Wo Künstler Inspiration fanden – und noch immer finden
Kaum ein Hamburger Stadtteil hat über Jahrzehnte hinweg so viele Schriftsteller, Maler, Musiker und Kulturschaffende angezogen wie Blankenese. Zwischen Elbhang und Treppenviertel entstand ein kreatives Umfeld, das bis heute Künstlerinnen und Künstler inspiriert und die kulturelle Geschichte des Ortes prägt.
Der breite, von Gezeiten getriebene Strom. Glitzerndes Wasser, aufgetürmte Wolken, Wind wirbelt alles durcheinander. Bei Sonnenlicht mediterrane Gassen, nachmittägliche Ruhe. Blankenese bietet Atmosphäre. Auch an einem ruhigen Nachmittag in der Buchhandlung Wassermann an der Elbchaussee. Bücher in Regalen bis unter die Decke, Bücher auf Tischen, schöner alter Holzboden. Wenn man hereinkommt, sieht man links ein kleines Kabäuschen, in dem kassiert wird. Verändert hat sich nicht viel, seit vor vier Jahren Pascal Mathéus und Florian Wernicke das Geschäft übernommen haben und der Buchhandlung Kortes ihren früheren Namen zurückgaben.
„Bei Richard Dehmel wird noch zu wenig gesehen, dass er DER deutsche Dichter damals war.“
Pascal Mathéus, studierter Historiker, schreibt einen Aufsatz für den Förderkreis historisches Blankenese über hiesige Kultur nach dem Zweiten Weltkrieg. Richard Dehmel, Hans Henny Jahnn, Hans Leip – alle schon mal gehört. „Es ist ausufernd, das Thema“, sagt er und erzählt von der „Bullenrunde“ der drei Intellektuellen – sie hätten sich regelmäßig zum Austausch getroffen. „Ich finde es sehr auffällig, was für ein krass ambitioniertes Kulturprogramm es nach dem Weltkrieg hier gab,“ sagt er und fährt fort: „Bei Dehmel wird noch zu wenig gesehen, dass er DER deutsche Dichter damals war.“ Er sei die zentrale Figur. Alle jungen Dichter, beispielsweise Thomas Mann und Hermann Hesse hätten an Dehmel geschrieben. Dehmel habe die ihm gesandten Texte – Buddenbrooks zum Beispiel im Jahre 1901 – gegengelesen.
Ein Ort für Kunst und Literatur
Doch bereits vor den Weltkriegen zeigte sich ein Ausbruch aus althergebrachten Konventionen. Schon lange vor 1900 habe Blankenese Künstler angelockt, ist im Buch „Blankeneser Frauen“ von Maike und Ronald Holst zu lesen, „ganz im Sinne der Zeit, das Ursprüngliche zu suchen.“ In einem Brief berichtet Ida Dehmel, dass sie zu dritt – mit Richard und seiner ersten Frau Paula nach Blankenese zögen. „Frau Paula sagte heut früh: Wir wollen Anzeigen drucken, in der sich das Ehepaar Dehmel mit der Muse Isi vermählt.“ Der Schriftsteller Hans Henny Jahnn führte mit seiner Frau Ellinor eine offene Ehe, unterhielt eine homosexuelle Beziehung mit einem jungen Mann. Pascal Mathéus erzählt, wie die Blankeneser sonntags durch den Hirschpark spazierten und durch die Fenster des „Hirschpark-Hauses“ beim umstrittenen Hans Henny Jahnn ins Wohnzimmer guckten.
Seit 1901 lebten Richard und Ida Dehmel in Blankenese (Wohnung am Kiekeberg, damals Parkstraße), ab Ostern 1912 zur Miete im eigens für sie von Walther Baedeker (ab 1906 in Dockenhuden ansässig, u. a. Blankeneser Hauptstraße 160) gebauten Haus an der Westerstraße, heute Richard-Dehmel-Straße. Zu seinem 50. Geburtstag 1913 erhielt Dehmel das Haus als Geschenk von Freunden. Seine Gedichtbände „Erlösungen“ und „Aber die Liebe“ sowie das Werk „Zwei Menschen“ von 1903 begeisterten die Jugend, schreibt die Dehmel-Spezialistin Carolin Vogel.
