725 Jahre Blankenese

Weiße Villen über der Elbe: Die Geschichte der Blankeneser Landhäuser

Blankenese · · 7 Min. Lesezeit · von Dr. Eva-Maria Hanebutt-Benz
Sommerfest des Fördervereins Goßlerhaus vor dem Landhaus
Sommerfest des Fördervereins Goßlerhaus vor dem Landhaus

Die weißen Landhäuser über der Elbe prägen das Bild Blankeneses bis heute. Entstanden als Sommersitze wohlhabender Kaufleute, erzählen sie von wirtschaftlichem Aufschwung, klassizistischer Architektur und der Entwicklung des Stadtteils.

Es war die Verfügbarkeit von großen Flächen Land auf dem kargen, abgeholzten Geestrücken und seinen Abhängen zur Elbe von Altona bis Blankenese, neben dem Aufkommen einer neuen Lebenshaltung und dem damals modernen Stilempfinden des Klassizismus. Die Flurbereinigung des 18. Jahrhunderts in Holstein, eine Aufhebung der bäuerlichen Feldgemeinschaften, führte zur Aufgabe der Allmende, dem allgemeinen Grundbesitz, und Zusammenlegung vieler kleiner in wenige große Flurstücke, die nun von den Besitzern frei verkauft werden konnten. Hamburg wurde zur selben Zeit zur Erdteile verbindenden Seehandelsstadt und zog, zusammen mit Altona, unternehmerische Menschen aus vielen Ländern an. Sie vertraten eine gewissen Bodenständigkeit verbunden mit Weltoffenheit, die kulturelle Einflüsse der Niederlande, Englands und Frankreichs harmonisch zusammenzuführen wusste.

Noch bevor die ersten Landhäuser in Blankenese und Dockenhuden entstanden, hatte es seit dem 17. Jahrhundert „Lusthäuser“ von Nichteinheimischen gegeben, meistens umgebaute Gehöfte. Erst ab 1780 entwickelte sich die Form der antikisch inspirierten Häuser in Landschaftsgärten, einer „künstlichen Natur“ in Abgrenzung von den vorangehenden formalen Gartenanlagen des Barock. Für diese Art der von England ausgehenden Gartenanlagen waren die Hänge entlang des Elblaufs eine hervorragende Voraussetzung. Mögen die „weißen Häuser“ Blankeneses auch an die Herrenhäuser amerikanischer Südstaaten erinnern, so war ihre Funktion mit diesen nicht zu vergleichen. Es handelte sich um Sommerhäuser, um in den warmen Monaten die bessere Luft und schöne Ausblicke in Nähe der Elbe genießen zu können; für den Winter reichten die Heizmöglichkeiten nicht aus. Der Hauptwohnsitz der Familien war in der Stadt zu finden. Frauen und Kinder genossen in den warmen Monaten die Natur, die Hausherren kamen zum Wochenende dazu. Was man den Bauwerken nicht ansah war, dass sie meistens als Fachwerkbauten geldsparend errichtet wurden und nur durch Holzverschalung und Putz ihre Überhöhung als tempelartige Solitäre erhielten.

Landhaus Godeffroy im Hirschpark
Landhaus Godeffroy im Hirschpark

Es war der dänische Baumeister Christian Frederik Hansen (1756 – 1845), der als einflussreichster Architekt des klassischen Stils im europäischen Norden gilt, dem die frühesten drei Landsitze in Blankenese und Dockenhuden zu verdanken waren. Als erstes der klassizistischen Gebäude baute Hansen von 1789 – 1792 für den Hamburger Unternehmer Johann César IV. Godeffroy auf Dockenhudener Gelände ein breit gelagertes, repräsentatives Landhaus im Palladiostil als „Gartenpavillon“, heute das Hirschparkhaus. Die Inschrift „Der Ruhe weisem Genuß“ auf dem eindrucksvollen Giebelband unterhalb des niedrigen Kupferdachs spiegelte die Haltung der Bewohner. Hansen schuf für sie einen strengen zweigeschossiger Zweckbau von fünf Achsen mit eingeschossigen Seitenflügeln. Die Eingangsfront zur Elbchaussee von einer Vorhalle mit zwei mächtigen Säulen und einer Freitreppe dominiert, das obere Geschoss als Mezzanin ausgebildet. Die Elbfront wirkt mit ihrem halbrund vorspringenden Mittelbau gleichzeitig prächtiger und verspielter. Godeffroy, den man auch den „ungekrönten König der Südsee“ nannte, verwandelte die karge Landschaft in weitläufige Gartenanlagen, hauptsächlich im englischen Stil. Mitte des 19. Jahrhunderts ließ Johann César VI. Godeffroy das Damwildgehege schaffen, das Haus und Park den Namen gab. 1885 wurde der Besitz weiterverkauft. Mit dem Anschluss Blankeneses an Altona 1927 wurde die Gemeinde Blankenese Eigentümer und das Haus ein Verwaltungsgebäude. Heute wird das Landhaus von der traditionsreichen „Lola-Rogge-Schule für Tanz und Bewegung“ genutzt.

