Mitsingen ausdrücklich erwünscht

Wie ein Kneipenchor das Blankeneser Markthaus zum Leben erweckt

Blankenese · · 3 Min. Lesezeit · von Jörg Marwedel
Gruppe von Senioren, die gemeinsam in einem Chor singen.
Erst kamen 30, dann 40, jetzt 60 Leute zum Singen.

Der neue Kneipenchor im Blankeneser Markthaus entwickelt sich überraschend schnell zum beliebten Treffpunkt im Ort. Zwischen Beatles, Udo Jürgens und einem Glas Wein kommen Menschen zusammen, die gemeinsam singen, plaudern und einfach einen guten Abend verbringen möchten.

Am Ende des Abends, das ist schon nach vier Veranstaltungen im Blankeneser Markthaus klar, kommt immer die Hymne. Es ist eine Version des Peter-Alexander-Schlagers „Die kleine Kneipe“ mit ein paar Veränderungen, welche die Blankeneser Poetin Amelie Fechner beigesteuert hat. Die Leute, die zu dieser Zeit am Markthaus vorbeigehen, können lauschen: „Das kleine Markthaus in unserem Dorfe, da wo das Leben noch lebenswert ist, da fragt dich keiner, was du hast oder bist.“

Amelie Fechner und Antje Rosenkranz hatten die Idee nach einem sangeserfüllten Abend mit ihrem Tennis-Team vom TC Blankenese, einen Kneipenchor zu gründen. Und weil Fechners Nachbar am Mühlenberg, Hannes Dempwolff, der Schatzmeister des Fördervereins des Markthauses ist, hat sie ihm gleich davon erzählt. Und der war begeistert, denn auch solche Events sind es ja, die Leute mitten in Blankenese zusammenbringen.

Der zweite Glücksfall war, dass Antje Rosenkranz einen Klavierlehrer hat, der für solche Dinge zu haben war. Es ist der deutsch-kubanische Musiker Ricardo Alvarez, der jetzt alle zwei Wochen am Donnerstag die Amateur-Sänger am Flügel im Markthaus begleitet, welche die Texte der Pop-Songs und Balladen auf einer großen Leinwand ablesen können.

„Ich hatte so meine Zweifel“, sagt Antje Rosenkranz, „ob man die rheinische Fröhlichkeit nach Blankenese transportieren kann.“ Denn sowohl Rosenkranz als auch Fechner stammen ursprünglich aus dem Rheinland. Doch schon jetzt kann man sagen: Auch die Blankeneser scheinen zumindest einen Hauch dieser Eigenschaft im Blut zu haben. Beim ersten Abend, nur mit Mundpropaganda, kamen 30 Menschen, beim zweiten 40, beim dritten 50 und beim vierten mindestens 60.

Es wurde unter anderem „Hey Jude“ von den Beatles angestimmt, „Mamma Mia“ von Abba, „Ich war noch niemals in New York“ von Udo Jürgens oder „Wind of Change“ von den Scorpions. Nach  jedem Lied klatschten die Leute, was besonders dem virtuosen Klavierspieler Ricardo Alvarez galt.

Und der hat definitiv Spaß an dem Termin gefunden, mit Sängern ohne Chorerfahrung, aber mit viel Begeisterung zu spielen. Er fühle da ein Stück „Freiheit“, sagt er, denn es gibt keinen Druck von irgendwelcher Seite. Vor allem seien solche Abende „gut für die Community“, sagt der Musiker, der in Iserbrook wohnt und ein bisschen aussieht wie ein Clown des Zirkus Roncalli.

Tatsächlich ist es ein Chor ohne Leitung, wobei Antje Rosenkranz moderiert. Die Stücke, die eingeübt werden, kommen aus dem Publikum, das gleichzeitig auch der Sängerkreis ist. Fünf Euro kostet die Teilnahme an einem Abend. Und es kann zum Plausch Bier, Wein, Schorle oder Wasser getrunken werden. Alles wird, wie das gesamte Markthaus, ehrenamtlich organisiert.

Im Duden oder bei Wikipedia wird der Begriff Kneipenchor noch nicht als Wort erwähnt. Dabei gibt es seit etwa zehn Jahren den Trend zu dieser Freizeitgestaltung. Besonders im Rheinland, aber auch in Hamburg gibt es inzwischen einige Liedertafeln wie den Hamburger Kneipenchor, der sogar auftritt. Zum Beispiel in der St. Pauli Kirche. Beide Konzerte waren am 20. und 21. März ausverkauft. Man kann den Chor sogar für Events „mieten“.

Oder in Ottensen, wo einmal im Monat in der Bar Mathilde in der Kleinen Rainstraße das Kneipen-Sing-along unter dem Motto „Wer nicht singt, fliegt raus“ stattfindet. Auf der Website heißt es: „Das Lied wird gespielt und alle singen mit. Egal ob laut oder leise, schief oder grade – jede Stimme zählt.“

So ähnlich gilt das auch für Blankenese. Und auch diese Liederabende tragen dazu bei, dass das Markthaus, das seit gut einem Jahr dank des Fördervereins für kulturelle und soziale Zwecke offensteht, eine Zukunft hat. Hannes Dempwolff verkündete an jenem Abend, dass man gerade einen Zweijahresvertrag mit der Sprinkenhof GmbH abgeschlossen hat. Das ist jene städtische Immobiliengesellschaft, die für das Markthaus zuständig ist.

Jörg Marwedel
Jörg Marwedel
Redakteur Print
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