Aus heutiger Sicht findet man die Lyrik nett und die Belletristik altertümlich. Die etwa von Richard Strauß oder Arnold Schönberg vertonten Gedichte sind dem Laien nicht bekannt. Doch in der damaligen Kunstwelt machte Dehmels Werk Eindruck. Vogel sieht Auswirkungen auf die Maler Max Beckmann, Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rottluff. Er habe, meint auch Mathéus, in einer neuen Weise über Liebe und Erotik geschrieben:
„Du treibst mit mir auf kaltem Meer,
doch eine eigne Wärme flimmert
von Dir in mich, von mir in Dich.
Die wird das fremde Kind verklären
Du wirst es mir von mir gebären.“
Das Gedicht offenbart eine neue liberale Sicht auf Rolle und Rechte der Frau, obwohl, wie Susanne Geese vom Dehmel-Haus sagt, das Ehepaar politisch eher konservativ war.
Das Dehmelhaus
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Foto: Harriet v. SchwerinIm Souterrain des Dehmelhauses befand sich Idas Perlenwerkstatt und die Küche. -
Foto: Harriet v. SchwerinIm vorderen Teil arbeitete Ida, im hinteren Richard Dehmel. -
Foto: Harriet v. SchwerinPuristische Möbel im Esszimmer, entworfen von Richard Dehmel -
Foto: Harriet v. SchwerinKontakte zu Menschen
Warum kam Richard Dehmel überhaupt nach Blankenese? Es war wohl die aktive Suche nach einem neuen Lebensstandort mit mehr Natur, raus aus dem dekadenten Berlin. Ida Dehmel schreibt in einem Brief: „Es war sein dringendes Bedürfnis, wieder einmal in andre Umgebung zu kommen, ans Wasser.“
Die Website des Dehmel-Hauses offenbart ein Universum. Zahllose Briefe sowie ein Beziehungsgeflecht zu einigen bekannteren und vielen nicht ganz so bekannten Intellektuellen und Künstlern der damaligen Zeit sind zu entdecken. Über die Website gelangt man zur Staatsbibliothek und findet eine große Menge digitalisierter Inhalte. Das Paar korrespondierte und reiste viel. Berlin, Heidelberg, Bingen, wo Ida Dehmel herstammte, waren regelmäßige Ziele. Es ging aber auch nach London, Paris und Nizza. Viele Abendessen fanden statt in dem schlichten großen Blankeneser Haus.
„Wie deutest Du Dir das B.B. mit dem ich jetzt signiere? Es heißt: Blankeneser Beast.“
Kunst zwischen Elbe und Paris
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Foto: Eduard Bargheer Nachlass HamburgFrische und Beseeltheit bei Porträts: Eduard Bargheers Aquarell „Junge auf Segelboot“ von 1935 -
Foto: Eduard Bargheer Nachlass HamburgBargheer nannte es ein „metaphysisches Gewebe“. Blankenese 1954, Öl auf Hartfaserplatte -
Foto: Galerie BlankeneseSammelsurium mit Totenkopf von Heinz Peter -
Foto: Hamburger Kunsthalle · Elke Walford„Terrasse im Restaurant Louis C. Jacob in Nienstedten an der Elbe“, 1902 -
Foto: SHMH Altonaer MuseumJean Paul Kaysers Ölbild von Anleger und Elbe entstand ca. 1920. -
Foto: SHMH Altonaer MuseumDie Radierung von Walter Tanck wirkt heute noch aktuell.
Max Liebermann war bis 1909 drei Mal in Hamburg. Das Ölbild „Terrasse im Restaurant Louis C. Jacob in Nienstedten an der Elbe“, 1902 und das Pastell gleichen Titels und Jahres sind heute Teil der Sammlung der Hamburger Kunsthalle. Es gab aber auch Maler, die kamen, um zu bleiben oder eh von hier stammten. Viele reisten zum Studium nach Paris, das für Künstler damals noch immer der „place to be“ war. Der Maler Paul Kayser etwa kam 1908 von Reinbek nach Blankenese in ein Haus mit Garten an der Kösterbergstraße und lebte hier bis 1921. „Weiches Licht, fein verschleierte Farbtöne“ notierte der Kunsthistoriker Carsten Meyer-Tönnesmann zum Werk. 250 Bilder aus dem Nachlass Kaysers befinden sich im Altonaer Museum.
