Mentale Gesundheit

Demenz neu denken: Dietrich Grönemeyer über Prävention, Pflege und Nähe

Gesundheit · · 7 Min. Lesezeit · von Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer
Symbolbild Seniorenhilfe
„Demenz verlangt Geduld – aber auch Kreativität und Liebe.“

Dietrich Grönemeyer hat Demenz nicht nur als Mediziner erlebt: Seine Eltern, seine Großmutter und seine Tante waren betroffen. In seinem Gastbeitrag schreibt er über Prävention und Risikofaktoren, aber auch über Überforderung in der Pflege – und darüber, warum im Umgang mit Erkrankten manchmal Liebe, Humor und Fantasie wichtiger sind als jede Korrektur.

Demenz gehört zu den größten medizinischen und gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Bereits heute leben in Deutschland rund 1,8 Millionen Menschen mit einer dementiellen Erkrankung. Jedes Jahr kommen etwa 450.000 Neuerkrankungen hinzu. Die Zahlen steigen dramatisch – und dennoch wirkt unsere Gesellschaft darauf kaum vorbereitet. Mich macht diese Entwicklung nicht nur als Arzt nachdenklich, sondern auch als Sohn, Bruder, Vater und Großvater. Denn Demenz ist für mich kein abstraktes medizinisches Thema. Mein Vater, meine Mutter, meine Großmutter und meine Tante waren betroffen. Ich habe die Krankheit aus nächster Nähe erlebt – medizinisch und menschlich. Und ich habe erfahren, wie hilflos man sich fühlen kann, wenn ein geliebter Mensch langsam in eine andere Wirklichkeit abgleitet. Wir leben in einer Gesellschaft, die technisch hoch entwickelt ist, aber kaum demenzorientiert denkt. Die Würde dementer Menschen steht viel zu selten im Mittelpunkt. Pflegekräfte, Angehörige und Betroffene werden oft allein gelassen. Dabei müssten Politik, Krankenkassen und Medizin endlich aufwachen. Demenz, Depression, Burnout und Einsamkeit gehören zu den großen Volkskrankheiten unserer Zeit – und sie hängen enger zusammen, als viele glauben.

Prävention kann viel bewirken

Dabei ist die wichtigste Botschaft eigentlich eine hoffnungsvolle: Nach Erkenntnissen der internationalen Lancet-Kommission könnte nahezu jede zweite Demenz verhindert oder zumindest deutlich hinausgezögert werden. Das bedeutet nicht, dass Erkrankte selbst schuld wären. Aber es bedeutet, dass Prävention enorm wirksam sein kann. Viele Risikofaktoren kennen wir längst: Bewegungsmangel, Diabetes, Bluthochdruck, Übergewicht, Rauchen, chronischer Stress, Schlafmangel und soziale Isolation erhöhen das Risiko deutlich. Auch Umweltbelastungen wie Feinstaub oder möglicherweise Mikroplastik spielen eine Rolle. Hinzu kommen Faktoren, die lange unterschätzt wurden: Hörverlust, Sehschwäche und unverarbeitete seelische Traumata.

Gerade Letzteres hat mich im Laufe meines Lebens besonders beschäftigt. Bei meinen Recherchen für mein Buch „Leben ohne Angst“ stieß ich auf Forschungsergebnisse, die zeigten, dass traumatische Erfahrungen sogar über Generationen hinweg Spuren hinterlassen können. Das bedeutet aber nicht, dass wir unserem Schicksal ausgeliefert sind. Im Gegenteil. Der Mensch besitzt die Fähigkeit, sich zu verändern, sich selbst zu heilen und neue Wege zu gehen – selbst bei genetischer Vorbelastung. Ich selbst habe nie Angst entwickelt, an Demenz zu erkranken. Als Medizinstudent hatte ich einmal plötzlich eine schwarze Zunge und war überzeugt, schwer krank zu sein. Der Arzt fragte nur trocken: „Haben Sie Lakritz gegessen?“ Seitdem weiß ich: Man darf medizinisches Wissen nicht mit Angst verwechseln.

