Blankenese. Mit ihrem Friesisch grenzten sie sich schon sprachlich von den Bauern im Blankeneser Oberland und im benachbarten Dockenhuden ab.

Mit ihrem friesischen Inselplatt grenzten sie sich schon sprachlich von den sächsischen Bauern im Blankeneser Oberland ab.

Sie heirateten überwiegend untereinander und hatten deshalb auch ihre Inzuchtprobleme. Aber sie waren stets kühne Seefahrer und verarmten nur dann, wenn äußere Umstände, wie etwa die Napoleonische Kontinentalsperre ab 1806 zur Sperrung der Elbmündung führte. In solchen Zeiten mussten sie vermehrt auf Schmuggelei und Strandraub ausweichen.

Die Schauenburger Grafen waren chronisch klamm bei Kasse. Sie versuchten sogar mit dem Spalten von Feldsteinen (Klövensteen = Spaltstein) und deren Verkauf als Baumaterial nach Hamburg Geld zu verdienen. Auch mit dem Verpachten von Hofflächen bemühten sie sich um Einnahmen. Eine Folge davon ist das allererste Landhaus in Blankenese oder genauer in Dockenhuden, heute Pepers Diek 12; denn Graf Ernst verpachtete dort am 14. März 1604 einen Hof an den Hamburger Ratsherrn Eberhardt Esich mit der Berechtigung zu bauen, was der auch tat.

Elbkarte von Melchior Lorichs von 1568
Die älteste Landkarte mit Blankenese ist die Elbkarte von Melchior Lorichs von 1568 (Ausschnitt). Vorgelagert war das Dorf „Blancke Neeß“, davor liegt noch die helle Landzunge mit dem dominierenden Fährhaus, die helle Landzunge, die dem Dorf den Namen gegeben hat. Sie ist von der großen Sturmflut am 11. Oktober 1634 weggespült worden. Rechts davon (in der Mitte) das 1919 eingemeindete Dorf Dockenhuden mit der Mühlen- und späteren Fischersiedlung Mühlenberg (seit 1660) am unteren Mühlbach. Weiter rechts das Kirchdorf Nienstedten, zu dessen Kirche die Gemeinde Blankenese bis zum Bau der eigenen Kirchen 1896 gehörte.

Bei dem nachfolgenden Erbpächter und Hauseigentümer Julio de Moer war im Sommer und Herbst 1632 der aus Holland geflohene, protestantische Staatsmann Hugo Grotius zu Gast. De Moers Haus war ein stattliches, zweigiebliges Landhaus. Der holländische Zeichner Anthonie Waterloo hat es 1660 auf einer Reiseskizze festgehalten. Im Laufe der Zeit ist es zwar verschiedentlich erneuert worden, aber stets als doppelgiebliges Landhaus, bis heute.

Krieg, Besatzung und ein neuer Landesherr

Eine besonders grausame Zeit für alle Holsteiner waren die Jahre des 30-jährigen Krieges (1618 bis 48). Über dessen Schrecken heißt es im zeitnahen, umfänglichen Gedicht des Wedeler Pastors und Dichters Johann Rist (1607 bis 67) u. a.;
 
Das vormals volle Land ist
gänzlich aufgezehret,
Das Vieh hinweggebracht,
die Dörfer stehn verheeret
Die Flecken ohn‘ Gebräu,
die Äcker voller Dorn,
Die Wiesen sonder Heu,
die Scheunen ohne Korn,
Die Städte sind verbrannt,
die Männer sind erschlagen,
Nur arme Waislein sind noch übrig,
die beklagen
Mit Tränen für und für der
liebsten Eltern Tod.
 
