„Das ist keine Sportmedizin. Das ist Lebensmedizin.“
Bewegung hält fit – doch für Prof. Dr. med. Hauke Mommsen ist sie weit mehr als das. Im Interview erklärt der Sportmediziner, warum Muskulatur ein unterschätztes Organ ist, weshalb unser Gesundheitssystem oft eher Krankheiten als Gesundheit behandelt und was jeder Mensch für ein gesundes Altern tun kann.
Herr Prof. Mommsen, gab es einen Moment, in dem Ihnen klar wurde: Das ist mehr als Sportmedizin – das ist eigentlich Lebensmedizin?
Prof. Dr. med. Hauke Mommsen Ich habe zwar Medizin studiert und mich intensiv mit den naturwissenschaftlichen Aspekten des Körpers beschäftigt – aber verstanden habe ich den Menschen dadurch zunächst nicht. Im Studium wurde der Körper immer weiter zerlegt: in einzelne Organe, Gewebe und Zellen. Egal ob Leber, Pankreas oder Gehirn – alles wurde analysiert und bis ins kleinste Detail untersucht. Das Problem ist nur: Wenn man immer kleinteiliger wird, versteht man irgendwann zwar einzelne Bestandteile, aber nicht mehr das große Ganze.
Und genau das ist die Herausforderung. Denn Medizin ist eben mehr als Naturwissenschaft. Heute kann man eigentlich keine gute Medizin mehr machen ohne Geistes- und Sozialwissenschaften. Wir müssen nicht nur verstehen, wie Organe funktionieren, sondern wie Menschen funktionieren. Der wirkliche Gamechanger für mich war die Evolutionsmedizin. Plötzlich habe ich den Körper anders gedacht. Ich habe nicht mehr nur ein Kniegelenk behandelt, sondern verstanden: An jedem Knie hängt ein ganzer Mensch – mit Ängsten, Sorgen, Wünschen, Unsicherheiten und einem biografischen Rucksack.
Wir müssen Muskeln in der Medizin völlig neu denken.
Und genau dort wurde mir klar: Das ist keine reine Sportmedizin mehr. Das ist Lebensmedizin. Die Studienlage der vergangenen Jahre zeigt inzwischen eindeutig: Muskulatur ist nicht einfach nur Bewegungsapparat. Sie ist unser größtes Stoffwechselorgan, beeinflusst Immunsystem, Psyche, Entzündungsprozesse und Alterung. Wir müssen Muskeln in der Medizin völlig neu denken.
Wenn Muskeln so stark auf Stoffwechsel, Immunsystem und Psyche wirken: Warum behandeln wir Bewegung im Gesundheitssystem immer noch eher wie eine Empfehlung statt wie eine echte Therapie?
Das klingt für Außenstehende manchmal fast unfassbar, aber Themen wie Gesundheit, Prävention, Ernährung, Bewegung oder Gesundheitsförderung spielen im Medizinstudium bis heute nur eine Nebenrolle. Unsere Medizin ist stark medikalisiert. Sie ist geprägt von Diagnosen, Pathologien und der Behandlung von Krankheiten – nicht primär von der Entstehung von Gesundheit. Viele Maßnahmen sind passiv: Tablette, Spritze, physikalische Therapie. Das führt häufig nicht in die Selbstwirksamkeit der Patienten.
Mit Gesundheit im eigentlichen Sinne hat unser Gesundheitssystem deshalb manchmal erstaunlich wenig zu tun. Eigentlich ist es eher ein Krankheitssystem. Das klingt provokant, ist aber gar nicht böse gemeint, sondern ehrlich beobachtet. Gesundheit entsteht nicht hauptsächlich in Arztpraxen oder Kliniken. Sie entsteht im Alltag: durch Bewegung, Schlaf, Ernährung, soziale Beziehungen, Sinn, Stressregulation und Eigenverantwortung. Vielleicht liegt genau darin auch die unbequeme Wahrheit: Bewegung wäre eine der wirksamsten Therapien, die wir haben – aber sie verlangt aktive Mitarbeit. Und die kann uns leider niemand abnehmen.
Sie arbeiten im Profisport bei Hannover 96. Gleichzeitig erleben Sie im Alltag die Folgen von Bewegungsmangel. Was sagt Ihnen dieser Kontrast über unseren Umgang mit dem eigenen Körper?
