Hoffnung, Zweifel und die Frage nach der Zukunft
Was bewegt die Gesellschaft? Wie sehen drei Frauen aus den Elbvororten unsere Welt? Macht sich Resignation breit oder gilt noch das Prinzip Hoffnung? Drei Generationen teilen sich mit. Antworten zwischen Rückblick, Vorausschau und Nachdenklichkeit.
Die Zeiten werden aktuell nicht gerade als blumig beschrieben. Viele Probleme beschäftigen die Menschen im Alltag: Kriege, Klima, aber auch Wohnungsnot, Arbeitsplatz, Rente, Altersarmut und der Erhalt der Demokratie. Menschen mit Empathie sehen auch außerhalb unserer Welt viel Not und Elend.
Was macht das mit uns? Wir haben drei Frauen zu einem Talk über unsere Zeiten eingeladen. Was denken eine 21-Jährige, eine 45-Jährige und eine 80-Jährige über die Welt? Das Gespräch führten Tim Holzhäuser und Sophie Rhine.
Herzlichen Willkommen zu unserem dritten Generationengespräch. Wir würden mit euch gerne über Themen sprechen, die häufig alle Altersstufen betreffen, aber auch unterschiedlich gesehen werden. Hinzu kommt, dass einzelne Generationen in den aktuellen politischen Debatten im Fokus stehen, nicht immer positiv, sondern auch mit Vorurteilen. Ann-Kathrin, Welche Vorurteile über deine Generation gibt es?
Ann-Katrin Sander Ich bin Jahrgang 1980, also irgendwo zwischen Gen X und Millennials. Was ich spannend finde: Begriffe wie „Boomer-Spruch“ werden oft ziemlich locker benutzt – auch für Leute, die gar keine Boomer sind. Ich sehe mich eher als Teil der Generation danach. Gleichzeitig merkt man schon, dass man ab 40 für viele Jüngere schnell in bestimmten Bildern landet. Dabei ist die Realität viel vielfältiger, die Unterschiede innerhalb der Generationen sind oft größer als zwischen ihnen.
Hannelore, gibt es Vorurteile gegenüber deiner Generation, die du mitbekommst und die dich ärgern?
Hannelore Franke Nein, eigentlich nicht. Ich habe viel Kontakt zu jüngeren Menschen – meinen Kindern, Schwiegerkindern und Enkeln. Mit denen erlebe ich das kaum. Innerhalb meiner Generation gibt es eher Unterschiede. Ich gehöre hier in Blankenese zu denen, die gearbeitet haben. Viele meiner Freundinnen haben nicht gearbeitet. Bei ihnen war das anders geregelt: Kinderbetreuung war anders organisiert, der Mann war berufstätig. Das galt damals als normal. Klassische Vorurteile gegen meine Generation höre ich selten.
Francesca, gibt es ein Vorurteil gegenüber deiner Generation, das dir besonders auffällt?
Francesca Lauenburg Ja, meine Generation steht stark im Fokus, vor allem in politischen Debatten. Das typische Vorurteil ist: „Diese Generation will nicht arbeiten.“ Das hört man immer wieder. Ich würde aber sagen, das kommt weniger von einer bestimmten Generation, sondern eher aus einem allgemeinen gesellschaftlichen Blick auf uns. Gerade bei Sozialfragen und Zukunftsthemen steht unsere Generation oft unter Beobachtung.
Also weniger: Die Generation X sagt das oder jenes, sondern eher: Die gesamte Gesellschaft schaut auf euch?
Francesca Lauenburg Genau, eher die älteren Generationen insgesamt.
Habt ihr umgekehrt Vorurteile oder Stereotype gegenüber anderen Generationen? Oder gibt es auch etwas, das ihr beneidenswert findet?
Hannelore Franke Ich würde der jungen Generation zugestehen, Fehler machen zu dürfen und dann neu anzufangen. Das ist für mich keine Faulheit oder Desinteresse, sondern einfach Teil des Lernprozesses.
Francesca Lauenburg Ältere Menschen haben oft einfach mehr Blickwinkel, weil sie mehr Lebenserfahrung haben. Sie können Tipps geben, die wirklich wertvoll sind. Wenn ich ein Problem habe oder über etwas diskutieren will, rede ich deshalb auch gern mit Älteren.
„Ich würde sagen, dass die Gen Z sehr selbstbewusst ist. Sie ist gut informiert, zielstrebig und weiß oft ziemlich genau, was sie will ...“
Ann-Katrin Sander Ich würde sagen, dass die Gen Z sehr selbstbewusst ist. Sie ist gut informiert, zielstrebig und weiß oft ziemlich genau, was sie will. Ich hatte bei meiner Generation eher das Gefühl, dass wir weniger zielgerichtet waren. Das, was ich heute mitbekomme, wirkt schon sehr klar.
Könnte das auch daran liegen, dass die 90er im Vergleich zu heute fast paradiesisch waren? Ohne die ganzen globalen Krisen konnte man sich vielleicht eher etwas lockerer verhalten.
Ann-Katrin Sander Na ja, Krisen gab es damals auch schon, Zum Beispiel den Golfkrieg oder später die Finanzkrise. Aber klar: Die Dichte und Gleichzeitigkeit der Krisen heute ist noch mal eine andere.
