Hormongesundheit im Fokus

Gutes Altern: Dr. Petra Algenstaedt über eine neue Gesundheitskultur

Gesundheit · · 8 Min. Lesezeit · von Pia Möller
Priv. Doz. Dr. med. Petra Algenstaedt
Priv. Doz. Dr. med. Petra Algenstaedt zählt zu den profiliertesten Expertinnen Deutschlands für Hormon-, Stoffwechsel-, Präventions- und Logevity-Medizin.

Für Priv. Doz. Dr. med. Petra Algenstaedt beginnt Gesundheit weit vor der Behandlung von Krankheiten. Die Hamburger Endokrinologin und Präventionsmedizinerin spricht über das Zusammenspiel von Hormonen, Stoffwechsel und mentaler Gesundheit, die besonderen Herausforderungen für Kinder und Jugendliche und ihre Vision für das neue Medicum Eppendorf am Grindelhof.

Petra, wenn man deinen Weg betrachtet – vom UKE über Harvard bis hin zum neuen Medicum Eppendorf am Grindelhof – spürt man schnell, dass du Medizin nie nur rein schulmedizinisch gedacht hast. Wann begann für dich dieser Wunsch, Gesundheit umfassender und ganzheitlicher zu verstehen?

Dr. Petra Algenstaedt Schon während meiner langjährigen Tätigkeit am UKE habe ich immer wieder erlebt, dass viele Menschen trotz moderner Diagnostik und leitliniengerechter Therapien zwar Verbesserungen erreichen, diese jedoch häufig nicht ausreichen, um langfristig mehr Energie, besseren Schlaf, eine gute Regeneration, höhere Stressresistenz, stabile Gewichtsregulation, Lebensfreude und innere Belastbarkeit zu entwickeln. Mich hat immer interessiert, warum manche Menschen trotz unterschiedlichster Therapien weiterhin erschöpft, depressiv oder chronisch entzündet bleiben.

Und umgekehrt, warum andere selbst schwere Erkrankungen erstaunlich gut bewältigen. Während meiner Forschungszeit an der Harvard University und am Joslin Diabetes Center habe ich gelernt, wie komplex Hormone, Stoffwechsel, Entzündungsprozesse und Insulinsignale miteinander verbunden sind. Gleichzeitig wurde mir bewusst, wie wichtig individuelle, wissenschaftlich fundierte und ganzheitliche Therapiekonzepte sind. Gesundheit entsteht aus einem Zusammenspiel von Hormonen, Schlaf, Ernährung, Nervensystem, Bewegung, Beziehungen, Sinn, Atmosphäre und innerem Gleichgewicht.

„Hormone sind die Sprache des Lebens“

Dr. Petra Algenstaedt

Du gehörst zu den wenigen Ärztinnen, die wissenschaftliche Spitzenmedizin und komplementäre Ansätze selbstverständlich miteinander verbinden. Warum schließen sich Wissenschaft und Ganzheitlichkeit für dich nicht aus?

Wissenschaft bedeutet für mich Offenheit, Beobachtung und die Bereitschaft, komplexe Zusammenhänge wirklich verstehen zu wollen. Gute Wissenschaft sollte auf einem stabilen naturwissenschaftlichen Fundament stehen und zugleich offen bleiben für neue Erkenntnisse, kreative Denkansätze und die Bereitschaft, Gesundheit umfassend zu betrachten. Gerade die moderne Endokrinologie und Stoffwechselmedizin zeigt eindrucksvoll, wie eng alles miteinander vernetzt ist. Hormone beeinflussen Gehirn, Immunsystem, Stressresistenz, Entzündungsprozesse, Zellregeneration und Alterungsprozesse. Sie wirken auf Muskeln, Knochen, Gelenke, Haut, Haare, Schlaf, Psyche, Konzentration, Gedächtnis, Energie und Leistungsfähigkeit.

