Protest gegen Bahnpläne: Sülldorf kämpft um seinen historischen Bahnhof
Mit der Erneuerung der Signaltechnik will die Deutsche Bahn auch den Bahnhof Sülldorf grundlegend umbauen. Das historische Empfangsgebäude soll verschwinden, der ebenerdige Zugang durch eine Brücke ersetzt werden. Dagegen regt sich im Stadtteil Widerstand – denn viele sehen den besonderen Charakter des Bahnhofs in Gefahr.
Als ich in Sülldorf aus der Bahn steige, schlägt mir Nieselregen ins Gesicht. Schnell eile ich zum Ausgang. Vor dem Sülldorfer Bahnhof treffe ich auf eine Menschentraube, inklusive Kamerateam und Pressekollegen. Das SülldorfForum, der inoffizielle Stadtteilbeirat, hat zu einem Pressetermin geladen. Es geht um die Bekanntmachung, dass der Sülldorfer Bahnhof abgerissen und durch einen neuen ersetz werden soll. Wolf Müller, Sprecher des Forums begrüßt uns und erklärt ohne Umschweife: „Wir sagen nein zum Abriss des Bahnhofs!“
Die Pläne der Deutschen Bahn sehen vor, dass die derzeitige ebenerdige Schienenüberquerung zum Bahnsteig inklusive der Bahnhofsgebäude und dem Telekommunikationsgebäude einem Neubau weichen sollen. Laut dem Eisenbahn-Bundesamt sei eine Fußgängerbrücke mit Treppen und Aufzügen auf nördlicher und südlicher Seite der Gleise als Ersatz geplant. Grund für die Veröffentlichung der Baupläne ist das Parallelprojekt „ESTW Altona-West“. Gemeint ist damit die Modernisierung der Signaltechnik im Streckenabschnitt Klein Flottbek bis Wedel. Damit würde der letzte örtliche Fahrdienstleiter – mit Sitz in Sülldorf – entfallen. Dieser regelt zur Zeit die Abläufe des kleinen Bahnhofs noch händisch, also bedient beispielsweise die Schranke am Fußgängerübergang per Hebel.
„Genau das macht doch den Charme aus“, so Müller. „Reisende, die Sülldorf ansteuern, steigen mit Blick auf die Felder und alten Bauernhäuser aus, passieren das historische Bahnhofsgebäude und werden vom örtlichen Fahrdienstleiter sogar noch gegrüßt – wo hat man das denn noch?“
Warum die Bahn einen Neubau plant
Auf Nachfrage bei der Pressestelle der Deutschen Bahn, wie sie die Situation am Sülldorfer Bahnhof einschätze, antwortet diese: „Uns ist bewusst, dass viele Menschen mit dem Empfangsgebäude in Sülldorf Erinnerungen verbinden. Wir haben deshalb sorgfältig geprüft, ob ein Erhalt möglich ist. Das Empfangsgebäude steht bereits seit 2008 leer. Seither gab es keine ernsthaften Interessenten für die Immobilie.“
Weiter sagt die Bahnsprecherin: „Das Gebäude befindet sich seit Jahren in einem schlechten baulichen Zustand. Eine aktuelle Schadstoffuntersuchung hat zudem ergeben, dass neben einem Befall mit Hausschwamm und Schimmel auch asbesthaltige Baustoffe vorhanden sind. Nach sorgfältiger Prüfung und in Abstimmung mit der Hamburger Behörde für Verkehr und Mobilitätswende (BVM), der Kulturbehörde (Denkmalschutzamt) sowie dem Bezirksamt Altona ist der Rückbau des nicht denkmalgeschützten Gebäudes daher die sinnvollste Lösung.“
Der Protest des SülldorfForums richtet sich laut Müller nicht gegen die Modernisierung der Signaltechnik, sondern gegen die bauliche Lösung. „Wir finden eine Aufhebung des ebenerdigen Zugangs zur S-Bahn für falsch, denn dieser sorgt für alle Reisenden für einen hürdenlosen und unkomplizierten Übergang zum Bahnsteig. Treppen und Aufzüge sind sinnlose Barrieren für die Anwohner unseres schönen Dorfes.“
Stadtteilhaus statt Abriss?
Die sogenannte DB InfraGo plant, dass der Sülldorfer Bahnhof künftig vom ESTW in Wedel gesteuert wird. Dafür werden umfangreiche Umbauarbeiten im Bahnhof erforderlich sein, die nach aktueller Planung 2029 beginnen sollen. „Unter anderem muss der Reisendenübergang an die heutigen technischen und sicherheitsrelevanten Anforderungen angepasst werden. Der Weg zum künftigen Übergang läuft dabei über die Fläche, auf der derzeit noch das Empfangsgebäude steht“, so die Bahnsprecherin.
Für das Empfangsgebäude wünschen sich die Gegenstimmen, mit Unterstützung von Nathalie Werdung (Die Linke) und Dr. Kaja Steffens (CDU), ein Stadtteilhaus für das Dorf, „da würde sich der zentrale Standort am Bahnhof gut eignen“, so Kaja Steffens.
Über das Antrags- und Beteiligungsportal für Verkehr und Offshore-Vorhaben (beteiligung.bund.de) können sich Interessierte über die Neubaupläne der „Personenüberführung Sülldorf“ informieren und bis zum 3. August an dem Verfahren beteiligen.
Historie: 1883 wurde der Sülldorfer Bahnhof eröffnet. Ein Teil des fast 150 Jahre alten Bahnhofsgebäude steht noch heute und empfängt Bahnreisende.