Schnee von gestern?

Weiße Winter werden seltener – was der Klimawandel verändert

Blankenese · · 5 Min. Lesezeit · von Klaus Schümann
Winter 1982 am Strandweg in Blankenese
Ununterbrochen rieselnde Schneeflocken, meterhohe Schneeverwehungen, Reifenspuren, die wie Schienen auf den Straßen liegen. Rodeln, Schlittschuhlaufen, dick eingewickelt durch die Winterlandschaft schlendern – nur noch Erinnerungen?

Verschneite Straßen, weiße Weihnachten und wochenlange Frostperioden gehörten einst vielerorts zum Winter dazu. Heute sind solche Bilder deutlich seltener geworden. Messdaten zeigen: Deutschlands Winter werden seit Jahrzehnten milder – mit spürbaren Folgen für Schneefall, Weihnachtswetter und Wintersportregionen.

Ein verschlafener Blick aus dem Fenster. Es ist früh am Morgen, alles dunkel. Dunkel? Da stimmt doch etwas nicht. Es ist heller als sonst, es hat geschneit! Und das tut es immer noch. Dicke Flocken rieseln aus dem noch nächtlichen Himmel und richten sich zum Liegenblieben auf der gefrorenen Erde ein. Im Licht der Straßenlaterne sind verschneite Hecken, Autos, Wege und Straßen erkennbar. Die weiße Landschaft wird sichtbar, es ist Winter, er ist da. Und kalt ist es auch. So soll es sein. Die Nachrichten vermelden die gefallene Schneehöhe in Zentimetern – man erwartet bis 50 Zentimeter Neuschnee.

Zuvor hatte eine Eiseskälte für die notwendige Erkaltung des Bodens gesorgt. Der Schnee bleibt liegen und vermehrt sich in abenteuerlicher Geschwindigkeit. Verkehrsmeldungen gehen vom Unwetter, wenn nicht gar von „Schneekatastrophen“ aus. Auch wenn man im Alpenraum eher schmunzeln würde. Ein Szenario, an das sich jüngere Jahrgänge möglicherweise nicht erinnern, weil sie es nicht erlebt haben. Schließlich hat der Klimawandel seinen Einfluss auch auf die weiße Jahreszeit. Doch wie haben sich die Wintertemperaturen in den letzten 20 Jahren entwickelt? Gibt es einen deutlichen Wärmetrend beim Winter? Laut Umweltbundesamt (UBA) und dem Deutschen Wetterdienst (DWD) ist der lineare Temperaturtrend für den Winter (gemeint sind die Monate von Dezember bis Februar) seit 1881 bis 2024 um etwa +2,1 °C angestiegen.

Alstervergnügen 2012
Am 10. Februar 2012 wurde das Alster-Eisvergnügen auf der zugefrorenen Außenalster in Hamburg eröffnet. Die Behörden hatten die zugefrorene Alster freigegeben. Hamburgs Winterparty konnte starten ...

Das deutet darauf hin, dass auch in den letzten 20 Jahren die Winter im Schnitt deutlich milder geworden sind. Der vergangene Winter 2024/25 hatte beispielsweise eine durchschnittliche Wintertemperatur von 2,1 °C laut DWD. Diese Zahl liegt 1,9 °C über dem Referenzwert der Periode 1961–1990 (deren Wintermittel bei etwa 0,2 °C lag). Der Winter 2024/25 war damit der 14. relativ milde Winter in Folge.  Der Winter 2005/2006 war deutlich kälter: Die Mitteltemperatur lag bei −0,8 °C. Aber es ging auch andersrum: Sehr milde Winter wie 2006/07 oder 2019/20 hatten große Abweichungen nach oben. So kam der Winter 2006/07 mit +4,4 °C über dem damaligen Referenzwert daher.

Verschneites Treppenviertel 2026
Spaziergang durchs tief verschneite Treppenviertel – nicht jedermanns Sache.

Was bedeutet das für die Zukunft? Wie werden sich unsere Winter entwickeln?