Etwas später geboren sind Ivo Hauptmann, Friedrich Ahlers-Hestermann und Walther Tanck. Hauptmann, ältester Sohn von Gerhart Hauptmann, ging bereits im Alter von siebzehn Jahren nach Paris an die Académie Julian und lernte dort Bonnard, Vuillard, Maillol und Maurice Denis kennen. Von 1908 – 1912 reiste Hauptmann wieder nach Paris und auch auf den Spuren der „Schule von Pont-Aven“ in die Bretagne. Es entstehen Stilleben im Geiste von Cézanne und in Punkte und Striche aufgelöste impressionistische Werke.
1913 zieht Hauptmann nach Blankenese und hat ein Atelier in Dockenhuden: „Wir beschlossen, nach Hamburg zu ziehen, wo ich glaubte, neue Anregungen zu finden. Ich liebte die Elbe. Den breiten Strom (…) wollte ich wiedersehen.“ Vater Gerhart Hauptmann pflegte Kontakt zu Richard Dehmel.
„Ich verfolge Deine Arbeit aus der ferne im Geist fast mit Leidenschaft … Studiere, lebe, werke in Deiner wundervollen Kunst.“
Friedrich Ahlers-Hestermann lernte von 1907 bis 1911 an der privaten Malschule von Matisse. Er inspirierte den Maler Franz Nölken und dessen Schüler, den Blankeneser Walther Tanck, der in den 20ern im Rheinland mit Klee und Lehmbruck ausstellt und später nach Blankenese zurückkehrt. Tancks Landschaften und Porträts sind gegenständlich gemalt und haben somit dokumentarischen Wert, es kommen aber auch Anklänge an Fauvismus und Impressionismus vor.
Neue Impulse für Blankenese
Künstlerischer Aufbruch herrschte auch in den 70er- und 80er-Jahren, so Ellen-Maria Peter-Sander, die seit 1968 ihre Galerie in der Blankeneser Hauptstraße betreibt und zunächst nur Bilder ihres Mannes Heinz Peter ausstellte. Es gab auch viel mehr Galerien. Heinz Peter war an der Kunstakademie am Lerchenfeld gemeinsam mit Vicco von Bülow (Loriot) und Horst Janssen Schüler von Alfred Mahlau. Er war auch mit Hans Henny Jahnn befreundet. Wie so viele konnte auch Heinz Peter nicht von der Kunst allein leben. Er arbeitete als Layouter und an der Führungsakademie als technischer Zeichner. Hans Henny Jahnn z. B. verdiente sein Geld als Orgelbauer.
Horst Janssen, genialer Zeichner, Radierer und menschliches Original und der 1935 von Finkenwerder an den „Rutsch“ im Blankeneser Treppenviertel gezogene Maler Eduard Bargheer sind die beiden Ausnahmetalente Blankeneses. In vielen von Bargheers Bildern bilden geometrische Grundformen ein vernetztes Gewebe. Er selbst sagte, dies sei „kein dekoratives Problem, sondern geradezu ein metaphysisches, denn Gewebe (Einheit) ist überall.“ 1955 nahm er an der documenta teil.
Alles hat mit allem zu tun – das ist bezüglich der zeitgleich in Blankenese lebenden Künstler zu vermuten. So sind die Porträts vom Maler Volker Detlef Heydorn ähnlich lebendig wie Bargheers und seine Radierungen fein ziseliert wie Janssens in den 50ern. Heydorn nutzte das Atelier der Künstlerin Lore Feldberg-Eber, die 1938 nach London emigrierte und 365 Bilder zurücklassen musste. Ihr Wohnhaus stand Schenefelder Landstraße 2, heute ist dort das Gemeindehaus Maria Grün.