Hannelore Franke Was heute vielleicht auffällt: Manche jungen Leute denken nicht so sehr daran, dass sie später von dem leben müssen, was sie gelernt oder studiert haben. Das fällt mir hier in Blankenese schon auf. Da ist oft vieles abgesichert, weil die Eltern im Hintergrund sind.
Gerade in solchen Gegenden gibt es natürlich Vermögen und Erbmassen. Aber wir haben jetzt die Arbeit schon gestreift, und das ist unser nächstes großes Thema: Arbeit und Work-Life-Balance. Ann-Katrin, welche Rolle spielt Arbeit in deinem Leben – ganz grundsätzlich?
Ann-Katrin Sander Eine sehr große. Ich liebe meinen Job, und darüber bin ich sehr froh. Ich glaube, gerade in meiner Generation gibt es viele Menschen, die vor allem arbeiten, um Geld zu verdienen. Ich arbeite gern, und das versuche ich auch meinem Sohn mitzugeben: dass ich gern zur Arbeit gehe. Ich sage immer: „Ich darf zur Arbeit gehen“ – weil das auch ein Privileg ist. Gleichzeitig arbeite ich in Teilzeit und habe gerade erst wieder aufgestockt. Ich bin hin- und hergerissen: Einerseits möchte ich viel Zeit mit meinem Sohn verbringen, andererseits spüre ich auch den Wunsch, beruflich weiterzukommen. Ich glaube, diese Zerrissenheit kennen viele Mütter in meinem Alter.
Möchtest du Karriere machen, weil dich die Idee von Erfolg, Verantwortung, Sichtbarkeit reizt, oder eher, weil du dadurch fachlich interessantere Aufgaben bekommst?
Ann-Katrin Sander Beides. Und auch, um abgesicherter und unabhängiger zu sein.
Hannelore, du hast ja schon angedeutet, dass Arbeit in deinem Leben eine große Rolle gespielt hat. Das war in deiner Generation nicht selbstverständlich.
„Ich habe die Arbeit immer gern gemacht, und je älter ich wurde, desto besser, weil ich mehr Erfahrung hatte ...“
Hannelore Franke Nein. Wenn ich meinem Mann in ein anderes Bundesland gefolgt wäre, hätte ich theoretisch aufhören können. Aber ich wollte meine Arbeit nie aufgeben. Der Wechsel zwischen den Bundesländern war kompliziert – von Niedersachsen nach Nordrhein-Westfalen, später nach Hamburg. Ich habe die Arbeit immer gern gemacht, und je älter ich wurde, desto besser, weil ich mehr Erfahrung hatte. Gerade im Umgang mit Schülern der Klassen fünf bis zehn, besonders mit den 16-Jährigen, war es oft anstrengend, aber es hat mir Freude gemacht, das zu beherrschen.
Und wie lief die Abstimmung mit deinem Mann? War er aufgeschlossen?
Hannelore Franke Anfangs war er noch bei der Bundeswehr, da war er recht verlässlich verfügbar. Später war er Pressesprecher bei Holsten, das war schwieriger. Aber ich habe immer zu 75 Prozent gearbeitet und damit ging es eigentlich ganz gut.
Hast du in deinem Umfeld damals auch Kritik oder Unverständnis erlebt, weil du gearbeitet hast, während deine Freundinnen es oft nicht konnten oder wollten?
Hannelore Franke Habe ich nicht erlebt. Es ist ja etwas Positives. Einfach, weil es Unabhängigkeit gibt. Und weil man Lebenserfahrung gewinnt. Ich musste mit Eltern sprechen, hatte Kollegen, war in Strukturen eingebunden. Arbeit war mir sehr wichtig, ich hätte sie nie aufgegeben. Ich hatte ja studiert – warum sollte ich das aufgeben?
Ann-Katrin Sander Da bist du wirklich ein tolles Vorbild. Ich glaube, du warst damals eine von wenigen in deiner Generation. Damals galt es ja sogar als schick, nicht zu arbeiten.
Ann-Katrin, du arbeitest Teilzeit, hast ein Kind und willst gleichzeitig beruflich weiterkommen. Hast du das Gefühl, dass es für Frauen leichter wird?
Ann-Katrin Sander Es wird schon einiges getan, aber längst nicht genug. Wir haben immer noch den Gender Pay Gap, Frauen verdienen im Schnitt weniger als Männer. Und auch die Care-Arbeit liegt nach wie vor zum großen Teil bei Frauen – nicht nur bei Kindern, sondern auch bei der Pflege älterer Familienmitglieder. Ich finde, gerade die skandinavischen Länder haben da bessere Modelle, und ich würde mir wünschen, dass dieses Thema bei uns politisch einen viel größeren Stellenwert bekommt.
Francesca, du kannst ja noch entscheiden, wie wichtig Arbeit in deinem Leben einmal sein soll. Was denkst du darüber?
Francesca Lauenburg Für mich persönlich ist Arbeit sehr wichtig, und ich glaube auch für viele in meiner Generation. Vor allem wollen viele einen Job finden, der Spaß macht und erfüllt. Ich höre in meinem Umfeld auch oft diesen Satz mit Blick auf die Rente: „Wir müssen sowieso bis ans Lebensende arbeiten, also sollten wir wenigstens etwas machen, das uns Freude macht.“ Eigentlich ist das ein negativer Gedanke, aber man dreht ihn ins Positive. Ich habe auch das Gefühl, dass die Möglichkeiten breiter geworden sind. Es gibt mehr unterschiedliche Studiengänge, mehr Wege, auch mehr Ausbildungen – die Auswahl ist größer geworden.