Plötzlich ein hilfloser Helfer

Prof. Dr. med. Dietrich Grönemeyer
Prof. Dr. med. Dietrich Grönemeyer

Und doch war die Erkrankung meiner Eltern eine der schwersten Erfahrungen meines Lebens. Für mich als Arzt war es besonders hart, denn ich war plötzlich ein hilfloser Helfer. Demenz verändert die Persönlichkeit eines Menschen tiefgreifend. Es ist, als würde jemand langsam in eine eigene Schneekugelwelt hineingleiten. Vor allem bei meinem Vater geschah das erschreckend schnell. Eines Tages war er nicht mehr derselbe. Es erinnerte mich an die Berichte über die Erkrankung von Bruce Willis – als hätte jemand über Nacht einen Schalter umgelegt. Trotzdem haben wir versucht, unseren Eltern bzw. Schwiegereltern, Großeltern und für meine Enkel den Urgroßeltern so viel Menschlichkeit und Nähe wie möglich zu schenken. Gemeinsam mit liebevollen und hervorragend ausgebildeten polnischen Pflegekräften haben wir alle mit ihnen getanzt, Musik gemacht, vorgelesen, gespielt, gelacht, gefüttert, gemütlich gebettet und mit Liebe begleitet. Nicht die Krankheit stand im Mittelpunkt, sondern der Mensch.

Meine Eltern konnten dadurch bis fast zuletzt zu Hause gepflegt werden. Das wünschen sich die meisten Menschen. Doch häusliche Pflege ist oft nur mit enormer Kraftanstrengung möglich – emotional, körperlich und finanziell. Deshalb darf niemand Schuldgefühle haben, wenn die Betreuung zu Hause irgendwann nicht mehr gelingt. Pflegeheime oder Hospize können im Einzelfall die bessere Lösung sein – für Erkrankte ebenso wie für Angehörige. Wichtig ist vor allem, dass Pflegende sich selbst nicht verlieren. Wer dauerhaft erschöpft ist, kann keine Kraft mehr geben. Man muss Pausen machen dürfen. Urlaub machen. Hilfe annehmen. Darüber reden. Niemand sollte sich schämen, psychologische Unterstützung zu suchen.

Die Wirklichkeit des anderen verstehen

Denn Demenz ist nicht nur eine Erkrankung des Gehirns. Sie betrifft immer auch die Seele. Das habe ich besonders bei meinem Vater erlebt. Er hatte im Krieg in Stalingrad einen Arm verloren und die Hölle erlebt. Diese Erinnerungen kamen in den dementiellen Phasen mit voller Wucht zurück. Einmal rief mich ein Pflegeheim an, weil mein Vater schreiend unter der Dusche saß und die Pfleger als Feinde beschimpfte. Als ich ihn sah, verstand ich sofort: Er war nicht im Pflegeheim. Er war wieder im Schützengraben von Stalingrad. Also bin ich zu ihm in die Dusche gekrochen und sagte: „Ich habe die Schweine vertrieben. Das Gefecht ist vorbei.“ Erst dann beruhigte er sich.

Diese Erfahrung hat mir gezeigt: Wer mit dementen Menschen umgehen will, muss manchmal bereit sein, ihre Wirklichkeit zu betreten, statt sie ständig in unsere zurückzuzwingen. Das gilt auch im Alltag. Wenn ein dementer Mensch seine Brille in den Kühlschrank legt, hilft Vorwurf nicht weiter. Humor und liebevolle Fantasie dagegen oft schon. Vielleicht sagt man einfach: „Wie gut, dass du die Brille schon mal zum Essen gelegt hast.“ Wenn jemand zwei unterschiedliche Socken trägt, kann man daraus einen neuen Modetrend machen.