Erst brandschatzten die Dänen sechs Jahre lang (1621 bis 27) und „verschonten auch ehrlicher Leute Weiber und Mägde nicht“ (Richard Ehrenberg), dann hausten die kaiserlichen Truppen unter Tilly und Wallenstein, nachdem sie an Hamburg vorbei nach Pinneberg gezogen waren von 1627 bis 29 „wie die hungrigen Wölfe“ und erschlugen viele Bauern, wenn sie die nicht noch grausamer mit dem Säbel an ein Scheunentor hefteten. Noch Jahrzehnte später lagen viele Höfe wüst.
Skizze Fischer
Historische Skizze eines Blankeneser Fischers. Über Jahrhunderte prägte die Fischerei neben der Fährverbindung das Leben und den Wohlstand des Elbortes.

Gegen Ende des 30-jährigen Krieges, am 15. November 1640, wurde auch noch der letzte Schauenburger, der erst 26-jährige, kinderlose Graf Otto VI., bei einem Treffen protestantischer Regenten und Heerführer in Hildesheim vergiftet. Und im Handumdrehen besetzte der Dänenkönig Christian IV. die verwaiste Grafschaft Pinneberg. Bis heute ist ungeklärt, wer den Grafen umgebracht hat. Allerdings drängt sich in diesem ungelösten Politkrimi ein Verdacht auf. Denn wer außer Christian IV. konnte ein politisches Interesse an dieser gewaltsamen Lösung haben? Und wieso konnte er sofort, ohne zeitliche Verzögerung, die große logistische Leistung eines spontanen Einmarschs erbringen?!

Damit endete nach erstaunlichen 530 Jahren die Regentschaft der Schauenburger Grafen und es begann die 223-jährige dänische Besatzung. Fortan segelten die Blankeneser unter dem königlichen Danebrog (altdänisch „rotes Tuch“) mit dem weißen Balkenkreuz.

Skizze Pfahlewer
Ein Pfahlewer war ein für die Elbe typisches Segelschiff mit geringem Tiefgang. Solche Fahrzeuge bestimmten lange Zeit das Bild der Blankeneser Schifffahrt.

Während der langen Besatzungszeit waren die Herzogtümer Schleswig und Holstein zwar scheinbar dänisch und schien Altona die zweitgrößte dänische Stadt nach Kopenhagen, aber sie gehörten nie zum dänischen Staatsgebiet. Da waren die Preußen viel konsequenter. Als sie im Auftrag des Deutschen Bundes zusammen mit den Österreichern die Dänen 1864 bei den Düppeler Schanzen geschlagen und anschließend die Österreicher im Streit um die europäische Vormachtstellung aus Holstein vertrieben und bei Königgrätz besiegt hatten, annektierten sie per Gesetz vom 24. Dezember 1866 die beiden Herzogtümer und machten sie zur preußischen Provinz Schleswig-Holstein.

Preußisch statt dänisch

Das waren Nägel mit Köppen! Und ausgerechnet zu Heiligabend! Nun segelten die Blankeneser unter der schwarz-weiß-roten Flagge des Norddeutschen Bundes. Geflaggt wurde im Hanggebiet schon immer viel. Man zeigte auch politisch Flagge, und so mischten sich in der Weimarer Republik unter die blau-weiß-roten Schleswig-Holstein-Farben vereinzelt auch schwarz-rot-goldene Reichsflaggen und nach 1933, als das Flaggen unter den Nazis zur verordneten Pflicht wurde, auch Hakenkreuzflaggen.

Blankenese im Nationalsozialismus

Nazimarsch in Blankenese
1932: Weil es bei politischen Aufmärschen in Uniform immer wieder zu Krawallen gekommen war, wurden sie vom preußischen Landtag verboten. Deshalb versuchte es die SA (Sturmabteilung, politische Kampftruppe der NSDAP) mit weißen Hemden. So nahm sie auch am Gottesdienst in der Blankeneser Kirche teil, nachdem sie als Marschkolonne von der Polizei aufgelöst worden war. Hier provoziert sie wieder in der Blankeneser Hauptstraße.