Du bist vielleicht die erste Generation, die mitten in ihrer Ausbildungsphase erlebt, wie sich die KI-Revolution entfaltet. Beschäftigt dich das?
„Sicher werden Jobs sich verändern, aber Menschen werden dadurch nicht komplett überflüssig ...“
Francesca Lauenburg Ein bisschen schon, aber gar nicht negativ. Ich glaube, man kann diese Entwicklung sowieso nicht aufhalten. Sicher werden Jobs sich verändern, aber Menschen werden dadurch nicht komplett überflüssig.
Ist das in deiner Altersgruppe eher die vorherrschende Sicht? Oder gibt es auch viele, die dadurch verunsichert sind?
Francesca Lauenburg In meinem direkten Umfeld habe ich das bisher nicht so wahrgenommen. Die Sorge kommt eher von älteren Generationen. Viele Jüngere gehen das gelassener an. Natürlich ist die Angst real, wenn in konkreten Arbeitsverhältnissen Jobs wegfallen, etwa bei organisatorischen Tätigkeiten. Aber grundsätzlich habe ich eher das Gefühl, dass meine Generation versucht, das als Entwicklung anzunehmen.
Du hast eben gesagt, bei euch werden Witze darüber gemacht, dass ihr sowieso arbeiten müsst, bis ihr nicht mehr könnt, weil das Rentensystem euch nicht mehr auffängt. Hast du trotz dieser Sprüche noch Vertrauen ins Rentensystem?
Francesca Lauenburg Ich glaube, da steckt schon Resignation drin, gleichzeitig aber auch Hoffnung auf eine Rentenreform. Konkrete Gedanken machen sich viele in meinem Alter wahrscheinlich noch nicht, weil das so weit weg ist. Aber es ist trotzdem präsent. Gerade bei Studien- oder Berufsentscheidungen wird dann schnell gesagt: „Such dir wirklich etwas aus, das dir Spaß macht, weil du sowieso lange arbeiten musst.“ Als ich mein Studium abgebrochen habe, hieß es auch oft: Das macht nichts, du musst ja noch lange genug arbeiten, dann kannst du auch noch etwas länger studieren. Der Wunsch ist natürlich trotzdem da, dass das System später auch uns trägt
Hannelore Franke Ich habe in meinem Leben erlebt, dass es wirtschaftlich immer weiter aufwärtsging und es relativ wenige Brüche gab. Jetzt müssen wir uns Gedanken machen, wie wir unseren Sozialstaat umbauen. Aber ich glaube nicht, dass das Rentensystem einfach zusammenbrechen wird.
Die Politik wird, wenn der Druck groß genug ist, umsteuern müssen. Dann werden vielleicht alle etwas weniger haben. Aber es kann nicht sein, dass die einen alles behalten und die anderen gar nichts bekommen. Das ist ein Prozess, und in den Parteien ist der natürlich nicht einfach.
Ja, bei der Macht der Ereignisse wird das irgendwann unausweichlich sein. Ann-Katrin, wie siehst du das?
Ann-Katrin Sander Ja, ich hoffe natürlich, dass ich einen Teil meiner Rente bekomme. Aber ich gehe nicht davon aus, dass das reichen wird. Deshalb versuche ich selbst, etwas zu tun, um meine Rentenlücke zu schließen. Ich finde auch, dass das schon in der Schule viel stärker Thema sein sollte.
Wann hast du damit angefangen?
Ann-Katrin Sander Schon 2005. Ziemlich früh also.
Hannelore Franke In der Schweiz gibt es das Drei-Säulen-System: Betrieb, Staat und eigene Vorsorge. Wir können nicht davon ausgehen, dass wir nur von der staatlichen Rente leben können. Eigentlich war das auch nie realistisch. Viele Menschen haben immer zusätzlich etwas zurückgelegt oder angelegt.
Francesca Lauenburg Ich habe auch in meiner Generation das Gefühl, dass viele versuchen, damit umzugehen. Ich kenne einige, die sogar kleine Minijobgehälter aus Restaurantjobs schon in ETFs oder Aktien stecken. Natürlich hängt das sehr vom Umfeld ab, aber ich nehme schon wahr, dass auch kleine Beträge früh angelegt werden.
Hast du das Gefühl, dass das einigermaßen fair abläuft? Oder wird gerade versucht, die Lasten vor allem auf eine jüngere Generation abzuwälzen – mit höheren Steuern, höheren Sozialabgaben, längerer Lebensarbeitszeit?
Francesca Lauenburg Ich glaube nicht, dass das bewusst gegen unsere Generation gerichtet ist. Es ist einfach die Entwicklung, die jetzt da ist. Natürlich braucht es eine Rentenreform. Aber man kann den Prozess ja nicht einfach stoppen und sagen: So, jetzt gibt es keine Renten mehr. Ich verstehe schon, warum wir eine große Rolle spielen, warum wir wahrscheinlich länger arbeiten und später stärker belastet werden. Das ist nicht schön, aber es ist nicht so, dass jemand uns absichtlich etwas erschweren will.
Hannelore Franke Man könnte ja auch über Modelle wie eine Startrente nachdenken, bei der der Staat von Geburt an etwas einzahlt.
