„Die Zukunft der Medizin besteht darin, Gesundheit länger zu erhalten“
Zwischen Schlaftracking, Supplements und Kryotherapie wächst der Markt für Longevity rasant. Doch welche Maßnahmen bringen tatsächlich etwas? Dr. Jan Stritzke und Christian Siegling plädieren für einen individuellen Blick auf Gesundheit – und für mehr Konzentration auf die unspektakulären, aber entscheidenden Grundlagen.
Wenn man heute durch Social Media scrollt, scheint plötzlich alles „Longevity“ zu sein – Eisbad, Kryotherapie, Supplements oder die nächste Wunder-Infusion. Gleichzeitig vertreten Sie am Lanserhof einen sehr viel präziseren und individuelleren Ansatz. Haben wir Gesundheit vielleicht zu sehr zu einem Lifestyle-Trend gemacht – und dabei vergessen, dass echte Präventionsmedizin immer etwas zutiefst Persönliches ist?
Dr. Jan Stritzke: Longevity ist aktuell ein wenig das, was Wellness vor 20 Jahren war: ein Begriff, auf den plötzlich alles geklebt wird. Plötzlich ist alles Longevity. Das Eisbad. Die Kryotherapie. Die Infusion. Die Supplementschublade mit 30 Kapseln am Morgen. Dabei vergessen wir manchmal, dass Gesundheit etwas zutiefst Individuelles ist. Nicht jeder braucht Kälte. Nicht jeder braucht Sauna. Nicht jeder braucht Nahrungsergänzungsmittel – und ganz sicher braucht nicht jeder dieselben.
Für uns bedeutet moderne Longevity-Medizin deshalb vor allem Präzision. Die moderne Altersforschung beschreibt heute verschiedene biologische Mechanismen des Alterns, die sogenannten Hallmarks of Aging. Die spannende Frage lautet deshalb nicht: „Welche Therapie ist gerade im Trend?“, sondern: „Welcher Mensch profitiert von welcher Intervention?“ Wir versuchen nicht, möglichst viele Maßnahmen anzubieten. Wir versuchen herauszufinden, welche wenigen Maßnahmen für den einzelnen Menschen den größten Effekt haben. Die stärksten Hebel sind oft erstaunlich unspektakulär: Schlaf, Bewegung, Muskelkraft, Stoffwechselgesundheit und Stressregulation. Longevity ist kein Wettbewerb darum, möglichst viele Kapseln einzunehmen. Longevity ist die Kunst, die richtigen Dinge konsequent zu tun.
Ich habe manchmal das Gefühl, dass Menschen heute ihre Gesundheit fast managen wie ein Unternehmen: Schlafdaten, Blutzucker, Stresslevel, Performance. Und trotzdem wirken viele erschöpfter denn je. Haben wir vielleicht begonnen, Gesundheit zu sehr kontrollieren zu wollen – und dabei vergessen, was uns langfristig wirklich gesund hält?
Dr. Jan Stritzke Weil Gesundheit nicht dadurch entsteht, dass man möglichst viele Daten sammelt. Daten sind nur dann wertvoll, wenn daraus die richtigen Entscheidungen entstehen. Viele Menschen optimieren heute permanent. Sie messen Schlaf, Herzfrequenz, Blutzucker, Stresslevel und Aktivität. Gleichzeitig verlieren sie manchmal den Kontakt zu ihrem eigenen Körper. Wir beobachten häufig, dass Menschen hervorragend informiert sind, aber trotzdem erschöpft. Die Zukunft liegt deshalb nicht in mehr Kontrolle, sondern in besserem Verständnis. Gesundheit entsteht nicht durch ständige Selbstüberwachung, sondern durch Regeneration. Und Regeneration ist heute fast schon etwas Radikales geworden.
Die klassische Medizin reagiert häufig erst dann, wenn Krankheit bereits entstanden ist. Warum fällt es unserem Gesundheitssystem bis heute so schwer, Prävention wirklich konsequent mitzudenken?
Dr. Jan Stritzke Weil unser Gesundheitssystem historisch darauf ausgerichtet wurde, Krankheiten zu behandeln – nicht Gesundheit zu erhalten. Wir sind hervorragend darin, Herzinfarkte zu versorgen. Wir sind hervorragend darin, Krebs zu behandeln. Aber wir investieren vergleichsweise wenig Energie in die Frage, wie wir verhindern können, dass diese Erkrankungen überhaupt entstehen. Dabei wäre genau das die größte medizinische Chance unserer Zeit. Prävention ist für mich die Grundlage jeder Longevity-Medizin. Wer Prävention nicht ernst nimmt, kann über gesundes Altern eigentlich gar nicht sinnvoll sprechen. Die Zukunft der Medizin besteht nicht darin, Krankheiten besser zu behandeln. Die Zukunft besteht darin, Gesundheit länger zu erhalten.
Wenn wir einmal zehn Jahre weiterdenken: Welche diagnostischen Entwicklungen, Laborwerte oder medizinischen Erkenntnisse werden künftig entscheidend sein, wenn es um gesundes Altern und echte Prävention geht?
Dr. Jan Stritzke Wir werden biologische Alterungsprozesse deutlich besser messen und verstehen können als heute. Proteomik, Multi-Omics-Analysen, Mikrobiomdaten, künstliche Intelligenz und kontinuierliche Gesundheitsmessungen werden uns ein wesentlich präziseres Bild individueller Gesundheit liefern. Der eigentliche Fortschritt wird aber nicht in mehr Daten liegen. Der eigentliche Fortschritt wird darin liegen, bessere Entscheidungen zu treffen. Die spannende Frage wird künftig nicht mehr sein, wann jemand krank wird. Die spannende Frage wird sein, warum manche Menschen biologisch deutlich langsamer altern als andere. Genau darin liegt die eigentliche Chance der Longevity-Medizin. Unser Ziel ist nicht, dem Leben möglichst viele Jahre hinzuzufügen. Unser Ziel ist es, den Jahren möglichst viel Leben hinzuzufügen.