Zu Beginn der zwölfjährigen NS-Zeit hatte kaum einer geahnt, dass zu ihrem Ende Millionen Juden in den Konzentrationslagern ermordet, weitere Millionen Soldaten im Zweiten Weltkrieg gefallen sein und die deutschen Großstädte in Schutt und Asche liegen würden. Ein furchtbares Ende. Dabei begann alles ganz demokratisch.

Reichspräsident Paul von Hindenburg hatte am 30. Januar 1933 den Führer der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt, und dessen Partei wurde bei der anschließenden Reichstagswahl am 5. März 1933 mit 43,9 Prozent aller Stimmen die stärkste politische Kraft. Die Menschen hofften auf ein Ende der wirtschaftlichen Not und auf einen politischen Neubeginn nach dem verlorenen Krieg (1914 bis 18).

Die damalige „nationale Euphorie“ ist heute kaum noch nachvollziehbar, selbst unter den Hamburger Pastoren „gab es eine große grundsätzliche Begeisterung für die nationale Erhebung, die das deutsche Volk wieder vereinen und zu alter Größe führen sollte“. So standen auch die konservativen Blankeneser Pastoren Propst Wilhelm Schetelig und Pastor Richard Schmidt dem Machtwechsel 1933 zunächst positiv gegenüber und vertrauten den christlich verbrämten Bekundungen Hitlers.

Auch die konservativen Blankeneser Pastoren standen dem Machtwechsel 1933 zunächst positiv gegenüber.

Die Ernüchterung kam bald. Die dunklen Zeichen einer menschenverachtenden Diktatur mehrten sich, besonders deutlich mit der blutigen Niederschlagung des angeblichen Röhm-Putsches im Juni 1934, bei der rund 1.000 politische Gegner ermordet wurden. Jetzt hatte die NSDAP mit ihren Organisationen das deutsche Volk fest im Griff; auch der leiseste politische Widerstand wurde sofort brutal gebrochen. In den Kriegsjahren 1939 bis 45 stand Pastor Schmidt dem sogenannten „Kösterbergkreis“ nahe.

Das war eine lose Gruppe NS-kritischer Persönlichkeiten aus Blankenese um den damaligen Landgerichtspräsidenten Johannes Robert Meyer, der in der Kösterbergstraße 80 wohnte, daher „Kösterbergkreis“. Sie bildeten keine Widerstandsgruppe, aber immerhin eine lose Gemeinschaft gleichgesinnter NS-Gegner, was damals gefährlich genug war.

Für die politische Grundhaltung der Blankeneser Bevölkerung war die Einstellung von Pastor Schmidt symptomatisch. Sie war immer bürgerlich-konservativ. Davon haben viele Zeitzeugen berichtet, aber geschrieben hat darüber offenbar nur ein einziger, der spätere Chirurg Prof. Dr. Michael Trede (Der Rückkehrer, 2003), der im März 1939, zehnjährig, mit seiner jüdischen Mutter auf der ,St. Louis‘ nach England emigrierte.

Selbst die sogenannte „Reichskristallnacht“ (9./10. Nov. 1938), in der im ganzen Reich die Scheiben jüdischer Geschäfte eingeschlagen und Synagogen angezündet wurden, hinterließ hier keine Spuren: „In Blankenese gab es kein Pogrom. Es gab ja auch keine Ziele.“ Seine Mutter gab in der Wohnung Zur Fernsicht 28 (heute Potosistraße) Klavierunterricht, bis ihr das 1938 als Jüdin verboten wurde.

Ein Berufsverbot hatte seit 1936 auch der sozialistische Hauslehrer und Pastor Wilhelm Heydorn, dem der Reemtsma-Direktor Müller dadurch half, dass er seinen Kindern von ihm Nachhilfeunterricht geben ließ. Sein Sohn Volker Detlef Heydorn wurde ein bekannter Blankeneser Maler (1920-2004); ihm wurde im Frühjahr 1939 das Abitur trotz hinreichender schulischer Leistungen versagt, weil er sich weigerte, Mitglied der Hitler-Jugend (HJ) zu werden. In der ablehnenden Beurteilung der „Oberschule für Jungen Blankenese“ in der Kirschtenstraße heißt es in der bombastischen Sprache jener Zeit: „Ohne innere Bereitschaft steht er wichtigen Fragen der Weltanschauung und des deutschen Volkes gegenüber, … und lässt die nötige Ehrfurcht vor großen Fragen unserer Zeit vermissen.“

Flak auf dem Goßlerhaus 1943
Flak-Abwehr vom Dach des Goßlerhauses im Winter 1943.