Es gibt viele Modelle, gerade wenn man ins Ausland schaut. Aber nächstes Jahr sind Rentner wohl erstmals die größte Wählergruppe in Deutschland. Rein theoretisch könnten die also sagen: Ab jetzt läuft alles so, wie wir es wollen. Werden sie das tun?
Hannelore Franke Nein, ich glaube nicht. Die Menschen sind ja nicht nur Rentner, sondern auch Eltern und Großeltern. Warum sollten sie grob gegen die Interessen ihrer Kinder und Enkel entscheiden?
Dann kommen wir mal zum nächsten großen Komplex: Klimakrise und Verantwortung. Francesca, wer trägt aus deiner Sicht die größte Verantwortung für den Klimaschutz? Ist das eine Gemeinschaftsaufgabe oder gibt es bestimmte Generationen, die stärker in der Pflicht stehen?
Francesca Lauenburg Ich glaube, es ist auf jeden Fall eine Gemeinschaftsaufgabe. Keine Generation kann die Klimakrise allein bewältigen. Aber ich habe schon das Gefühl, dass meine Generation besonders stark darauf schaut, sich mehr informiert, mehr verfolgt, was passiert, und das Thema auch als sehr wichtig ansieht. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass wir mit den Folgen länger leben werden – ebenso wie unsere Kinder und Enkel einmal damit leben müssen.
Hannelore, wie siehst du das?
Hannelore Franke Der Staat kann einiges vorschreiben. Hamburg hat ja auch Ziele formuliert. Aber dieses Vorschreiben ist schwierig, wenn die Bürger nicht mitmachen. Und wenn die Stadt selbst nicht überall konsequent ist – wenn etwa noch Gasheizungen eingebaut werden –, dann fragen sich viele natürlich: Warum soll ich mitmachen, wenn selbst die öffentliche Hand nicht konsequent handelt? Grundsätzlich sehe ich den menschengemachten Klimawandel aber klar. Wir tragen als Land vielleicht nur einen kleinen Teil dazu bei, aber es wäre schön, wenn wir Vorreiter bleiben könnten. Nur darf das nicht auf Kosten unserer wirtschaftlichen Kraft gehen.
Hast du das Gefühl, dass deine Generation mit dieser Verantwortung teilweise zu lässig umgegangen ist?
Hannelore Franke Ja, das glaube ich schon. Man sieht es schon beim Auto. Gerade hier in den Elbvororten. Ich möchte auch nicht auf mein Auto verzichten und es ist noch ein Verbrenner. Natürlich fahren inzwischen auch viele mit E am Kennzeichen, aber oft sind das Hybride. Es ist eben ein Prozess, und der dauert.
Francesca Lauenburg Ich habe schon das Gefühl, dass dieser Prozess an manchen Stellen bewusst verlangsamt wird – durch politische Entscheidungen. Das frustriert sehr, gerade meine Generation. Man hat oft das Gefühl, dass zu lange gewartet wird und zu viel passieren muss, bevor wirklich gehandelt wird.
Und was löst diese Frustration aus?
Francesca Lauenburg Es spaltet sich. Es gibt Gruppen, die radikaler werden, andere resignieren. Aber Resignation hilft natürlich nicht. Man versucht also dranzubleiben und weiter daran zu glauben, dass sich etwas verändert. Auch wirtschaftlich ist das Thema nicht von der Klimakrise zu trennen: Natürlich muss Wohlstand erhalten werden, aber wenn Klimaschäden immer größer werden, wird das irgendwann auch die Wirtschaft massiv treffen.
Der durchschnittliche Deutsche kauft 60 Kleidungsstücke pro Jahr. Vor wenigen Jahren waren es noch 40. Ein Ende der Entwicklung nicht in Sicht.
Francesca Lauenburg Ich würde auch nicht sagen, dass alles so erhalten werden muss. Natürlich wünschen sich viele, dass ihr Lebensstandard bleibt, und das kann ich bis zu einem gewissen Grad verstehen. Aber wenn wir der Klimakrise wirklich entgegenwirken wollen, muss jeder irgendwo Abstriche machen. Es ist eben eine Gemeinschaftsaufgabe und keine Aufgabe einer einzelnen Generation oder einer kleinen engagierten Gruppe.
Habt ihr in euren Generationen das Gefühl, dass das freiwillig passiert? Oder eher: Solange nichts verboten wird, ändert sich auch nichts?
Hannelore Franke Wir haben ja gesehen, was aus vielen Verboten geworden ist: Der Widerstand wächst, und die AfD wird stärker. Ich glaube, es muss so sein, dass die Menschen es selbst einsehen und auch wollen. Darf ich mal fragen: Wie seid ihr heute hergekommen?
Sophie Rhine Mit der S-Bahn.
Tim Holzhäuser Mit der S-Bahn.
Francesca Lauenburg Mit dem E-Roller.
Ann-Katrin Sander Mit dem Fahrrad.
Hannelore Franke Seht ihr, das ist vorbildlich. Ist aber leider nicht allen möglich, gerade in meiner Generation.
Dann kommen wir zum nächsten Thema: Politik und Wahlen. Seht ihr Unterschiede zwischen den Generationen beim Wahlverhalten?
