Auf privater Ebene

Wo man sich kennt und vertraut: Ein Streifzug durch Blankeneses Gesellschaft

Blankenese · · 5 Min. Lesezeit · von Klaus Schümann
Die Elbe bei Nacht
Der Elbabschnitt in Blankenese bei Nacht

Große Gesellschaften sind in Blankenese eher die Ausnahme. Stattdessen trifft man sich im kleinen Kreis zu Hause, wo sich Freundschaften, Familiengeschichte und hanseatische Netzwerke verbinden. Vieles davon ist Realität, manches längst Klischee – und gerade diese Mischung macht den Blick auf die Blankeneser Gesellschaft interessant.

Größere Geselligkeiten sind eher die Ausnahme. Die Blankeneser sind auf der einen Seite zwar weltoffen, auf der anderen Seite aber eher unter sich. Der kleine Austausch am Achter- oder Zwölfertisch im kommoden Zuhause, ist so etwas wie der Nucleus zwischen Kommunikation, Küche und Persönlichkeiten. Wer an Blankenese denkt, hat klassischerweise das Bild von stolzen Kaufmannshäusern an der Elbchaussee oder am Elbhang vor Augen. Denn das wahre Herz der hanseatisch geprägten Gesellschaft schlägt nicht in der Öffentlichkeit. Es schlägt im Privaten – hinter perfekt gepflegten Hecken, schweren Eichentüren und den weißen Fassaden klassizistischer Villen. Ein Abend bei einer gediegenen blankenesisch-hanseatischen Gesellschaft auf privater Ebene folgt ungeschriebenen Gesetzen, die seit Generationen weitergegeben werden. Es ist ein Tanz aus maximalem Understatement, tiefer Verwurzelung und einer Eleganz, die niemals laut sein muss, um zu wirken.

Eine hanseatische Gesellschaft „auf privater Ebene“ ist kein Event, das man auf Social Media findet.

Eine Blankeneser Gesellschaft „auf privater Ebene“ ist kein Event, das man auf Social Media findet. Man wird nicht eingeladen, weil man gerade im Trend liegt oder seinen Reichtum zur Schau stellt – Letzteres gilt an der Elbe sogar als grober Fauxpas. Die Gästeliste ist das Ergebnis hanseatischer Netzwerkpflege („Klüngel“ im besten, traditionellen Sinne). Hier treffen alteingesessene Reederfamilien auf namhafte Anwälte, Privatbankiers und vielleicht einen ausgewählten Kopf aus Kunst oder Wissenschaft. Entscheidend ist die Passung: Man kennt sich, man vertraut sich, man teilt die gleichen Werte.

Symbolbild: Villeneingang
Herzlich willkommen – der klassizistische Villeneingang

Spür- und sichtbar ist die unausgesprochene Regel: Tradition statt Trends. Betritt man das Haus des Gastgebers, fällt sofort eines auf: Hier wurde nichts für den Moment inszeniert. Das Interieur atmet Geschichte. Das Mobiliar: Antiquitäten, oft Biedermeier oder Chippendale, die seit Generationen in Familienbesitz sind. Nichts wirkt fabrikneu, alles hat eine Patina, die von Beständigkeit erzählt. Silberleuchter, die ein warmes, gedimmtes Licht werfen, zählen zu den Details, auf die es ankommt. Das Porzellan – oft KPM oder Meissener Streublümchen – hat vielleicht eine kleine Schramme, aber genau das macht seinen Charme aus. Es zeigt: Hier wird Tradition gelebt, nicht ausgestellt.

Man fällt nicht mit der Tür ins Haus, man tastet sich charmant ab.

Die Kunst: An den Wänden hängen selten schrille zeitgenössische Hype-Objekte, sondern eher impressionistische Ölgemälde, sehr gern maritime Motive oder Generationen von Ahnenporträts. Der Abend beginnt pünktlich – Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Hanseaten und erst recht der Blankeneser. Theoretisch jedenfalls. Zum Aperitif, meist einem trockenen Champagner oder einem klassischen Sherry, stehen die Gäste im Salon. Die Gespräche sind hanseatisch-zurückhaltend. Man fällt nicht mit der Tür ins Haus, man tastet sich charmant ab.