Demenz verlangt Geduld – aber auch Kreativität und Liebe: Natürlich gibt es auch aggressive Situationen. Meine Großmutter zog einmal ein Messer aus ihrem BH und bedrohte mich damit. Wahrscheinlich hatte auch sie schwere Kriegstraumata nie verarbeitet. Statt dagegen anzukämpfen, sprach ich ruhig mit ihr, bis sie mich wiedererkannte und mir das Messer schließlich gab. Solche Momente zeigen, wie wichtig emotionale Sicherheit ist. Deshalb müssen wir Demenz neu denken. Nicht nur als neurologische Erkrankung, sondern als Zusammenspiel von Körper, Seele, Biografie und Umwelt. Und genau deshalb ist Prävention so entscheidend: Bewegung, gesunde Ernährung, geistige Aktivität, guter Schlaf, soziale Nähe und Sinnhaftigkeit im Leben wirken wie ein Schutzschild für das Gehirn. Besonders Schlaf wird unterschätzt. Während wir schlafen, regenerieren sich Stoffwechsel, Immunsystem und Nervenzellen. Das Gehirn räumt regelrecht auf. Auch kleine Ruhephasen, Mittagsschlaf oder Powernaps können helfen.

Ebenso wichtig sind gutes Hören und gutes Sehen. Wer sich aus Gesprächen zurückzieht, weil er schlecht hört oder sieht, verliert leichter den Anschluss an die Welt. Einsamkeit und Depression können dann den Boden für Demenz bereiten. Moderne Hörgeräte, Brillen oder Augenoperationen sind deshalb oft auch Demenzprävention. Viele Menschen hoffen heute auf Medikamente oder Impfungen gegen Demenz. Natürlich wird intensiv geforscht. Es gibt Hinweise, dass etwa die Gürtelrose-Impfung das Risiko senken könnte. Ich selbst habe mich impfen lassen. Aber wir dürfen uns nichts vormachen: Die eine Wunderpille gegen Demenz gibt es bisher nicht. Medikamente können den Verlauf manchmal verlangsamen – heilen können sie die Krankheit bislang nicht. Und trotzdem glaube ich, dass selbst in der Demenz noch ganz viel Menschliches und Berührendes liegen kann. Meine Mutter lächelte oft still und friedlich, obwohl sie längst vieles vergessen hatte. Selbst kurz vor ihrem Tod. Und als sie aufgebahrt im Sarg lag und ich ihr ein letztes Mal zuwinkte, lächelte sie noch immer. Vielleicht gibt es Momente, in denen Demenz Menschen von manchen Ängsten und Dramen dieser Welt befreit. Vielleicht entsteht manchmal eine seltsame innere Ruhe. Auch wir Angehörigen können lernen. Lernen, langsamer zu werden. Geduldiger. Menschlicher. Mein schwer kranker Vater lag monatelang bei uns im Wohnzimmer. Obwohl er nicht mehr sprechen konnte, gab er uns noch Kraft – allein durch seine Gegenwart.

Darum möchte ich Mut machen: Mut zur Prävention. Mut zur Pflege. Mut zur Menschlichkeit. Mut zur Geduld. Denn Demenz ist nicht nur eine medizinische Aufgabe. Sie ist eine gesellschaftliche Prüfung unseres Mitgefühls und unserer Seelsorge. Und vielleicht entscheidet sich gerade daran, wie menschlich unsere Zukunft sein wird.

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Prof. Dr. med. Dietrich Grönemeyer

Mediziner, Radiologe und Wissenschaftler mit Schwerpunkt Schmerzmedizin und minimalinvasive Therapieverfahren. Nach dem Medizinstudium und der Promotion war er unter anderem in Kiel, Witten und Hemer tätig, habilitierte sich an der Universität Witten/Herdecke und hatte dort bis 2012 eine Professur für Radiologie und Mikrotherapie inne. Als Gründer des Grönemeyer Instituts für Mikrotherapie in Bochum gilt er als einer der Wegbereiter minimalinvasiver Schmerztherapie und ist zudem als Autor und Medizinpublizist einer breiten Öffentlichkeit bekannt.

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