Hannelore Franke Natürlich wählen Menschen auch nach ihren Möglichkeiten. Wenn ich zum Beispiel an die kleinen Häuser in Alsterdorf denke: Wenn man diesen Leuten vorschreiben würde, sie müssten jetzt eine Wärmepumpe einbauen, dann könnten viele das gar nicht. Manche Häuser wären kaum zu sanieren. Da ist es nicht überraschend, wenn diese Menschen nicht unbedingt Parteien wählen, für die Klimaschutz an erster Stelle steht.
Ich höre bei dir trotzdem noch ein gewisses Grundvertrauen in die Politik heraus. Das ist ja nicht selbstverständlich. Francesca, wie ist das bei dir? Hast du Vertrauen in unser politisches System?
Francesca Lauenburg Eher Skepsis. Man hat oft das Gefühl, enttäuscht worden zu sein – dass Dinge angekündigt und dann doch nicht gemacht werden. Ich würde trotzdem niemals nicht wählen gehen, weil das Wahlrecht sehr wichtig ist. Aber ich würde auch keiner Partei mein volles Vertrauen schenken. Es ist eher eine Abwägung, fast die Wahl des kleineren Übels. Gleichzeitig finde ich gut, dass viele Parteien unterschiedliche Meinungen vertreten.
Ann-Katrin, wie siehst du das?
Ann-Katrin Sander Ich habe grundsätzlich Vertrauen, aber es ist ein sehr unübersichtliches Gemenge. Selbst innerhalb einer Partei gibt es viele unterschiedliche Meinungen, dass man gar nicht mehr so klar sagen kann: Ich wähle diese Partei und weiß, wofür sie steht. Dann gibt es Koalitionen. Innerhalb einer Koalition Entscheidungen durchzubringen dauert oft eine ganze Legislaturperiode, und dann wird schon wieder neu gewählt. Das hemmt viele wichtige Entwicklungen.
Hannelore Franke Dann müsste man ein anderes System haben, wie in England oder Amerika, also ein Mehrheitswahlrecht. Da gewinnt einer. Aber ist das wirklich besser?
Francesca, gerade jüngere Wähler haben in den letzten Jahren oft sehr klar für bestimmte Zukunftsthemen abgestimmt, etwa fürs Klima. Gibt es da Frust, wenn man das Gefühl hat, wir wählen für unsere Zukunft, aber andere Generationen entscheiden letztlich anders?
„Manchmal frustirert es, wenn man das Gefühl hat, in zentralen Zukunftsfragen nicht genügend Einfluss zu haben ...“
Francesca Lauenburg Ja, auf jeden Fall. Das ist ein Thema, bei dem meine Generation stark das Gefühl hat, dass es zukunftsentscheidend ist. Grundsätzlich finde ich das politische System nicht schlecht, weil viele Meinungen vertreten werden und es die Gesellschaft in ihrer Vielfalt abbildet. Aber natürlich frustriert es, wenn man das Gefühl hat, in zentralen Zukunftsfragen nicht genügend Einfluss zu haben.
Wie seht ihr radikalere Vorschläge, nach denen Stimmen bei bestimmten Themen unterschiedlich gewichtet werden sollten –
je nachdem, wen sie stärker betreffen?
Hannelore Franke Das halte ich für falsch. Die Abgeordneten im Bundestag sind für alle verantwortlich, nicht nur für einzelne Gruppen. Auch wenn sie einer Partei angehören, müssen sie für die gesamte Gemeinschaft entscheiden.
Dann kommen wir zu den Zukunftsängsten. Francesca, ihr müsst mit Klimakrise und anderen Krisen leben und trotzdem Zukunft aufbauen, womöglich Kinder bekommen. Gibt es da Ängste?
Francesca Lauenburg Ja, auf jeden Fall. Diese Krisen sind einschneidend. Ich glaube, dass sich vieles auch durch Corona verändert hat, besonders bei denen, die noch jünger waren, als die Pandemie kam. Natürlich gab es auch vorher Krisen, aber jetzt bekommt man alles sehr direkt mit. Durch die Kriege rückt das noch näher. Man erlebt das viel unmittelbarer, daraus entstehen Zukunftsängste.
Über Kriege haben wir tatsächlich noch gar nicht gesprochen.
Hannelore Franke Es ist bemerkenswert, dass selbst in Kriegszeiten viele Kinder geboren wurden – im Zweiten Weltkrieg und danach. Hatten die Menschen damals keine Zukunftsangst? Offenbar nicht in dem Maße. Vielleicht lag manches an anderen Lebensumständen.
Ann-Katrin Sander Das lag aber auch an der fehlenden Geburtenkontrolle.
Hannelore Franke Das stimmt. Aber trotzdem fällt auf, dass heute viel mehr überlegt wird: Kann ich mir das leisten? Wie wird mein Kind in dieser Welt zurechtkommen? Die Zukunftsangst scheint größer. Wenn ich an meine Mutter denke: Sie hat zwei Weltkriege erlebt. Trotzdem haben die Menschen weitergelebt und Familien gegründet.
Ann-Katrin Sander Aber das System Familie hat sich verändert. Früher lebte man vielleicht in einem Dorf und hatte viel mehr Unterstützung. Heute ziehen viele für Ausbildung oder Studium in andere Städte, und oft müssen beide arbeiten, um den Lebensunterhalt zu sichern.