Mit dem Anschluss an Altona 1927 wurde die Gemeinde Blankenese Eigentümer und das Haus ein Verwaltungsgebäude.

Das „Weiße Haus“, auf einem Grundstück an der Elbchaussee zwischen Hirschpark und Baurs Park, ist das einzige, das sich heute noch in privatem Besitz befindet. Es ist wohl auch das am wenigsten bekannte Landhaus, da es durch Baum- und Buschbestand zur Straße hin kaum ins Auge fällt und die Parkanlagen nicht öffentlich sind. Peter Godeffroy, der Bruder von Johan César IV., hatte 1789 mehrere Flurstücke erworben, die schon vorher als Sommersitze genutzt worden waren, und ließ von Hansen einen klassizistischen Bau errichten, der 1796 fertiggestellt war. Es handelt sich um einen kompakten Baukörper auf H-förmigem Grundriss von klarer und symmetrischer Einteilung. Die Eingangsseite zeigt ein von ionischen Säulen gerahmtes Portal; die Gartenseite wirkt durch vier ionische Säulen, die einen Balkon mit Balustrade tragen. Spätere Besitzer, alle im weitesten Sinne familiär mit der Familie Godeffroy verbunden, haben sich sehr um den Erhalt der Einrichtung des 18. Jahrhunderts bemüht und Fehlendes wiedererstehen lassen, sodass dieser Landsitz im Inneren der besterhaltene von allen ist. Heute wird er von der Familie Essberger-von Rantzau bewohnt.

Der tradtionelle Rodelberg vor dem Goßlerhaus
Der tradtionelle Rodelberg vor dem Goßlerhaus

Zu Hansens eindrucksvollsten Bauten gehörte sicherlich das Landhaus Blacker auf dem Krähenberg in seiner originären Form, als Goßlerhaus bekannt. Sein Bauherr,  Courtmaster der englischen Kaufmannsgilde Merchant Adventurers in Hamburg, John Blacker, hatte vor, „einen Tempel zu bauen, der auf einem wahrhaften Parnass stehen sollte, …“. Hansen entsprach dieser Idee mit dem Entwurf eines eingeschossigen Bauwerks auf rechteckigem Grundriss in der Art eines griechischen Tempels mit an den Schmalseiten vorgelagerten breiten Säulenportiken und Figurenschmuck im Giebelfeld. Die Längsseiten waren als Loggien mit dorischen Säulenstellungen ausgebildet. Das schlichte, doch monumental wirkende Bauwerk von 1796 könnte etwas von der in Frankreich in Mode gekommenen Revolutionsarchitektur beeinflusst gewesen sein. Aus praktischen Gründen ruhte es auf einem hohen Souterrain, um für die Familienwohnräume genügend Fläche gewinnen zu können – eine Bescheidenheit, die später zurückgenommen wurde.

Das abschüssige Gelände um das Haus herum ließ Blacker zu einem Park umwandeln, wie er ihn aus seiner Heimat kannte. Nach mehrfachem Besitzwechsel innerhalb der Familie erwarb der Hamburger Kaufmann John Henry Goßler 1896 das Anwesen als letzter privater Besitzer. Das Gebäude, das seinen Ansprüchen nicht mehr genügte, wurde von Martin Haller, dem Architekten des Hamburger Rathauses, zweistöckig umgebaut, fiel 1901 einem Brand zum Opfer und wurde 1901 – 1902 in Form des Vorgängerbaus massiv wieder aufgemauert. Nach Goßlers Tod 1924 übernahm die Gemeinde Blankenese Haus und Gelände. Das Goßlerhaus diente lange Zeit als Ortsverwaltung und beherbergte das Standesamt. 2007 wurde es renoviert und mithilfe einer Stiftung kulturellen Zwecken zugeführt. Heute finden wir dort das Musikkonservatorium sowie die Horst-Janssen-Bibliothek.