In der langfristigen Entwicklung prognostiziert das Umweltbundesamt einen Anstieg von etwa 1,7 °C von 1881 bis 2022. Aber es kommt noch schlechter: In den letzten Jahrzehnten zeigt sich eine Beschleunigung der Erwärmung – und das gilt insbesondere auch für den Winter. Es lässt sich nicht übersehen. Insgesamt zeigt sich in den letzten 20 Jahren (ungefähr seit Mitte der 2000er) ein deutlicher und klarer Trend zu milderen Wintern in Deutschland. Man muss aber auch mit  jährlichen Schwankungen rechnen, denn nicht jeder Winter ist gleich warm. Es gibt Ausreißer nach unten (kältere Winter) und oben (sehr milde), die die individuelle Wahrnehmung im Einzelfall beeinflussen können. Doch der langfristige Trend passt zum Bild des Klimawandels: wärmere Winter, weniger extreme Kälte als früher. Weiße Weihnachten werden seltener: Die Wahrscheinlichkeit für eine geschlossene Schneedecke an Weihnachten hat deutlich abgenommen. Die mittlere Anzahl von Tagen mit geschlossener Schneedecke ist in vielen Regionen Deutschlands gesunken.

Laut dem Deutschen Wetterdienst hat die Wahrscheinlichkeit für eine durchgehende Schneedecke an den Weihnachts­tagen (24.–26. Dezember) im Vergleich zwischen den Zeiträumen 1961–1990 und 1991–2020 deutlich abgenommen. Konkret sank die Chance um 13 Prozentpunkte im Mittel – das entspricht einer prozentualen Abnahme von etwa 52 Prozent bei „drei Tagen mit Schnee an Weihnachten“. Besonders betroffen sind tiefere Lagen: In den niedrigeren Regionen Deutschlands ist Schnee an Weihnachten längst eine Seltenheit geworden.

Experten sehen auch für die Urlaubsgebiete in Deutschland, Österreich und der Schweiz düster in die Zukunft. Sie sagen voraus, dass in niedrigen bis mittleren Lagen durch die steigenden Temperaturen künftig weniger Schnee fällt, weil Niederschlag öfter als Regen statt als Schnee kommt. Allerdings ist nicht ausgeschlossen, dass in sehr hohen Lagen (z. B. in Gebirgsregionen) weiterhin viel Schnee fallen kann – dort könnten sich durch stärkeren Niederschlag bei kalten Perioden sogar lokal hohe Schneemengen ergeben. National Geographic weist in einem Artikel darauf hin, dass über ~1.500 m Höhe mit mehr Neuschnee gerechnet werden könnte.

Waseberg am Falkenstein
Der verschneite Waseberg am Falkenstein – eine winterliche Herausforderung.

Obwohl der generelle Trend zu weniger Schneetagen geht, gibt es weiterhin Jahre mit relativ viel Schnee. Der DWD betont, dass natürliche Klimavariabilität (also Schwankungen von Jahr zu Jahr) solche Ausreißer überlagert.  
Außerdem kann es bei wärmerem Klima zu stärkeren Niederschlägen kommen, was theoretisch auch größere Schneefälle bei entsprechend kalten Bedingungen ermöglicht – aber insgesamt ist die Tendenz zu weniger „dauerhafter“ Schneebedeckung in tieferen Lagen kein Geheimnis der Klimaforscher. Höhere Temperaturen führen eben dazu, dass Niederschläge eher als Regen fallen statt als Schnee, was logischerweise die Schneemengen reduziert. Ob damit das romantisch verklärte Bild des weißen Winters mit seiner besonderen Stille der Vergangenheit angehört, werden wir in unseren Breitengraden wohl nur noch in Ausnahmefällen erleben. Dafür lässt sich dann zur winterlichen Weihnachtszeit sehr gut mit dem alten Song „I‘m dreaming of a white Christmas“ in Erinnerungen schwelgen. Jüngeren Menschen muss man dann die Fotos aus den weißen Zeiten zeigen.

Rüschen mit der Creek auf Schinkels Wiese
Blankeneses Klassiker: Rüschen mit der Creek auf Schinkels Wiese
Klaus Schümann
Klaus Schümann
Herausgeber und Chefredakteur
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