Abschied auf Raten: Das Ende des Kraftwerks Wedel rückt näher
Nach Jahrzehnten im Betrieb könnte das Kohlekraftwerk Wedel bald Geschichte sein. Die Hamburger Energiewerke haben die Stilllegung zum 1. Juli 2027 beantragt. Ob die Anlage tatsächlich abgeschaltet werden kann, hängt jedoch von der Bundesnetzagentur und dem erfolgreichen Start des neuen Energieparks Dradenau ab.
Man mag es kaum glauben, aber ein ärgerliches Kapitel der Lokalgeschichte könnte endlich ins Archiv wandern. „Wenn das uralte Kohlekraftwerk Wedel am ersten Juli 2027 wirklich stillgelegt wird, lassen wir hier die Sektkorken knallen!“, sagte Petra Kärgel von den Grünen in Wedel. „Das Kohlekraftwerk emittiert ja nicht nur Millionen von Tonnen klimaschädlicher Treibhausgase, sondern auch regelmäßig ätzende Partikel ins anliegende Wohngebiet. Die führen schon seit Jahren zu erheblichen Sachschäden und zu großen Sorgen in der Nachbarschaft. Diese Situation war und ist absolut inakzeptabel und eine Abschaltung längst überfällig.“
Tatsächlich prüft die Bundesnetzagentur derzeit, ob das Kraftwerk weiterhin für die Stabilität des Strom- und Wärmesystems benötigt wird. Eine Stilllegung ist erst möglich, wenn die Anlage nicht mehr als systemrelevant eingestuft wird. Nach Darstellung der Hamburger Energiewerke soll dieser Punkt erreicht sein, sobald der neue Energiepark auf der Elbinsel Dradenau in Betrieb geht und die Wärmeversorgung im Hamburger Westen übernimmt. Das Kraftwerk ist nämlich keineswegs nur, wie der Name suggeriert, für die Versorgung der Stadt Wedel zuständig, sondern primär für die Elbvororte in Hamburg. Der Rückbau der Anlage ist in zwei Phasen vorgesehen. Zunächst soll das Kraftwerk in eine sogenannte Konservierung überführt werden. In diesem Zustand wird keine Kohle mehr verbrannt, die Anlage bleibt aber technisch verfügbar. Erst in einem zweiten Schritt erfolgt die endgültige Stilllegung. Dabei werden zentrale Betriebsmittel entfernt, sodass ein erneuter Betrieb ausgeschlossen ist.
Das Kraftwerk Wedel gehört zu den älteren Anlagen der Region. Es wurde zwischen 1961 und 1965 von der damaligen Hamburgischen Electricitäts-Werke AG errichtet und ersetzte ein noch älteres Kraftwerk am selben Standort. Ursprünglich diente die Anlage ausschließlich der Stromversorgung Hamburgs. Ende der 1980er-Jahre wurde sie für die Kraft-Wärme-Kopplung umgebaut und damit auch für die Fernwärmeversorgung nutzbar gemacht. In den folgenden Jahrzehnten wurde das Werk mehrfach modernisiert, um die Laufzeit zu verlängern und technische Standards anzupassen.
Jahre der Kritik und Verzögerungen
Die Pläne für das Ende des Kraftwerks sind nicht neu. Bereits 2012 war eine Abschaltung vorgesehen, die sich jedoch mehrfach verzögerte. In der jüngeren Vergangenheit geriet das Kraftwerk auch wegen besagter Emissionen in die Kritik. Anwohner berichteten seit etwa 2015 über Partikelniederschläge, die insbesondere bei bestimmten Wetterlagen auftraten. Untersuchungen führten dies unter anderem auf Ablagerungen und Prozesse innerhalb der Abgasreinigung zurück. Analysen zeigten, dass die Partikel unter anderem aus Verbrennungsrückständen und Bestandteilen der Rauchgasentschwefelung bestanden. Ein toxikologisches Gutachten kam jedoch zu dem Ergebnis, dass keine relevanten Gesundheitsrisiken zu erwarten seien. Juristisch wurde die Anlage ebenfalls überprüft. Klagen von Anwohnern gegen den Betrieb des Kraftwerks blieben erfolglos. Ein Gericht bewertete die Belastungen als nicht erheblich genug.
Zum Energiepark Dradenau: Ursprünglich war vorgesehen, die Anlage bereits im Frühjahr 2026 in Betrieb zu nehmen und bis zum Ende der Heizperiode vollständig zu testen. In diesem Zuge hätte das Kohlekraftwerk Wedel bereits abgeschaltet werden können. Tatsächlich verzögerte sich der Bau jedoch um rund ein halbes Jahr. Die Folge: Die entscheidende Hochlaufphase mit umfangreichen Belastungstests kann erst in diesem Herbst beginnen. Erst gegen Ende des Jahres wird erwartet, dass die Anlage stabil läuft und einen Großteil der Hamburger Haushalte zuverlässig mit Wärme versorgen kann. Ein bisschen spannend bleibt es also schon ...
Energiewende in Hamburg
Die Bedeutung der Stilllegung des Kraftwerks reicht über Wedel hinaus. Hamburg hat sich das Ziel gesetzt, die Fernwärmeversorgung spätestens bis 2030 kohlefrei zu gestalten. Der Energiepark Hafen spielt dabei eine Schlüsselrolle. Langfristig soll die Wärmeversorgung der Stadt bis 2040 vollständig klimaneutral werden – vorausgesetzt, der neue Energiepark funktioniert im Regelbetrieb zuverlässig.