Das eher schlichte Hesse-Haus
Das eher schlichte Hesse-Haus

Gegenüber den anderen Bauten zurückhaltender zeigte sich das Landhaus, das sich der aus Braunschweig stammende Kaufmann Rüttger Heinrich Klünder, Prokurist im Unternehmen Peter Godeffroy Söhne & Comp, 1800 auf der Anhöhe Kiekeberg bauen ließ. Sein Architekt ist nicht gesichert. Es war auf quadratischem Grundriss errichtet, zweigeschossig mit Halbgeschoss, besaß einen Anbau für wirtschaftliche Zwecke und war weiß verputzt. Zur südlich gelegenen Elbseite führte eine giebelbekrönte Doppeltür auf die Terrasse hinaus. Eine rotbraun gestrichene Balustrade über dem Dachgesims schloss das schlichte Gebäude nach oben wirkungsvoll ab. 1856 erwarb der Hamburger Syndikus Dr. Karl Hermann Merck den östlichen Teil der Besitzung mit dem Landhaus und veranlasste einige Umbauten, wie die Verlegung des Treppenhauses in den Anbau. In den früheren Gesellschaftsräumen und im Vestibül haben sich Stuckdekorationen aus dieser Zeit erhalten.

Als 1876 Georg Heinrich Hesse das Anwesen erwarb, wurden die Bezeichnungen Hessehaus und Hessepark geläufig. Auch diese wurden 1926 von der Gemeinde Blankenese erworben, das Gelände zum Teil parzelliert und verkauft. Das Hessehaus diente als Finanzverwaltung; 2008 zog die neugegründete Bugenhagen-Schule ein.

Katharinenhof im Baurs Park
Der Katharinenhof im Baurs Park erwartet neue Bedeutung.

Als letztes der großen Landhäuser dieser Epoche ist Georg Friedrich Baurs Villa am Mühlenberger Weg zu nennen. Der Altonaer Kaufmann, später Kommerzienrat, hatte von 1802 bis 1817 eine Reihe von Grundstücken erworben, die er von Joseph Ramée zu einer grandiosen Parkanlage zusammenfassen ließ, die Berühmtheit erlangte. Viele Elemente, wie eine Turmruine, ein Pagodenturm, eine Waldhütte und anderes ließen sie schon zu einer Schöpfung der Romantik werden. Baurs Landhaus, von den dänischen Architekten Ole Jörgen Schmidt (Smith) und Johann Matthias Hansen1829 – 1836 erbaut, wirkte durch seine seitlichen Risaliten, die jeweils durch ein Mezzaningeschoss etwas über den Mittelteil erhöht waren.

Den Namen „Katharinenhof“ erhielt das Landhaus als Huldigung an die Ehefrau des Besitzers.

Zur Elbseite gab es eine Säulenloggia, darüber ein Relieffries mit dem Thema „Raub der Proserpina“. Die Schiffe der Baur´schen Reederei wurden, wenn sie das Besitztum auf der Elbe passierten, vom Kanonenberg (heute von einem Leuchtturm besetzt) mit einem Kanonenschuss begrüßt. Den Namen „Katharinenhof“ erhielt das Landhaus von seinem späteren Besitzer (ab 1923) L. R. Müller, als Huldigung an dessen Ehefrau. Seit 1937 im Besitz der Stadt Hamburg und als Ortsamt genutzt, wurde das Gebäude in den letzten Jahren privatisiert, mit der Auflage teilweiser kultureller Nutzung. Das Kunsthaus Baurs Park wird hier in sorgsam restaurierten Räumen ab 2027 internationale zeitgenössische Kunst verbunden mit unterschiedlichsten Veranstaltungsformaten präsentieren.

Die Landsitze, von denen hier die bedeutendsten genannt wurden, wirkten sich vielfältig auf das Wirtschaftsgefüge ihres Umfelds, auf Handwerk, Lohnarbeit und Unternehmensgründungen aus. Am deutlichsten wurde dies im Entstehen zahlloser Gärtnereien und Baumschulen, heute noch in der weiteren Umgebung zahlreich vertreten.

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