Michael Trede dagegen wäre gern Pimpf im Deutschen Jungvolk (DJ) geworden, was eigentlich jeder Junge mit 10 Jahren wurde, ehe er dann mit 14 in die HJ aufgenommen wurde. Aber als „Halbjude“ durfte er nicht, anders als sein ebenfalls „halbjüdischer“ Klassenkamerad Jürgen Freundlich, von dem er berichtet: „Er ist sogar 1940 in die Hitler-Jugend eingetreten – allerdings in Dockenhuden, wo ihn keiner kannte und keiner Fragen stellte. Erst im Spätsommer 1944 wurde er als Mischling vom Blankeneser Gymnasium verwiesen. Er tauchte unter und schlug sich als Bürobursche bei einem hilfsbereiten Rechtsanwalt bis zum Kriegsende durch.“

Untergetaucht war auch das jüdische Ehepaar mit kleinem Kind, das während des Krieges versteckt unter dem Dach des Hauses Simrockstraße 92 lebte; gleich nach Kriegsende ist es weggezogen. Daneben gab es aber auch tragische Einzelschicksale, wie das des jüdischen Kaufmanns und Krawattenfabrikanten („Laco“) Julius Asch aus der Elbchaussee 557 (damals 30), der nach der „Arisierung“ seiner Firma Chs. Lavy & Co. in Hamburg verzweifelt am 2. Januar 1939 in der Elbe beim Bull’n Selbstmord beging. Diesem Schicksal entzogen sich nach der Zustellung ihrer Deportationsbescheide die jüdische Malerin Alma del Banco am 7. März 1943 in der Hasenhöhe durch eine Überdosis Morphium und die christlich getaufte Jüdin Sophie Jansen zuvor am 17. Juli 1942 in der Blankeneser Hauptstraße ebenfalls durch tragischen Freitod.

Die Schreckenszeit hatte ihr Ende, als die Briten am 3. Mai 1945Hamburg besetzten und in Blankenese Quartier bezogen.

Als Propst Schetelig von ihrer Familie gebeten wurde, die christliche Aussegnung an der Familiengrabstätte auf dem Ohlsdorfer Friedhof vorzunehmen, sagte er spontan zu, musste dann aber zurücktreten, weil die ev. Landeskirche kurz vorher die alleinige „seelsorgerische Betreuung“ aller ev. getauften „Judenchristen“ in Hamburg und Schleswig-Holstein, vermutlich 124, dem „judenstämmigen“ Pastor i. R. Walter Auerbach in Altona übertragen hatte.

Sagebiel's Fährhaus 1945
Hauptquartier der Briten für den Hamburger Westen bei Sagebiel (1945).

Neubeginn unter britischer Besatzung

Diese Schreckenszeit hatte ihr Ende, als die „Wüstenfüchse“ der 7. Britischen Panzerdivision am 3. Mai 1945 Hamburg besetzten und auch in Blankenese Quartier bezogen. Wie gut sie über die politischen Verhältnisse hier Bescheid wussten, zeigt der Besuch des Majors Tozer von der ‘Political Intelligence’ schon einige Tage später beim Studienrat Hans Donandt im früheren Warburg’schen Gästehaus am Falkensteiner Ufer 20 (heute 28a). Er wohnte dort seit 1938 und war 1941 als Lehrer für Deutsch, Geschichte, Religion, Latein und Sport (eine kriegsbedingte Häufung wegen Lehrermangels) an die „Oberschule für Jungen“ in der Kirschtenstraße versetzt worden mit dem Hinweis in seiner Personalakte: „Bei dem Judenfreund Donandt vorsichtig sein bei der Schulzuweisung.“