Francesca Lauenburg Genau. Viele fragen sich dann schon: Können wir uns das leisten? Wie wird das künftig? Ich würde auch sagen, dass sich die Rollenverteilung verändert hat. Mehr Frauen wollen unabhängig sein, eigenes Geld verdienen und Karriere machen. Das ist ein Privileg, dass das heute viel eher möglich ist. Natürlich ist es nicht für alle gleich leicht, aber es ist heute viel typischer, einen anderen Weg zu wählen, statt selbstverständlich Kinder zu bekommen und zu Hause zu bleiben.
Hannelore Franke Die Frauen früher hatten ihren Haushalt mit vielen Kindern. Das war eine echte Aufgabe, nur eben unbezahlt. Ich finde es schon ein bisschen traurig, wenn junge Frauen heute sagen, sie ziehen ihre Unabhängigkeit vor und bekommen keine Kinder. Ich kann das verstehen, aber natürlich machen Kinder auch Arbeit.
Ann-Katrin Sander Aber sie sind auch süß!
Was macht euch Sorgen, wenn ihr an die Zukunft denkt? Ann-Katrin, gibt es etwas, das dir besonders Angst macht?
Ann-Katrin Sander Ja, natürlich der Klimawandel und die vielen Kriege und Konflikte. Gerade passiert so vieles gleichzeitig, dass man schnell den Überblick verlieren kann. Manche Länder und Krisen geraten schon gar nicht mehr ins Blickfeld, weil so viel gleichzeitig passiert. Das macht mir Sorgen. Und als Mutter eines Sohnes macht mir auch das Thema Wehrpflicht ein bisschen Sorgen. Aber es ist nicht so, dass ich morgens mit Bauchschmerzen aufwache. Wir leben hier sehr privilegiert, und man muss sich immer wieder klarmachen, wie es anderen Menschen in anderen Teilen der Welt geht.
Hannelore Franke Zu den Krisen wollte ich noch sagen: Wir hatten immer wieder Kriege, auch ziemlich nah. Balkan, Kosovo, RAF-Zeit – es gab immer wieder Dinge, die Menschen verunsichert haben.
Ja, aber die Größenordnung ist im Moment natürlich noch mal eine andere.
Ann-Katrin Sander Durch Social Media ist heute alles ständig präsent. Bilder und Nachrichten erreichen einen ununterbrochen, und damit muss man erst mal klarkommen. Mir hilft es dann, bewusst einen Schritt zurückzugehen, rauszugehen, zum Beispiel joggen zu gehen und etwas Abstand zu gewinnen.
Was ist eigentlich die Stärke einer Generation, die wir dringend brauchen? Hannelore, was ist die Stärke von Francescas Generation?
Hannelore Franke Resilienz. Durchhaltevermögen. Diese Generation braucht das, und wir brauchen es auch von ihr. Man muss seinen eigenen Bereich in Ordnung halten, sonst kann man auch nicht in die Welt gehen. Gerade für junge Menschen ist es sehr zu empfehlen, auch mal in einem anderen Land zu leben, um zu merken: Zu Hause ist nicht alles schlecht, anderswo ist manches sogar viel schwieriger.
Und was ist die besondere Stärke eurer eigenen Generation?
Hannelore Franke Optimismus.
Ann-Katrin Sander Optimismus und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen – eigentlich generationenübergreifend. Wir sitzen alle in einem Boot auf dieser Welt.
Francesca Lauenburg Wir haben schon sehr viel Selbstbewusstsein und Initiative. Ich glaube, das ist für die Zukunft entscheidend.
Hannelore, wie siehst du das?
„Aber dieses Vorschreiben ist schwierig, wenn die Bürger nicht mitmachen. Und wenn die Stadt selbst nicht überall konsequent ist ...“
Hannelore Franke Der Staat kann einiges vorschreiben. Hamburg hat ja auch Ziele formuliert. Aber dieses Vorschreiben ist schwierig, wenn die Bürger nicht mitmachen. Und wenn die Stadt selbst nicht überall konsequent ist – wenn etwa noch Gasheizungen eingebaut werden –, dann fragen sich viele natürlich: Warum soll ich mitmachen, wenn selbst die öffentliche Hand nicht konsequent handelt? Grundsätzlich sehe ich den menschengemachten Klimawandel aber klar. Wir tragen als Land vielleicht nur einen kleinen Teil dazu bei, aber es wäre schön, wenn wir Vorreiter bleiben könnten. Nur darf das nicht auf Kosten unserer wirtschaftlichen Kraft gehen.
Hast du das Gefühl, dass deine Generation mit dieser Verantwortung teilweise zu lässig umgegangen ist?
Hannelore Franke Ja, das glaube ich schon. Man sieht es schon beim Auto. Gerade hier in den Elbvororten. Ich möchte auch nicht auf mein Auto verzichten und es ist noch ein Verbrenner. Natürlich fahren inzwischen auch viele mit E am Kennzeichen, aber oft sind das Hybride. Es ist eben ein Prozess, und der dauert.
Francesca Lauenburg Ich habe schon das Gefühl, dass dieser Prozess an manchen Stellen bewusst verlangsamt wird – durch politische Entscheidungen. Das frustriert sehr, gerade meine Generation. Man hat oft das Gefühl, dass zu lange gewartet wird und zu viel passieren muss, bevor wirklich gehandelt wird.
Und was löst diese Frustration aus?