Das anschließende Souper (Abendessen) ist meist klassisch, aber exzellent zubereitet. Oft orientiert es sich an regionalen Traditionen, modern interpretiert: Als Vorspeise eine feine Hummersuppe oder Räucherfisch-Variationen.
Zum Hauptgang vielleicht ein perfekt zubereiteter Rehrücken oder – ganz traditionell – ein edler Fischgang wie Steinbutt. Doch auch da kommt Bewegung ins Spiel – man lässt gern mal gediegen liefern. Feinkost Ahrend an der Blankeneser Landstraße ist diesbezüglich für seine Zaubereien als zuverlässige Stütze ein Garant.

Begleitet wird das Mahl von schweren französischen Rotweinen oder feinherben Rieslingen, die der Gastgeber meist persönlich aus dem Keller geholt hat. Während des Essens entfaltet sich die wahre Qualität dieser Gesellschaft. Man spricht über Politik, die Lage des Welthandels, Stiftungen und Kunst. Das Besondere: Selbst bei tiefen Meinungsverschiedenheiten bleibt der Ton verbindlich, hanseatisch-unterkühlt, aber von tiefem Respekt geprägt. Ironie und ein trockener, feiner Humor sind die schärfsten Waffen des Abends.

Das ungeschriebene Gesetz des Abends: „Über Geld spricht man nicht – man hat es.“ Wer mit Vermögen, Yachten oder exklusiven Uhren prahlt, disqualifiziert sich sofort für die nächste Einladung. Wahre hanseatische Noblesse zeigt sich darin, das Gegenüber glänzen zu lassen, nicht sich selbst.

Nach dem Dessert zieht sich die Gesellschaft meist wieder in die Bibliothek oder den Salon zurück. Bei einem guten Cognac, einem schottischen Single Malt oder einem Portwein werden die Gespräche vertraulicher. Hier werden am Kamin oft die Fäden für die Stadt gesponnen – sei es die Unterstützung eines neuen Museumsprojekts oder die Schirmherrschaft für eine wohltätige Stiftung. Das Prinzip des „Ehrbaren Kaufmanns“ – die moralische Pflicht, der Gesellschaft etwas zurückzugeben – ist in diesen Runden allgegenwärtig.

Beständig, diskret und von einer unaufgeregten Eleganz, die keine Moden braucht, um zu überdauern.

Wenn sich die Gäste zu fortgeschrittener Stunde verabschieden, bleibt das Gefühl, Teil eines zeitlosen Rituals gewesen zu sein. Eine private Blankeneser Gesellschaft ist wie ein Anker in stürmischen Zeiten: beständig, diskret und von einer unaufgeregten Eleganz, die keine Moden braucht, um zu überdauern. Eine ungeschriebene Gesetzmäßigkeit, die durchaus ihren Reiz hat. Die eingangs zitierte größere Gesellschaft darf dann zu besonderen Anlässen auch gern mal außer Haus stattfinden. Der Ballsaal auf dem Süllberg mit Live-Musik bietet notwendige Kapazitäten. Gediegenere Anfragen laufen beim Landhaus Scherrer oder im Louis C. Jacob auf – Sterne-Niveau sollte es dann schon haben.

Aber keine Sorge, es gibt auch ganz gewöhnliche, freundschaftliche Zusammenkünfte. Vielfältigkeit und gesellschaftliche Weiterentwicklung sind natürlich in Blankenese wahrnehmbar. Blankeneser sind da auf der einen Seite nichts besonderes und auf der anderen eben auch wenig spezifisch. In der öffentlichen Wahrnehmung hält sich das Blankeneser Bild aber solide. Falls Sie keine Blankeneserin oder keine Blankeneser kennen, wird es Zeit. Sie werden sich wundern – oder auch nicht.

Klaus Schümann
Klaus Schümann
Herausgeber und Chefredakteur
Artikel teilen