Major Tozer, sportlich, Mitte 30, trat allein ins Haus. Er war gut vorbereitet und fragte Hans Donandt auf Deutsch nach dem Widerstand des „Werwolfs“ hinter der Front in Blankenese. Als Donandt verneinend lachte, lachte er mit, er wusste Bescheid, er wollte es nur noch mal bestätigt haben. Blankenese bot auch sonst keine militärischen oder politischen Themen, die ein Eingreifen der Besatzungsmacht erfordert hätten. So konnte sich Major Tozer am Ende des Gesprächs darauf beschränken, zu fragen, ob er zum Musizieren wiederkommen dürfe. Er spielte ausgezeichnet Querflöte und begleitete Ehefrau Margarete Donandt öfters zum Klavier. Was für eine friedliche Metapher, dieses gemeinsame Musizieren zum Kriegsende am Falkensteiner Ufer!

Die entbehrungsreiche Nachkriegszeit mit ihrem Mangel an Lebensmitteln, den Hamsterfahrten über Land, dem Ährensammeln auf Stoppelfeldern, dem fehlenden Heizmaterial und dem zugehörigem Baumklau sogar auf dem Friedhof am Sülldorfer Kirchenweg sowie der großen Wohnungsnot und später dann die zukunftsfrohe Aufbauzeit nach der Währungsreform 1948 möchte ich mit zwei Anekdoten über zwei Blankeneser Künstler skizzieren. Mit einer bekannten über Hans Leip zur Wohnungsnot und einer unbekannten über Horst Janssen zur wiedergewonnenen Lebenslust.

Luftbild der Elbe
Blankenese in der Gegenwart, eingebettet im grünen Vorraum der Großstadt Hamburg mit der Insel Schweinsand vor der Haustür.

Hans Leip lebte an der Süllbergsterrasse 37, erlebte das Kriegsende aber in Tirol, wo er für den Cotta-Verlag tätig war. Als er im November 1945 nach Blankenese zurückkam, war hier die Bevölkerungszahl durch Ausgebombte und Ostflüchtlinge seit 1943 sprunghaft um gut 7.000 auf etwa 23.000 hochgeschnellt (heute leben hier 13.500).

Die kuschelige Enge von Blankenese und stets eine Ahnung von Weite.

Auf engstem Raum mussten sich die Menschen einrichten. Ganze Familien in nur einem Zimmer, mit Ofenrohren aus dem Fenster. Jahrelang wurde der knappe Wohnraum von der Gemeinde zwangsverwaltet. Entsprechend überbelegt war auch das Haus von Hans Leip, dem nun sein Arbeitszimmer fehlte.

Als ihm die Zuweisung eines zusätzlich beantragten Raumes als Dichter verweigert wurde, wandte er sich schließlich an Hamburgs Ersten Bürgermeister Max Brauer, der ihn aber trotz ihrer persönlichen Bekanntschaft beschied: „Wieso? Dichten kann man doch auch auf dem Klo.“ Enttäuscht zog Hans Leip zunächst an den Chiemsee und dann nach Fruthwilen am Bodensee, wo er 1983 fast 90-jährig starb.

Horst Janssen – Genie und Bürgerschreck

Der geniale Zeichner und exzentrische Bürgerschreck Horst Janssen (1929 bis 95) gehört zu den später „aus der Stadt“ Zugezogenen, (denn mehr als Blankeneser kann ein Hamburger nicht werden!). 1967 kaufte er das frühere Kutscherhaus Mühlenberger Weg 22 und lebte hier bis zu seinem Ende. Die Geschichten über ihn füllen lange Abende. Fragen Sie bloß mal alte Blankeneser Taxi-Fahrer nach ihrem großzügigsten Fahrgast!

