Individualmedizin

Anne Fleck über Darmgesundheit, Prävention und individuelle Medizin

Gesundheit · · 6 Min. Lesezeit · von Pia Möller
Dr. Anne Fleck sitzt in einer Küche an einem Tisch mit einer Schale vor sich.
Dr. med. Anne Fleck gehört seit vielen Jahren zu den profiliertesten Stimmen der modernen Präventions- und Ernährungsmedizin in Deutschland.

Warum spielt der Darm für die gesamte Gesundheit eine so wichtige Rolle? Und weshalb reicht es nicht, nur einzelne Symptome zu behandeln? Die Hamburger Internistin und Rheumatologin Dr. Anne Fleck spricht über personalisierte Medizin, Prävention und einen ganzheitlichen Blick auf den Körper.

Frau Dr. Fleck, Sie sagen oft, Medizin müsse individueller werden. Wo sehen Sie heute die größte Lücke zwischen Standardmedizin und personalisierter Medizin?

Dr. Anne Fleck Die Akutversorgung und Notfallmedizin funktionieren meist exzellent und retten täglich Leben. Verbesserungsbedarf sehe ich vor allem bei Prävention, Ursachenforschung und ganzheitlichen Therapiekonzepten. Leitlinien basieren auf statistischen Mittelwerten großer Studiengruppen. Jeder Mensch ist aber anders. Deshalb sehe ich die Zukunft in einer personalisierten Präzisionsmedizin, die individuelle Biochemie, Genetik, Mikrobiom und Lebensstil berücksichtigt. Statt nur ein Symptom wie Bluthochdruck mit Medikamenten zu behandeln, müssen wir fragen: Warum besteht dieser Hochdruck überhaupt? Sind versteckte Entzündungen, Nährstoffmängel oder Stress die Ursache? Die aktuell klaffende Lücke schließt sich, wenn wir aufhören, Krankheiten zu verwalten, und anfangen, Gesundheit individuell und ursachenmedizinisch anzugehen.

Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse wurden aus Ihrer Sicht lange unterschätzt?

Für mich ganz klar: die Bedeutung des Darmmikrobioms, die sogenannte „Silent Inflammation“ – also stille Entzündungen – und die Epigenetik. Vor Jahren wurde ich noch belächelt, als ich Darmstörungen und Entzündungen als Krankheitstreiber bezeichnet habe. Heute sind diese Erkenntnisse etablierter Stand der Forschung. Viel zu lange dachte man, es sei egal, was wir essen, oder unsere Gene seien Schicksal. Heute wissen wir: Durch unseren Lebensstil können wir Gene an- und ausschalten. Stille Entzündungen, ausgelöst durch Fehlernährung, Darmprobleme, Stress, Infektionen oder Umweltgifte, gehören zu den wichtigsten Treibern moderner Zivilisationskrankheiten – von Herz-Kreislauf-Erkrankungen über Diabetes bis hin zu Depressionen.

„Die mentale Stabilität beginnt auf dem Teller und im Darm.“

Dr. Anne Fleck

Warum wird in der Medizin noch immer zu selten systemisch gedacht?

Unser Gesundheitssystem ist historisch in Fachdisziplinen aufgeteilt worden. Der Kardiologe schaut aufs Herz, die Gastroenterologin auf den Darm, der Psychotherapeut auf die Seele. Aber der Körper ist nicht in Abteilungen unterteilt. Alles hängt mit allem zusammen. Das Problem ist: Systemisches Denken braucht Zeit, Erfahrung und den Willen zur Ursachenforschung. Unser System basiert jedoch häufig auf schneller Taktung und Symptombehandlung. Ein Rückenschmerz ist oft kein rein statisches Problem, sondern das Endresultat eines biochemischen, organischen oder auch seelischen Ungleichgewichts. Gezielte Lebensstilstrategien, Ernährung oder Nährstoffversorgung gehören dabei noch immer nicht selbstverständlich zum medizinischen Alltag. Wir müssen weg vom Scheuklappen-Denken und hin zu einem Netzwerk-Verständnis des Menschen.

Welche Rolle spielen Faszien, Bindegewebe und Organbeweglichkeit für Gesundheit und Regeneration?

Eine sehr große. Wir müssen den Körper als biophysikalisches Kontinuum verstehen. Das Bindegewebe ist das Bindeglied, das alles mit allem verbindet. Wenn Faszien durch Entzündungen oder Stress verkleben, schränkt das die Beweglichkeit von Organen und Geweben ein. Eine Wirbelsäule, die dauerhaft unter Spannung steht, wird Probleme machen. Genauso kann ein Darm nicht optimal funktionieren, wenn die Faszienbalance gestört ist. Die funktionelle Balance des Bindegewebes ist entscheidend dafür, dass Durchblutung, Nährstoffversorgung und Stoffwechselprozesse optimal funktionieren.

Dr. Anne Fleck sitzt in einem hellen Praxisraum einer Frau gegenüber und spricht mit ihr an einem Tisch.
Dr. Anne Fleck berät ab Frühjahr 2027 in neuen Praxisräumen im Herzen der Hamburger Innenstadt.

Welche Bedeutung hat die Darm-Hirn-Achse für unsere Gesundheit?