Francesca Lauenburg Es spaltet sich. Es gibt Gruppen, die radikaler werden, andere resignieren. Aber Resignation hilft natürlich nicht. Man versucht also dranzubleiben und weiter daran zu glauben, dass sich etwas verändert. Auch wirtschaftlich ist das Thema nicht von der Klimakrise zu trennen: Natürlich muss Wohlstand erhalten werden, aber wenn Klimaschäden immer größer werden, wird das irgendwann auch die Wirtschaft massiv treffen.
Der durchschnittliche Deutsche kauft 60 Kleidungsstücke pro Jahr. Vor wenigen Jahren waren es noch 40. Ein Ende der Entwicklung nicht in Sicht.
Francesca Lauenburg Ich würde auch nicht sagen, dass alles so erhalten werden muss. Natürlich wünschen sich viele, dass ihr Lebensstandard bleibt, und das kann ich bis zu einem gewissen Grad verstehen. Aber wenn wir der Klimakrise wirklich entgegenwirken wollen, muss jeder irgendwo Abstriche machen. Es ist eben eine Gemeinschaftsaufgabe und keine Aufgabe einer einzelnen Generation oder einer kleinen engagierten Gruppe.
Habt ihr in euren Generationen das Gefühl, dass das freiwillig passiert? Oder eher: Solange nichts verboten wird, ändert sich auch nichts?
Hannelore Franke Wir haben ja gesehen, was aus vielen Verboten geworden ist: Der Widerstand wächst, und die AfD wird stärker. Ich glaube, es muss so sein, dass die Menschen es selbst einsehen und auch wollen. Darf ich mal fragen: Wie seid ihr heute hergekommen?
Sophie Rhine Mit der S-Bahn.
Tim Holzhäuser Mit der S-Bahn.
Francesca Lauenburg Mit dem E-Roller.
Ann-Katrin Sander Mit dem Fahrrad.
Hannelore Franke Seht ihr, das ist vorbildlich. Ist aber leider nicht allen möglich, gerade in meiner Generation.
Dann kommen wir zum nächsten Thema: Politik und Wahlen. Seht ihr Unterschiede zwischen den Generationen beim Wahlverhalten?
Hannelore Franke Natürlich wählen Menschen auch nach ihren Möglichkeiten. Wenn ich zum Beispiel an die kleinen Häuser in Alsterdorf denke: Wenn man diesen Leuten vorschreiben würde, sie müssten jetzt eine Wärmepumpe einbauen, dann könnten viele das gar nicht. Manche Häuser wären kaum zu sanieren. Da ist es nicht überraschend, wenn diese Menschen nicht unbedingt Parteien wählen, für die Klimaschutz an erster Stelle steht.
Ich höre bei dir trotzdem noch ein gewisses Grundvertrauen in die Politik heraus. Das ist ja nicht selbstverständlich. Francesca, wie ist das bei dir? Hast du Vertrauen in unser politisches System?
Francesca Lauenburg Eher Skepsis. Man hat oft das Gefühl, enttäuscht worden zu sein – dass Dinge angekündigt und dann doch nicht gemacht werden. Ich würde trotzdem niemals nicht wählen gehen, weil das Wahlrecht sehr wichtig ist. Aber ich würde auch keiner Partei mein volles Vertrauen schenken. Es ist eher eine Abwägung, fast die Wahl des kleineren Übels. Gleichzeitig finde ich gut, dass viele Parteien unterschiedliche Meinungen vertreten.
Ann-Katrin, wie siehst du das?
Ann-Katrin Sander Ich habe grundsätzlich Vertrauen, aber es ist ein sehr unübersichtliches Gemenge. Selbst innerhalb einer Partei gibt es viele unterschiedliche Meinungen, dass man gar nicht mehr so klar sagen kann: Ich wähle diese Partei und weiß, wofür sie steht. Dann gibt es Koalitionen. Innerhalb einer Koalition Entscheidungen durchzubringen dauert oft eine ganze Legislaturperiode, und dann wird schon wieder neu gewählt. Das hemmt viele wichtige Entwicklungen.
Hannelore Franke Dann müsste man ein anderes System haben, wie in England oder Amerika, also ein Mehrheitswahlrecht. Da gewinnt einer. Aber ist das wirklich besser?
Francesca, gerade jüngere Wähler haben in den letzten Jahren oft sehr klar für bestimmte Zukunftsthemen abgestimmt, etwa fürs Klima. Gibt es da Frust, wenn man das Gefühl hat, wir wählen für unsere Zukunft, aber andere Generationen entscheiden letztlich anders?
Francesca Lauenburg Ja, auf jeden Fall. Das ist ein Thema, bei dem meine Generation stark das Gefühl hat, dass es zukunftsentscheidend ist. Grundsätzlich finde ich das politische System nicht schlecht, weil viele Meinungen vertreten werden und es die Gesellschaft in ihrer Vielfalt abbildet. Aber natürlich frustriert es, wenn man das Gefühl hat, in zentralen Zukunftsfragen nicht genügend Einfluss zu haben.
Wie seht ihr radikalere Vorschläge, nach denen Stimmen bei bestimmten Themen unterschiedlich gewichtet werden sollten –
je nachdem, wen sie stärker betreffen?
Hannelore Franke Das halte ich für falsch. Die Abgeordneten im Bundestag sind für alle verantwortlich, nicht nur für einzelne Gruppen. Auch wenn sie einer Partei angehören, müssen sie für die gesamte Gemeinschaft entscheiden.