Hormone sind die Sprache des Lebens. Sie begleiten uns durch alle Lebensphasen, übernehmen wichtige Schutzfunktionen und beeinflussen maßgeblich unsere körperliche und mentale Gesundheit. Wir wissen heute, wie eng Hormone, Nervensystem, Darm, Mikrobiom, Immunsystem und Psyche miteinander verbunden sind. Werden Störungen erkannt und individuell behandelt, berichten viele Menschen von einer deutlichen Verbesserung ihrer Lebensqualität. Viele Patienten sagen mir nach erfolgreicher Behandlung: „Ich habe mein Leben wieder zurück.“ Das berührt mich bis heute sehr.

„Was braucht ein junger Mensch biologisch, emotional und sozial, um gesund aufzuwachsen?.“

Dr. Petra Algenstaedt

Du sprichst oft davon, dass Hormone weit mehr beeinflussen als einzelne Körperfunktionen. Welche Rolle spielen sie tatsächlich für unser gesamtes Wohlbefinden?

Ich glaube, die Zukunft liegt in einer intelligenten Verbindung aus universitärer Medizin, Prävention, Ernährungsmedizin, Mikronährstoffmedizin, moderner Diagnostik, Lebensstilmedizin und einem ursächlichen Blick auf Gesundheit. Viele Menschen unterschätzen bis heute, welche enorme Rolle Hormone und Stoffwechsel für unser gesamtes Wohlbefinden spielen.

Warum beeinflussen hormonelle Prozesse weit mehr als nur den Körper?

Weil Hormone unser gesamtes System steuern und beeinflussen. Sie regulieren nicht nur Organe, sondern prägen unser gesamtes körperliches und mentales Erleben. Viele Menschen denken bei Hormonen vor allem an die Schilddrüse oder die Wechseljahre. Tatsächlich beeinflussen Hormone aber auch Energie, Konzentration, Schlaf, Regeneration, emotionale Stabilität, Leistungsfähigkeit und Lebensfreude. Wir sehen heute immer häufiger Menschen mit chronischer Erschöpfung, Schlafstörungen, Stressdysregulation, depressiven Verstimmungen oder Angststörungen. Oft wird dies ausschließlich psychologisch betrachtet, obwohl hormonelle und metabolische Prozesse eine wesentliche Rolle spielen. Umgekehrt erleben wir in der Praxis regelmäßig, wie sich Stimmung, Konzentration, Belastbarkeit und Lebensqualität verbessern, wenn Stoffwechsel und hormonelle Systeme wieder ins Gleichgewicht kommen.

Priv. Doz. Dr. med. Petra Algenstaedt mit Autorin Pia Möller
Priv. Doz. Dr. med. Petra Algenstaedt mit Autorin Pia Möller auf einer Veranstaltung zum Thema Longevity.

Ein besonderer Schwerpunkt deiner Arbeit liegt auf Kindern und Jugendlichen. Warum geraten junge Menschen heute aus deiner Sicht immer häufiger aus dem Gleichgewicht?

Kindheit, Pubertät und das junge Erwachsenenalter sind Lebensphasen tiefgreifender hormoneller Veränderungen. Wachstum, Entwicklung und Identitätsfindung stellen enorme Anforderungen an Körper und Psyche. Gleichzeitig beobachten wir immer häufiger Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme, emotionale Erschöpfung, Insulinresistenz, Zyklusstörungen, Essstörungen und Stressreaktionen. Das Nervensystem vieler Kinder und Jugendlicher ist dauerhaft überreizt. Bewegung nimmt ab, Schlaf wird schlechter, digitale Medien bestimmen einen großen Teil des Alltags und natürliche Rhythmen gehen zunehmend verloren.

Mich beschäftigt besonders die Frage: Was braucht ein junger Mensch biologisch, emotional und sozial, um gesund aufzuwachsen? Deshalb wollten wir am Grindelhof einen Ort schaffen, der Kinder, Jugendliche und Erwachsene langfristig begleitet – medizinisch und menschlich. Einen Ort, an dem Gesundheit neu gedacht wird: offen, kreativ, vertrauensvoll und individuell.

