Interview

Marcell Jansen: „Langfristige Stärke hat nichts mit permanentem Funktionieren zu tun“

Gesundheit · · 4 Min. Lesezeit · von Pia Möller
Marcell Jansen im Gespräch mit Pia Möller
Marcell Jansen im Gespräch mit Pia Möller

Als Fußballprofi stand Marcell Jansen schon früh unter enormem Leistungsdruck. Im Interview spricht der ehemalige Nationalspieler darüber, was ihn innerlich stark gemacht hat, warum Resilienz trainierbar ist und weshalb Gesundheit weit mehr bedeutet als körperliche Fitness.

Was hat dich eigentlich innerlich stark gemacht — lange bevor Titel oder Öffentlichkeit dazu kamen?

Marcell Jansen Vor allem mein Elternhaus, Werte wie Disziplin, Bodenständigkeit und Verantwortung. Ich habe früh gelernt, dass Talent alleine nie reicht. Gleichzeitig hat mich der Sport schon als Kind geprägt, weil man dort schnell merkt, dass Rückschläge dazugehören und man immer wieder aufstehen muss. Diese Mischung aus familiärem Halt, Ehrgeiz und dem Umgang mit Herausforderungen hat mich wahrscheinlich innerlich stark gemacht.

Gab es bei dir Momente, in denen du lernen musstest, anders auf dich selbst zu hören?

Definitiv. Im Leistungssport lernt man sehr früh, Schmerzen und Belastung auszuhalten. Funktionieren wird irgendwann normal. Rückblickend gab es Phasen, in denen ich körperliche und mentale Signale zu lange ignoriert habe. Genau deshalb beschäftige ich mich heute so intensiv mit Prävention, Resilienz und dem bewussten Umgang mit Gesundheit. Der Körper sendet permanent Signale – man muss nur lernen, sie rechtzeitig wahrzunehmen.

Marcell Jansen
„Resilienz bedeutet für mich nicht, immer stark zu sein oder alles auszuhalten.“

Wie schafft man es in so einer Welt, innerlich stabil zu bleiben und sich selbst dabei nicht zu verlieren?

Indem man sich immer wieder bewusst macht, wer man außerhalb von Leistung oder öffentlicher Bewertung ist. Im Sport wird man oft sehr über Ergebnisse definiert. Deshalb ist es wichtig, Menschen um sich zu haben, die einen als Mensch sehen und nicht nur als Funktion oder Rolle. Gleichzeitig helfen Routinen, Bewegung, ehrliche Gespräche und ein gesundes Umfeld enorm dabei, stabil zu bleiben.

Gab es rückblickend eine Phase in deinem Leben oder deiner Karriere, die dich gezwungen hat, dich selbst neu kennenzulernen?

Ja, definitiv das Karriereende mit 29. Viele haben das damals nicht verstanden. Für mich war das aber eine bewusste Entscheidung, weil ich gespürt habe, dass Gesundheit und Lebensqualität langfristig wichtiger sind als nur immer weiter zu funktionieren. Diese Phase hat mich gezwungen, mich neu zu definieren und mich unabhängig vom Fußball kennenzulernen.

Was bedeutet innere Widerstandsfähigkeit für dich wirklich? Und glaubst du, dass man Resilienz bewusst entwickeln kann?

Resilienz bedeutet für mich nicht, immer stark zu sein oder alles auszuhalten. Es geht vielmehr darum, mit Druck, Veränderungen und Krisen gesund umgehen zu können und trotzdem handlungsfähig zu bleiben. Und ja, ich bin fest überzeugt, dass man Resilienz trainieren kann – körperlich, mental und auch im Verhalten. Genau deshalb beschäftigen wir uns bei STATICS so ganzheitlich mit diesen Themen.

Resilienz lässt sich trainieren

Was hat dich mental mehr gefordert: der Druck auf dem Platz oder die Verantwortung im Leben danach?

Das ist unterschiedlich. Der Druck im Sport ist extrem direkt und öffentlich. Unternehmertum und Verantwortung im Leben danach sind dagegen langfristiger und oft komplexer. Heute geht es viel stärker um Menschen, Verantwortung, Entscheidungen und nachhaltige Entwicklung. Beides fordert mental, aber auf unterschiedliche Weise.

Müssten wir Gesundheit und Prävention grundsätzlich früher, moderner und ganzheitlicher denken?

Absolut. Wir reagieren gesellschaftlich oft erst dann, wenn Menschen bereits erschöpft oder krank sind. Dabei müssten wir viel früher anfangen. Gesundheit bedeutet nicht nur, keine Krankheit zu haben. Es geht um mentale Stabilität, körperliche Belastbarkeit, Schlaf, Stressmanagement, Führung und Verhalten. Genau deshalb braucht es aus meiner Sicht einen deutlich ganzheitlicheren Ansatz.

Was hilft dir persönlich dabei, mental klar zu bleiben, körperlich in Balance zu sein und langfristig leistungsfähig zu bleiben?

Bewusste Routinen. Bewegung. Sport. Regeneration. Aber auch Reflexion und ehrliche Gespräche. Ich glaube, viele Menschen verlieren sich heute in permanenter Erreichbarkeit und Druck. Deshalb ist es wichtig, sich bewusst Zeit für sich selbst zu nehmen und immer wieder auf die eigene Balance zu achten.

Abschlussfrage: Was wäre dein wichtigster Gedanke zum Thema Resilienz und Gesundheit?

Dass langfristige Stärke nichts mit permanentem Funktionieren zu tun hat. Wirklich stark ist man dann, wenn man lernt, bewusst mit sich selbst umzugehen, auf Signale zu achten und Verantwortung für die eigene mentale und körperliche Gesundheit zu übernehmen.

Marcell Jansen

Ehemaliger Fußballnationalspieler und langjähriger Profi bei Borussia Mönchengladbach, dem FC Bayern München sowie dem Hamburger SV. Für die deutsche Nationalmannschaft absolvierte er 45 Länderspiele und gehörte zu den Teams bei der Weltmeisterschaft 2006 und 2010 sowie der Europameisterschaft 2008. Nach dem frühen Karriereende mit 29 Jahren engagierte er sich unter anderem als Unternehmer und in Führungsfunktionen beim Hamburger SV, dessen Präsident er von 2019 bis 2025 war.

Pia Möller
Osteopathin und Gesundheitsexpertin
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