Der Markt für Wellness-, Health- und Longevity-Konzepte wächst gerade enorm. Was ist aus Ihrer Sicht bis heute der entscheidende Unterschied, warum Menschen immer wieder zum Lanserhof zurückkehren?
Christian Siegling Weil Menschen heute weniger nach Informationen suchen als nach Orientierung. Informationen gibt es überall. Gesundheitstipps auch. Was viele Menschen vermissen, ist eine klare Einordnung: Was ist für mich persönlich sinnvoll? Was brauche ich wirklich? Und worauf kann ich verzichten?
Dr. Jan Stritzke Genau das versuchen wir zu bieten. Viele Gäste kommen zu uns mit einem Überangebot an Informationen und einem Mangel an Klarheit. Sie möchten verstehen, welche Stellschrauben für ihre Gesundheit tatsächlich relevant sind. Diese individuelle Orientierung ist oft wertvoller als jede einzelne Therapie.
Ein Gast sagte einmal sehr charmant zu mir: „Das ist die teuerste Toilettenschüssel der Welt – und trotzdem komme ich immer wieder.“ Was antworten Sie Menschen, die beim Lanserhof im ersten Moment vielleicht nur den Preis sehen – aber noch nicht den eigentlichen Wert dahinter?
Dr. Jan Stritzke Über diesen Satz musste ich tatsächlich lachen. Aber er enthält eine interessante Wahrheit. Viele Menschen verbinden Gesundheit zunächst mit Hightech-Diagnostik oder spektakulären Therapien. Und dann stellen sie fest, dass die größten Veränderungen oft bei den fundamentalen Dingen stattfinden. Besser schlafen. Mehr Energie haben. Den Blutdruck verbessern. Wieder leistungsfähig sein. Weniger Medikamente benötigen. Das sind häufig die Veränderungen, die Lebensqualität wirklich verändern.
Christian Siegling Und vielleicht liegt genau darin der eigentliche Luxus. Nicht in einem Gebäude. Nicht in einer Anwendung. Sondern in dem Gefühl, sich wieder wohl im eigenen Körper zu fühlen.
Wenn man international auf Gesundheitssysteme blickt, scheint Deutschland oft noch stark auf Reparaturmedizin fokussiert zu sein. Andere Länder investieren längst massiv in Prävention, mentale Gesundheit und Longevity. Wo sehen Sie Deutschland aktuell im internationalen Vergleich?
Dr. Jan Stritzke Deutschland verfügt weiterhin über eine exzellente Akutmedizin. Wenn man ernsthaft krank wird, gehört unser Gesundheitssystem zu den besten der Welt. Bei Prävention, Verhaltensmedizin und gesundem Altern haben andere Länder allerdings teilweise einen größeren strategischen Fokus entwickelt. Wir müssen Gesundheit künftig stärker als Investition verstehen – nicht als Kostenfaktor. Denn jede verhinderte Erkrankung ist medizinisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich wertvoller als jede spätere Therapie.
Wenn Sie auf die kommenden zehn Jahre blicken: Was wird aus Ihrer Sicht die größte gesundheitliche Herausforderung unserer Gesellschaft sein – und was müssten wir dringend verändern?
Dr. Jan Stritzke Nicht einzelne Krankheiten. Die größte Herausforderung wird die Kombination aus demografischem Wandel, Bewegungsmangel, chronischem Stress, Schlafdefizit und Stoffwechselerkrankungen sein. Wir werden älter als jede Generation zuvor. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr: Wie alt werden wir? Die entscheidende Frage lautet: Wie gesund werden wir alt?
Und zum Schluss ganz persönlich: Welche zwei Dinge würden Sie unseren Leserinnen und Lesern empfehlen, die wirklich jeder sofort in seinen Alltag integrieren kann – unabhängig von Budget, Diagnostik oder Luxus?
Dr. Jan Stritzke Erstens: Muskelmasse aufbauen und erhalten. Muskelgewebe ist eines der wichtigsten Organe für gesundes Altern. Krafttraining gehört wahrscheinlich zu den wirksamsten Longevity-Maßnahmen überhaupt. Zweitens: Schlaf ernst nehmen. Viele Menschen behandeln Schlaf wie einen verhandelbaren Luxus. Tatsächlich ist Schlaf eine der wirksamsten Regenerationsstrategien, die wir besitzen. Die meisten Menschen suchen nach der nächsten Wundertherapie. In der Medizin erleben wir täglich, dass die größten Effekte oft aus den scheinbar einfachen Dingen entstehen.
Und eine persönliche Abschlussfrage an Sie beide: Was bedeutet für Sie heute eigentlich echter Luxus in Bezug auf Gesundheit und Lebensqualität?
Christian Siegling Für mich bedeutet Luxus heute Zeit. Zeit für Familie, Zeit für Freunde, Zeit für Erlebnisse und Zeit, wirklich präsent zu sein.
Dr. Jan Stritzke Für mich bedeutet Luxus: Energie, morgens aufzuwachen und sich körperlich stark, mental klar und gesund zu fühlen. Mit zunehmendem Alter merkt man: Gesundheit ist nicht alles. Aber ohne Gesundheit wird vieles andere deutlich schwieriger.
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