Wir gehen insgesamt nicht besonders gut mit unserem Körper um. Vor allem beschäftigen wir uns erstaunlich wenig mit ihm. Wir wissen oft ganz genau, welches Betriebssystem unser Smartphone hat oder welches Hotel die besseren Bewertungen für den Sommerurlaub besitzt. Aber bei der Frage: Wie funktioniert eigentlich mein eigener Körper? – wird es plötzlich still. Dabei wäre genau das die wichtigste Betriebsanleitung unseres Lebens.
Unser Körper hat Bedürfnisse, die erfüllt werden müssen, damit er funktioniert und gesund bleibt. Er ist auf Bewegung ausgelegt, auf Belastung, auf Phasen von Nahrungsknappheit – nicht auf Dauerverfügbarkeit von Essen, Lieferdiensten und acht Stunden Bildschirmzeit. Unser modernes Leben ist biologisch betrachtet eigentlich ein großes Missverständnis. Viele sogenannte Zivilisationskrankheiten sind letztlich die direkte Antwort unseres Körpers auf unseren Lebensstil.
Und das Faszinierende ist: Der Körper diskutiert nicht. Er macht nicht das, was Arzt oder Therapeut sagen – sondern das, was biologisch notwendig ist. Im Prinzip haben wir keinen Körper – wir sind unser Körper.
Im Prinzip haben wir keinen Körper – wir sind unser Körper.
Was beobachten Sie bei Menschen, die anfangen, ihren Körper wieder bewusster zu nutzen?
Die gute Nachricht ist: Der menschliche Körper ist kein starres System. Er ist extrem anpassungsfähig – und in weiten Teilen von uns selbst abhängig. Unser Körper besteht zu etwa 40 bis 50 Prozent aus Muskelmasse. Deshalb betrachten wir Muskulatur heute nicht mehr nur als etwas Mechanisches oder Ästhetisches, sondern als eine Art endokrine Drüse. Wenn wir unseren Körper benutzen, produziert die Muskulatur Hunderte bis Tausende hormonähnliche Substanzen – sogenannte Myokine. Diese wirken entzündungshemmend, schmerzlindernd, stimmungsaufhellend und regulieren den Zucker- und Fettstoffwechsel.
Deshalb sind die Effekte von Bewegung nicht nur körperlich. Menschen fühlen sich emotional stabiler, klarer, ruhiger und oft wieder mehr bei sich selbst. Nicht zufällig geht es uns meistens dann gut, wenn wir draußen unterwegs sind: beim Spazierengehen, Wandern, Spielen, Trainieren oder einfach in der Natur. Dort werden ganz viele grundlegende Bedürfnisse unseres Körpers erfüllt.
Gesundheit beginnt im Alltag
Sie sind Vater von fünf Kindern. Was sollten wir Kindern und Jugendlichen mitgeben, damit sie ihren Körper früh verstehen?
Zunächst einmal müssen wir als Eltern ehrlich genug sein, bei uns selbst anzufangen. Wenn wir uns darüber beschweren, dass Kinder sich zu wenig bewegen oder ständig am Handy hängen, dann müssen wir uns auch fragen: Wer hat diese Generation eigentlich großgezogen?
Für mich war Stubenarrest früher eine Strafe. Heute ist er fast eine Belohnung. Wir sind früher abends dreckig, nass und völlig erschöpft nach Hause gekommen – aber emotional satt. Gestillt von Bewegung, Natur, Abenteuer und anderen Kindern. Genau das fehlt heute vielen jungen Menschen.
Deshalb glaube ich, dass Gesundheitskompetenz eines der großen Zukunftsthemen sein wird. Wir müssen viel früher anfangen, Wissen über den menschlichen Körper in Schulen zu vermitteln. Und wir müssen Vorbilder sein. Kinder machen selten das, was wir sagen. Sie machen meistens das, was wir vorleben.
Leben wir Kindern und Jugendlichen überhaupt noch ein gesundes Körperverständnis vor?
Ich glaube tatsächlich, dass wir als Gesellschaft in vielen Bereichen den Kontakt zu unserem eigenen Körper verloren haben. Man muss verstehen: Unsere Körper sind evolutionär nicht für Gesundheit gebaut worden, sondern für Überleben im Mangel. Deshalb lieben wir Bequemlichkeit, energiereiches Essen und möglichst wenig Anstrengung.