Einer von ihnen hat mir mal die Fahrt zum Flughafen verkürzt mit folgender (hier stark, sehr stark gekürzten) Geschichte über eine gemeinsam mit Horst Janssen in einer Arrestzelle der Polizei im Osten Hamburgs verbrachte Nacht: Als er ihn mit dem Taxi an einem späten Abend am Mühlenberger Weg abholte, bekam er noch mit, wie Horst Janssen am Telefon von einer Dame gebeten wurde, nicht zu kommen, ihr Mann sei da. Sie fuhren trotzdem los. An der nächsten Tankstelle musste er auf Janssens Geheiß eine Flasche Rotwein kaufen.

Der Taxi-Fahrer dachte an ein Gastmitbringsel, aber Horst Janssen trank sie unterwegs aus. Der besagte Ehemann empfing sie schon am Gartenzaun. Die Unterhaltung mit ihm entwickelte sich lebhaft und schließlich handgreiflich. Die Polizei kam und nahm Horst Janssen mit. Auf der Wache randalierte er so, dass er zur Ausnüchterung in die Arrestzelle sollte. „Nicht ohne meinen Chauffeur!“ Der willigte schließlich ein und verbrachte die restliche Nacht mit ihm in der Zelle. Am frühen Morgen war die Polizei froh, beide freiwillig wieder loszuwerden. Der Taxi-Fahrer musste sich nur für Horst Janssen verbürgen. Wofür weiß er nicht.

Kutterfahrten zu 700 Jahre Blankenese
Blankenese feierte sein großes Jubiläum im Juni 2001, 700 Jahre nach der ersten urkundlichen Erwähnung mit spektakulären Aktionen auf der Elbe.

Als Blankenese zehn Tage lang feierte

Der 700. Jahrestag der ersten Blankenese-Urkunde wurde 2001 zehn Tage lang gefeiert. Bei herrlichstem Sommerwetter strömten die Hamburger Tag für Tag zum Blankeneser Anleger, um die Cap San Diego und mehrere Marineschiffe am Bulln zu bewundern. Oder um zu erleben, wie sich die Englandfähre bei jeder Passage auf dem Spiegel drehte und Tuckerboote auf den Elbewellen Ballettkünste zeigten.

In den Parks, Kirchen und Sälen wurden mehr als 90 Konzerte aufgeführt. Und auf dem Marktplatz lockte ein buntes Programm in das riesengroße Festzelt. Höhepunkt war der Abschiedsball, den man in der Führungsakademie feierte. Für die Nebenkosten waren vom Trägerverein 250.000 Mark gesammelt worden. Doch das Wichtigste war: Hamburger und Blankeneser lernten sich bei den zahlreichen Veranstaltungen kennen und schätzen.

700 Jahre Blankenese im Jahr 2001 – 10 Tage feierten Blankeneser und Hamburger das Jubiläum.

Im Jahr darauf war der Schwung der Organisatoren immer noch so groß, dass sie unbedingt weitermachen wollten. Dazu fand der „Förderkreis 700 Jahre Blankenese“ im historischen „Fischerhaus“ an der Elbterrasse 4 eine Heimat als Untermieter der Kirche. Hier wurde nicht nur die erste Ausstellung über den historischen Einzelhandel in Blankenese gezeigt, sondern der eine oder andere brachte gehütete Blankeneser Devotionalien mit, um sie der Allgemeinheit dauerhaft zugänglich zu machen.

Diesem Anfang folgte bis 2017 eine Kette von mehr als 50 Ausstellungen, wie z.B. „Troja ist überall! Archäologische Funde vom Blankeneser Elbstrand“ oder „Souvenirs und historische Stiche aus dem alten Blankenese“. Die Sammlung wuchs mit den Jahren auf mehr als 700 Exponate und über 6.000 alte Fotos. Und der Förderkreis änderte seinen Namen in „Förderkreis Historisches Blankenese.“ Publikumswirksam waren auch die im Garten abgehaltenen „Blankeneser Literaturtage“ und die alljährlichen „History Days“.  Gesamthaft wurden über viele Jahre 10.000 Besuchsvorfälle p.a. gezählt.