Das Medicum Eppendorf am Grindelhof.
Das Medicum Eppendorf am Grindelhof.

Gibt es einen Patientenfall, der dich besonders bewegt hat?

Sehr viele. Und oft sind es gar nicht die spektakulären Fälle. Mich bewegen besonders Menschen, die über Jahre mit Hormon- oder Stoffwechselstörungen leben, ohne dass diese erkannt werden. Werden die Ursachen gefunden und behandelt, erleben wir häufig innerhalb weniger Wochen oder Monate beeindruckende Veränderungen.

Eine junge Patientin sagte einmal zu mir: „Ich habe mein Leben wieder zurück. Ich habe schon lange gespürt, dass etwas nicht stimmt, aber ich wusste nicht, was und es hat sehr lange gedauert, bis ich jetzt verstanden habe, dass es die Hormon- und Stoffwechselveränderungen waren.“ Das hat mich sehr berührt und es macht mich dankbar, dass wir gut begleiten und gezielt individuell ganzheitlich unterstützen können. Denn letztlich geht es darum, nicht nur Diagnosen zu sehen, sondern den ganzen Menschen zu verstehen, zu begleiten und gemeinsam einen Weg zu entwickeln. Natürlich brauchen wir präzise Medizin und gute Diagnostik. Aber manchmal beginnt Heilung auch damit, dass Menschen sich verstanden fühlen.

Welche Rolle spielen Kunst, Kultur, Genuss und inspirierende Räume für Gesundheit?

Eine sehr große. Wir unterschätzen oft, wie stark Atmosphäre auf unser Nervensystem wirkt. Räume können Stress erzeugen – oder Ruhe. Begegnungen können Kraft rauben – oder Energie schenken. Deshalb wollten wir bewusst keinen klassischen, sterilen Medizinort schaffen, sondern einen Ort, an dem Menschen sich inspiriert, gesehen und willkommen fühlen. Der Grindelhof soll Medizin, Wissenschaft, Kultur, Ästhetik und Menschlichkeit verbinden. Ich glaube zutiefst daran, dass Gesundheit auch mit Schönheit, Begegnung, Musik, Genuss, Licht, Gemeinschaft und innerer Resonanz zu tun hat. Dort entsteht Raum für Lebensfreude, Kreativität, Sinnhaftigkeit und Entwicklung.

Ein Mann macht Sportgymnastik.
Bewegungsmangel ist ein häufiger Auslöser von Erkrankungen, gerade mit zunehmenden Jahren. Hier muss Prävention ansetzen.

Du beschreibst das Medicum Eppendorf am Grindelhof als eine Art medizinischen Leuchtturm. Welche Vision verbindest du mit diesem Ort?

Ich wünsche mir einen Ort, der Menschen Hoffnung gibt. Einen Ort, an dem Gesundheit nicht über Angst, Verbote oder Verzicht definiert wird, sondern über Energie, Lebensqualität, Verbindung und Lebendigkeit. Der Grindelhof soll unterschiedliche Disziplinen verbinden: Endokrinologie, Prävention, Ernährung, Bewegung, mentale Gesundheit, Kinder- und Jugendmedizin, Wissenschaft, Kunst und Bildung. Mit der Medicum Eppendorf Akademie, unseren Weiterbildungsangeboten, Veranstaltungen und der Joyful-Health-Idee entsteht hier ein Ort, an dem Menschen lernen, wachsen und sich gegenseitig inspirieren können.

Was braucht die Medizin der Zukunft?

Mehr Prävention, mehr Individualisierung und mehr Menschlichkeit. Viele chronische Erkrankungen entstehen nicht plötzlich. Sie entwickeln sich über Jahre durch Stress, Schlafmangel, Bewegungsmangel, Entzündungen, metabolische Veränderungen und hormonelle Dysbalancen. Wir brauchen eine Medizin, die früher erkennt, besser begleitet und Menschen langfristig unterstützt. Vor allem aber brauchen wir den Mut, den Menschen wieder als Ganzes zu betrachten.