Der Darm ist weit mehr als ein Verdauungsorgan. Er ist ein entscheidendes Zentrum unserer Gesundheit und wird nicht umsonst als „zweites Gehirn“ bezeichnet. Über den Vagusnerv und zahlreiche Botenstoffe kommuniziert er permanent mit dem Gehirn. Wenn die Darmbarriere gestört ist oder das Mikrobiom aus dem Gleichgewicht gerät, können Entzündungsprozesse entstehen, die sich auch auf das Nervensystem auswirken. Das Resultat können Brain Fog, Erschöpfung, Ängstlichkeit oder Depressionen sein. Deshalb sage ich oft: Die mentale Stabilität beginnt auf dem Teller und im Darm. Die Diagnostik und Therapie des Darms nimmt in meiner Arbeit einen entsprechend großen Stellenwert ein.

Was wird beim Thema Darmgesundheit aus Ihrer Sicht noch immer unterschätzt?

Aus meiner Erfahrung wird die weit verbreitete Glutenunverträglichkeit häufig übersehen. Die klassische Zöliakie betrifft nur einen kleinen Teil der Bevölkerung. Deutlich häufiger ist eine sogenannte Nicht-Zöliakie-Glutensensitivität. Sie ist schwieriger nachzuweisen, kann die Darmgesundheit aber erheblich beeinträchtigen. Nicht selten steckt sie hinter Beschwerden wie Müdigkeit, Reizdarm, Haarausfall, Akne, Kopf-, Muskel- oder Gelenkschmerzen. Auch bei Autoimmunerkrankungen spielt sie aus meiner Sicht oft eine größere Rolle, als viele vermuten. Weil das Thema noch immer unterschätzt wird, setze ich mich seit Jahren dafür ein. Denn wenn der Darm dauerhaft belastet ist, hat das Auswirkungen weit über die Verdauung hinaus – auf Energie, Stoffwechsel, Immunsystem und letztlich auf die gesamte Gesundheit.

Sie sprechen häufig von integrativer Medizin. Was verstehen Sie darunter?

Echte integrative Medizin ist für mich die Verbindung aus moderner Diagnostik, klassischer Medizin, Ursachenforschung, Lebensstilmedizin und seriösen naturheilkundlichen Verfahren. Gleichzeitig müssen wir heute sehr wachsam sein. Der Gesundheitsmarkt boomt, und nicht selten werden Trends oder vermeintliche Wundermittel als universelle Lösungen verkauft. Deshalb wird es immer wichtiger, seriöse, transparente und wissenschaftlich fundierte Quellen zu haben. Menschen zu sehen, wie sie sind, herauszufinden, was sie wirklich brauchen, und sie empathisch und wissenschaftlich fundiert zu begleiten – genau darin liegt für mich das Potenzial moderner integrativer Medizin.

„Alles hängt mit allem zusammen.“

Dr. Anne Fleck

Haben wir verlernt, Gesundheit als langfristige Aufgabe zu verstehen?

Vielleicht ein Stück weit. Ich habe nichts gegen Reparaturmedizin – die braucht jedes Auto. Aber wir behandeln unseren Körper oft schlechter als ein Auto und kümmern uns erst um ihn, wenn etwas streikt. Der größte Trugschluss ist, Symptomfreiheit mit Gesundheit gleichzusetzen. Wer nur Schlaglöcher flickt, übersieht oft die bröckelnde Straße darunter. Gesundheit ist etwas, das sich lohnt, jeden Tag anzugehen. Dafür brauchen wir mehr Qualitätsbewusstsein, mehr Innovation und mehr Eigenverantwortung.

Viele Menschen reagieren erst, wenn der Körper deutliche Warnsignale sendet. Was möchten Sie ihnen mitgeben?

Der Körper ist unser bester Freund. Mit jedem Symptom kommuniziert er mit uns. Er will immer nur unser Bestes und gibt in jeder Sekunde unseres Lebens sein Bestes, um unsere Gesundheit zu bewahren. Es gilt für uns, diese Wahrheit anzunehmen und ihm besser zuzuhören.

Und ganz persönlich: Was sind für Sie die wichtigsten Grundlagen eines gesunden und langen Lebens?

Gedankenhygiene. Ausreichend Schlaf. Bewegung im Alltag. Dazu eine gute Versorgung mit gesunden Fetten, ausreichend Wasser, bewusstes Atmen und gutes Kauen. Und vor allem: Menschen. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Gute Beziehungen, Vertrauen und das Gefühl von Sinn sind für Gesundheit mindestens genauso wichtig wie Ernährung oder Bewegung. Viele Hebel zur Gesundheit sind erstaunlich klein – aber enorm wirksam.

Dr. Anne Fleck

Die Hamburger Internistin und Rheumatologin zählt zu den bekanntesten Expertinnen für Präventions-, Ernährungs- und Individualmedizin im deutschsprachigen Raum. Als Autorin, Podcasterin und TV-Ärztin setzt sie sich seit Jahren für eine ursachenorientierte Medizin und mehr Gesundheitskompetenz ein. Mit ihrem Online-Kurs „Fett weg!“ zeigt Anne Fleck, wie sich Ernährung, Bewegung und Stoffwechsel gezielt verändern lassen, um langfristig gesünder zu leben und nachhaltig abzunehmen – praxisnah und wissenschaftlich fundiert.

Pia Möller
Osteopathin und Gesundheitsexpertin
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