Mehr als 50 Ausstellungen wie z. B. „Troja ist überall! –Archäologische Funde.“

Mit der Grundsanierung des Hauses 2017 endete alles. Nachdem die Bauarbeiten 2024 abgeschlossen waren, entwickelte die Kirche andere Nutzungs-Ideen für das Haus, in die die beliebte museale Dekoration der Wände nicht mehr passte, hieß es, genau wie die Outdoorveranstaltungen im Garten. Die Exponate lagern derzeit auf dem Dachboden des Fischerhauses. Mit Beginn der 2000er-Jahre veränderte sich Blankenese. Die Bahnhofsbebauung wurde nach gefühlten 20 Jahren Diskussion und unendlichen Änderungen in der heutigen Form realisiert. Dazu musste der Bahnhofsplatz, zum Ärger vieler, auch einen neuen Namen bekommen. Immerhin erinnert er an den verdienten Demokraten Erik Blumenfeld.

Parallel bereitete sowohl der fließende wie auch der ruhende Verkehr immer mehr Kopfschmerzen. Gut gemeinte Lösungsvorschläge und großzügige Angebote fanden keine Mehrheit. Unter dem Markt wollte ein Investor eine Tiefgarage bauen, und die Kreuzung Bahnhofstraße/Auguste-Baur-Straße sollte durch einen Kreisverkehr entspannt werden. Doch als man erfuhr, dass zur Realisierung der Projekte alte Bäume hätten abgeholzt werden müssen, waren die Pläne gestorben.

Geschichte bewahren – und Zukunft gestalten

Anders verhielt es sich mit der Marktplatzgestaltung. Nach heftigen Diskussionen und Probelegungen von Pflastermustern fand man schließlich einen halbherzigen Kompromiss. Es fehlte nur noch ein neues Markthaus. Doch man hatte dazugelernt. Verschiedene Entwürfe wurden der Bevölkerung zur Abstimmung vorgelegt. Nach Fertigstellung des Baus meldeten sich auch hier zahlreiche Kritiker: Der Blick auf die Kirche sei jetzt eingeschränkt, die Kupferverkleidung ein zu teurer Baustoff usw.
Für den neuen Cafébetreiber war existenzgefährdend, dass er die Gäste auf der Marktfläche vor dem Haus, entgegen vorheriger Absprache, nicht bewirten durfte. Das bedeutete für ihn und auch für Nachmieter das Aus.

Heute betreibt der Förderverein Markthaus e. V. das Café mit frischen, unkonventionellen Ideen wie Lesungen, historischen Themen, Ausstellungen, Stricken, Urban Dance, einem Kneipenchor, Französischunterricht, Spieleabenden, Marktschach, Kaffeeklatsch und Konzerten. Drücken wir die Daumen für endlich gutes Gelingen!

Die bisher recht bewegte Geschichte von Blankenese verläuft derzeit gottlob in ruhigen, freiheitlichen Bahnen, politisch eingebunden in einen von insgesamt 104 Hamburger Stadtteilen. Wir haben die unterschiedlichen Zeiten im Sauseschritt durcheilt. Aber daneben gibt es immer wieder Augenblicke, da bleibt die Zeit einfach stehen und lässt ein ortstypisches Phänomen spürbar werden, dass in der kuscheligen Enge von Blankenese stets eine Ahnung von Weite steckt.

Kutterfahrten zu 700 Jahre Blankenese
Die Kutter des BSC (Blankeneser Segel Club) und MSC (Mühlenberger Segel Club) begleiten das Kreuzfahrtschiff „Europa“ zu seinem zehnjährigen Jubiläum an Blankenese vorbei.
Klaus Schümann
Klaus Schümann
Herausgeber und Chefredakteur
Artikel teilen