Gesunde Entscheidungen fühlen sich deshalb oft nicht natürlich an. Der Körper sagt selten: „Ach, wie schön, heute wieder Brokkoli und Kniebeugen.“ Wir müssen unsere Biologie deshalb ein Stück weit überlisten. Durch Gewohnheiten, Strukturen, Routinen und ein Umfeld, das Gesundheit überhaupt erst möglich macht.
Die gute Nachricht ist aber: Gesundheit ist viel weniger schicksalhaft, als wir lange gedacht haben. Moderne Untersuchungen zeigen sehr deutlich, dass unser Lebensstil einen enormen Einfluss darauf hat, wie gesund wir sind und welche Erkrankungen wir entwickeln.
Selbst Verantwortung übernehmen
Sie sprechen häufig von Selbstwirksamkeit. Warum ist sie so wichtig?
Der eigentliche Alltag des Patienten beginnt außerhalb der Praxis. Mein Kontakt mit ihm ist relativ kurz. Die entscheidenden 23 Stunden passieren nicht bei mir auf der Behandlungsliege. Deshalb steht für mich immer zuerst die Edukation im Vordergrund. Der Patient muss verstehen, was er hat. Nicht ich allein muss die Diagnose verstehen, sondern der Mensch, der damit lebt.
Am Ende müssen Patienten Experten ihrer eigenen Problematik werden. Ich nenne das selbstwirksames Patienten-Coaching. Nicht ich bin verantwortlich für die Gesundheit des Patienten – sondern der Patient selbst. Ich unterstütze, begleite, erkläre und motiviere. Denn der Körper hat eine enorme Fähigkeit zur Anpassung, Heilung und Regulation, wenn wir ihm die richtigen Reize geben.
Wenn Sie Gesundheit auf drei Dinge reduzieren müssten: Worin sollten Menschen heute wirklich investieren?
Erstens: qualitativen Schlaf. Schlaf ist keine verlorene Zeit, sondern Hochleistungsmedizin des Körpers.
Zweitens: eine möglichst natürliche und maßvolle Ernährung. Unser Körper kommt erstaunlich gut mit echten Lebensmitteln zurecht, aber deutlich schlechter mit einem dauerhaften Überangebot an hochverarbeiteten Produkten.
Und drittens: regelmäßige körperliche Aktivität – möglichst draußen in der Natur. Nicht als Strafe, sondern weil Bewegung ein biologisches Grundbedürfnis ist.
Das Interessante ist: Diese Dinge kosten oft weniger Geld als viele Trends im Gesundheitsmarkt. Aber sie verlangen etwas anderes: Regelmäßigkeit. Der Körper braucht keine Perfektion. Er braucht Signale. Immer wieder.
Wenn Sie alles auf einen Gedanken reduzieren müssten: Was sollte jeder Mensch über seinen Körper wissen?
Vielleicht geht es weniger um Wissen als um Wertschätzung und Demut gegenüber dem eigenen Körper. Unser Körper ist ein unfassbar faszinierendes System. Eigentlich ein biologisches Wunder. Er versucht jeden Tag auszugleichen, zu reparieren, anzupassen und uns am Leben zu halten – oft trotz unseres Lebensstils. Vielleicht würden wir anders mit ihm umgehen, wenn wir wieder mehr Respekt vor ihm hätten. Gesundheit ist nichts, was man irgendwann besitzt. Gesundheit ist Beziehungspflege mit dem eigenen Körper. Und wie jede gute Beziehung funktioniert sie nur, wenn man sich regelmäßig kümmert.
Muskeln als Medizin
Warum Bewegung entscheidend für gesundes Altern ist: Das neue Buch von Prof. Dr. med. Hauke Mommsen erscheint am 17. Februar 2027.
Muskeln als Medizin
Gebundene Ausgabe, 176 Seiten
Erscheinungstermin: 17. Februar 2027
Verlag: TRIAS
ISBN: 978-3518475836
Prof. Dr. med. Hauke Mommsen
Prof. Dr. med. Hauke Mommsen ist Sportmediziner, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie sowie ausgebildeter Physiotherapeut und Osteopath. Er lehrt als Professor an der HAW Kiel im Fachbereich Gesundheit. Er war langjähriger Mannschaftsarzt von der U21-Nationalmannschaft des Deutschen Fußball-Bundes, vom FC St. Pauli sowie dem THW Kiel und der SG Flensburg-Handewitt. In seiner Arbeit beschäftigt er sich intensiv mit den Zusammenhängen von Bewegung, Muskulatur, Gesundheit und gesundem Altern.