„Gesundheit bedeutet für mich nicht nur die Abwesenheit von Krankheit...“

Dr. Petra Algenstaedt

Und zum Schluss: Welche drei Dinge würdest du unseren Leserinnen und Lesern für hormonelle Gesundheit und gesundes Altern mit auf den Weg geben?

Erstens: Hormonelle Veränderungen erkennen und ernst nehmen. Sie gehören zum Leben, sind aber oft sehr gut behandelbar und müssen nicht einfach hingenommen werden.

Zweitens: Muskelgesundheit und Bewegung fördern. Muskeln gehören zu den wichtigsten Longevity-Organen überhaupt. Bewegung verbessert Stoffwechsel, Gehirnfunktion, Insulinsensitivität und emotionale Stabilität.

Drittens: Freude, Beziehungen und Sinn nicht unterschätzen. Menschen brauchen Verbindung, Begeisterung, Gemeinschaft und Lebensfreude.

Und vielleicht noch etwas Viertes: Neugierig, offen und positiv bleiben. Gesundheit bedeutet für mich nicht nur die Abwesenheit von Krankheit. Gesundheit bedeutet, mit Energie, Klarheit, Freude und Lebendigkeit mitten im Leben zu stehen.

Wo Wissenschaft und Ganzheitlichkeit zusammenfinden

Priv. Doz. Dr. med. Petra Algenstaedt
Priv. Doz. Dr. med. Petra Algenstaedt

Priv.-Doz. Dr. med. Petra Algenstaedt zählt zu den profiliertesten Expertinnen Deutschlands für Hormon-, Stoffwechsel-, Präventions- und Longevity-Medizin. Ihre medizinische Laufbahn vereint wissenschaftliche Exzellenz, internationale Forschung und jahrzehntelange klinische Erfahrung mit einem außergewöhnlich ganzheitlichen Blick auf Gesundheit.

Geprägt durch ihre langjährige Tätigkeit am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, wo sie unter anderem die endokrinologische Ambulanz aufbaute und leitete, sowie durch internationale Studien- und Forschungsaufenthalte an der renommierten Harvard University, entwickelte sie früh eine Haltung zur Medizin, die weit über klassische Diagnostik und Therapie hinausgeht. Denn für Petra Algenstaedt endet Gesundheit nicht bei der Behandlung von Symptomen. Sie betrachtet den Menschen als komplexes Zusammenspiel von Hormonen, Stoffwechsel, Psyche, Lebensstil und innerer Balance – wissenschaftlich fundiert, präventiv orientiert und offen für interdisziplinäre, ganzheitliche Ansätze.

Bereits 2014 gründete sie das erste Medicum Eppendorf. Mit dem neuen Medicum Eppendorf am Grindelhof entsteht nun ihr bislang visionärstes Projekt: ein modernes interdisziplinäres Zentrum für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, das Hormon- und Stoffwechselmedizin, mentale Gesundheit, Prävention und Lebensqualität neu zusammenführt. Besonders die sogenannten „vulnerablen Jahre“ von Kindern und Jugendlichen stehen dabei im Fokus – eine sensible Lebensphase, in der hormonelle Veränderungen, psychische Belastungen und gesellschaftliche Anforderungen zunehmend ineinandergreifen. Doch das Medicum Eppendorf versteht sich nicht nur als medizinischer Ort. Vielmehr entsteht hier die Vision einer neuen Gesundheitskultur – ein Raum für moderne Medizin, wissenschaftliche Präzision, persönliche Begegnung, Inspiration und ein neues Verständnis von Lebensqualität. Im Gespräch erzählt Petra Algenstaedt von ihrem Weg zwischen Universitätsmedizin und Ganzheitlichkeit, von bewegenden Patientengeschichten, ihrer Vision eines medizinischen Leuchtturms mitten in Hamburg und davon, warum die Zukunft der Medizin den Menschen wieder stärker als Ganzes betrachten muss.

Pia Möller
Osteopathin und Gesundheitsexpertin
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