Historische Personen – Lebensdaten
- 1848–1925 Charitas Bischoff
- 1863–1920 Richard Dehmel
- 1869–1942 Paul Kayser
- 1870–1942 Ida Dehmel
- 1883–1973 F. Ahlers-Hestermann
- 1884–1918 Franz Nölken
- 1886–1973 Ivo Hauptmann
- 1894–1954 W. H. Tanck
- 1894–1959 Hans Henny Jahnn
- 1895–1966 Lore Feldberg-Eber
- 1901–1979 Eduard Bargheer
- 1920–2004 Volker Detlef Heydorn
- 1924–1993 Heinz Peter
- 1929–1995 Horst Janssen
Und wohin geht die künstlerische Reise in Blankenese? Es gibt Kulturorte und es gibt viele Kreative. Bei Wassermann und in der Gemeindeakademie ist die Literatur zuhause, Miriam Diezmann und Maren Goericke leiten einen Kunstverein, der Bürgerverein und der Verein historisches Blankenese kümmern sich um die Vergangenheit.
Künstlerdorf bis heute
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Foto: Harriet v. SchwerinHistoriker Pascal Mathéus -
Foto: Andreas ThalMalerin Ute Martens -
Foto: Thorsten KirvesAutorin Kristine Bilkau -
Foto: Harriet v. SchwerinGaleristin Maria Peter -
Foto: Heike SteinwegAutorin Katharina Hagena
Stellvertretend für alle Künstler des Kunstvereins Blankenese seien Ute Martens-Grabbe und Dörthe Behrens genannt. Sie malen realistische Bilder, doch beiden geht es um mehr als das, was jeder sehen kann. Es entstehe etwas Neues, von dem sich Betrachter “glücklicherweise berührt fühlen“, sagt Ute Martens. Bei Dörthe Behrens ist es das Licht und die zu Beginn getroffene Auswahl der Farbtöne, die den Zauber ausmachen.
Licht ist auch bei dem in Blankenese wohnenden und plein air malenden Peter Witt das inspirierende, aber auch gestalterische Element: Er trägt Ölfarbe mit Spachtel auf, plastische Farbhaufen reflektieren Licht und bilden Schlagschatten.
Unbedingt erwähnt werden muss auch Katharina Hagena, die mit ihrem ersten (auch verfilmten) Buch „Der Geschmack von Apfelkernen“ 2008 Riesen-Erfolg hatte und thematisch wohl auch die Autorin Dörthe Hansen inspiriert hat. Dann – etwas abstrakter – übers „Schlafen und Verschwinden“ und „Das Geräusch des Lichts“ schrieb und 2025 mit „Flusslinien“ eine Generationengeschichte. Alles getragen von der ihr eigenen Erzählstimme, die man so gerne liest.
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Foto: Dr. Peter WittÖl in Spachteltechnik: Peter Witt malt plein air. -
Foto: Dr. Peter Witt„Glitzernde Elbe“ von Peter Witt -
Foto: Ute Martens„Nordseehymne“: Durch überhöhte Farbigkeit verleiht Ute Martens-Grabbe der Realität besondere Magie. -
Foto: Ute MartensMalerin Ute Martens
Zum Stöbern und Weiterlesen – eine Auswahl
- Renate Ahrens, Nienstedten, Romane Kinderbücher, Theaterstücke.
- Bargheer-Museum
- Karin Baron, schreibt Kinder- und Jugendromane.
- Kristine Bilkau: ging ins Gymnasium Blankenese: „Viele Geschichten, Erinnerungen und mit dem Ort Blankenese verbundene Gefühle sind in meinen Roman eingeflossen.“ Preis der Leipziger Buchmesse 2025 für Belletristik.
- Amelie Fechner, Gedichte für den Alltag.
- Adrienne Friedländer wohnt Caprivistraße. Autorin, Journalistin u. a.
- Katharina Hagena: „Flusslinien“, Generationen-Geschichte, der Römische Garten spielt eine Rolle, die Autorin wohnt in Blankenese.
- Maike und Ronald Holst: „Blankeneser Frauen“, Verlag Wachholtz.
- Anja Kampmann „Die Wut ist ein heller Stern“, spielt in Altona und Blankenese.
- KJM-Verlag, mit zahlreichen Veröffentlichungen, z .B. Monika Lühmann: „Ach was Paris – Blankenese.“
- Kunstverein Blankenese
- Marion Lagoda „Ein Garten über der Elbe“, handelt u. a. vom Römischen Garten.
- Birgit Lahann, früher Journalistin, wohnt in Blankenese.
- Mikkel Robrahn, Jugend/ Fantasy.
- Anabelle Stehl, Jugendliteratur.