Dann kommen wir zu den Zukunftsängsten. Francesca, ihr müsst mit Klimakrise und anderen Krisen leben und trotzdem Zukunft aufbauen, womöglich Kinder bekommen. Gibt es da Ängste?
Francesca Lauenburg Ja, auf jeden Fall. Diese Krisen sind einschneidend. Ich glaube, dass sich vieles auch durch Corona verändert hat, besonders bei denen, die noch jünger waren, als die Pandemie kam. Natürlich gab es auch vorher Krisen, aber jetzt bekommt man alles sehr direkt mit. Durch die Kriege rückt das noch näher. Man erlebt das viel unmittelbarer, daraus entstehen Zukunftsängste.
Über Kriege haben wir tatsächlich noch gar nicht gesprochen.
Hannelore Franke Es ist bemerkenswert, dass selbst in Kriegszeiten viele Kinder geboren wurden – im Zweiten Weltkrieg und danach. Hatten die Menschen damals keine Zukunftsangst? Offenbar nicht in dem Maße. Vielleicht lag manches an anderen Lebensumständen.
Ann-Katrin Sander Das lag aber auch an der fehlenden Geburtenkontrolle.
Hannelore Franke Das stimmt. Aber trotzdem fällt auf, dass heute viel mehr überlegt wird: Kann ich mir das leisten? Wie wird mein Kind in dieser Welt zurechtkommen? Die Zukunftsangst scheint größer. Wenn ich an meine Mutter denke: Sie hat zwei Weltkriege erlebt. Trotzdem haben die Menschen weitergelebt und Familien gegründet.
Ann-Katrin Sander Aber das System Familie hat sich verändert. Früher lebte man vielleicht in einem Dorf und hatte viel mehr Unterstützung. Heute ziehen viele für Ausbildung oder Studium in andere Städte, und oft müssen beide arbeiten, um den Lebensunterhalt zu sichern.
Francesca Lauenburg Genau. Viele fragen sich dann schon: Können wir uns das leisten? Wie wird das künftig? Ich würde auch sagen, dass sich die Rollenverteilung verändert hat. Mehr Frauen wollen unabhängig sein, eigenes Geld verdienen und Karriere machen. Das ist ein Privileg, dass das heute viel eher möglich ist. Natürlich ist es nicht für alle gleich leicht, aber es ist heute viel typischer, einen anderen Weg zu wählen, statt selbstverständlich Kinder zu bekommen und zu Hause zu bleiben.
Hannelore Franke Die Frauen früher hatten ihren Haushalt mit vielen Kindern. Das war eine echte Aufgabe, nur eben unbezahlt. Ich finde es schon ein bisschen traurig, wenn junge Frauen heute sagen, sie ziehen ihre Unabhängigkeit vor und bekommen keine Kinder. Ich kann das verstehen, aber natürlich machen Kinder auch Arbeit.
Ann-Katrin Sander Aber sie sind auch süß!
Was macht euch Sorgen, wenn ihr an die Zukunft denkt? Ann-Katrin, gibt es etwas, das dir besonders Angst macht?
Ann-Katrin Sander Ja, natürlich der Klimawandel und die vielen Kriege und Konflikte. Gerade passiert so vieles gleichzeitig, dass man schnell den Überblick verlieren kann. Manche Länder und Krisen geraten schon gar nicht mehr ins Blickfeld, weil so viel gleichzeitig passiert. Das macht mir Sorgen. Und als Mutter eines Sohnes macht mir auch das Thema Wehrpflicht ein bisschen Sorgen. Aber es ist nicht so, dass ich morgens mit Bauchschmerzen aufwache. Wir leben hier sehr privilegiert, und man muss sich immer wieder klarmachen, wie es anderen Menschen in anderen Teilen der Welt geht.
Hannelore Franke Zu den Krisen wollte ich noch sagen: Wir hatten immer wieder Kriege, auch ziemlich nah. Balkan, Kosovo, RAF-Zeit – es gab immer wieder Dinge, die Menschen verunsichert haben.
Ja, aber die Größenordnung ist im Moment natürlich noch mal eine andere.
Ann-Katrin Sander Durch Social Media ist heute alles ständig präsent. Bilder und Nachrichten erreichen einen ununterbrochen, und damit muss man erst mal klarkommen. Mir hilft es dann, bewusst einen Schritt zurückzugehen, rauszugehen, zum Beispiel joggen zu gehen und etwas Abstand zu gewinnen.
Was ist eigentlich die Stärke einer Generation, die wir dringend brauchen? Hannelore, was ist die Stärke von Francescas Generation?
Hannelore Franke Resilienz. Durchhaltevermögen. Diese Generation braucht das, und wir brauchen es auch von ihr. Man muss seinen eigenen Bereich in Ordnung halten, sonst kann man auch nicht in die Welt gehen. Gerade für junge Menschen ist es sehr zu empfehlen, auch mal in einem anderen Land zu leben, um zu merken: Zu Hause ist nicht alles schlecht, anderswo ist manches sogar viel schwieriger.
Und was ist die besondere Stärke eurer eigenen Generation?
Hannelore Franke Optimismus.
Ann-Katrin Sander Optimismus und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen – eigentlich generationenübergreifend. Wir sitzen alle in einem Boot auf dieser Welt.
Francesca Lauenburg Wir haben schon sehr viel Selbstbewusstsein und Initiative. Ich glaube, das ist für die Zukunft entscheidend.