Nils Behrens über gesundes Altern mit Maß
Gesundheit soll das Leben bereichern und nicht bestimmen. Nils Behrens erklärt, weshalb er den Selbstoptimierungsdruck der Longevity-Bewegung kritisch sieht und warum kleine, langfristig umsetzbare Veränderungen für ihn wichtiger sind als extreme Routinen.
Lieber Nils, wir begegnen uns seit einigen Jahren immer wieder im beruflichen Kontext, und für mich stehst du heute wie kaum ein anderer für den Begriff „Longevity“. Wann wurde dieses Thema für dich nicht mehr nur ein Gesundheitstrend, sondern Teil deiner ganz persönlichen Haltung zum Leben?
Nils Behrens Ich glaube, der entscheidende Punkt war, als ich verstanden habe, dass Gesundheit nicht einfach die Abwesenheit von Krankheit ist. Über die Jahre habe ich hunderte Gespräche mit Wissenschaftlern, Ärzten, Therapeuten und außergewöhnlichen Persönlichkeiten geführt – und dabei gemerkt: Die Menschen, die wirklich gesund altern, leben nicht permanent im Optimierungsmodus. Sie haben Energie, soziale Bindungen, Neugier und Freude am Leben. Longevity wurde für mich deshalb irgendwann weniger ein Biohacking-Thema und mehr eine Frage von Freiheit. Freiheit, sich bewegen zu können. Freiheit, spontan „Ja“ zum Leben sagen zu können. Freiheit, geistig klar zu bleiben und Beziehungen aktiv zu erleben. Genau darum geht es mir heute. Nicht um ewiges Leben, sondern um möglichst viele gute Jahre. Dieses Verständnis zieht sich inzwischen durch mein gesamtes Denken – beruflich wie privat.
In deinem Buch schreibst du gleich zu Beginn: „Ich hasse Longevity.“ Das wirkt im ersten Moment fast widersprüchlich. Was genau kritisierst du an der heutigen „Longevity“-Bewegung?
Ich kritisiere vor allem die Idee, dass länger automatisch besser bedeutet. Genau das wollte ich mit diesem provokanten Einstieg bewusst hinterfragen. Viele Menschen verwechseln heute Lebensverlängerung mit Lebensqualität. Moderne Medizin kann uns oft länger am Leben halten – aber nicht automatisch lebendiger machen. Mich stört außerdem, dass Longevity teilweise wie eine neue Ersatzreligion behandelt wird: mit immer neuen Routinen, Supplements, Messwerten und Selbstoptimierungszwängen. Irgendwann dreht sich dann alles nur noch darum, Risiken zu vermeiden. Aber Leben besteht eben auch aus Genuss, Begegnungen, Spontaneität und manchmal sogar aus Unvernunft. Ich glaube nicht an Perfektion. Ich glaube an Balance. Wenn Gesundheit anfängt, das Leben komplett zu kontrollieren, verliert sie ihren eigentlichen Sinn.
„Longevity wird oft so verkauft, als müsste man jeden Tag um sein Leben kämpfen.“
Wir erleben beide seit Jahren, wie sehr Themen wie Prävention, Gesundheitserhaltung und gesundes Altern gesellschaftlich an Bedeutung gewinnen. Ist es auch deine Motivation, „Longevity“ stärker nach außen zu tragen, weil Gesundheit heute längst nicht mehr nur ein persönliches, sondern auch ein gesellschaftliches Thema ist?
Absolut. Gesundheit ist längst keine reine Privatsache mehr. Wir erleben eine Gesellschaft, die immer älter wird, gleichzeitig aber auch immer stärker unter chronischen Erkrankungen, Stress und Bewegungsmangel leidet. Themen wie Diabetes Typ 2, mentale Erschöpfung oder Einsamkeit betreffen inzwischen Millionen Menschen. In vielen meiner Podcast-Gespräche wurde genau das deutlich.
Deshalb glaube ich, dass Prävention heute fast schon eine kulturelle Aufgabe ist. Wir müssen Gesundheit wieder stärker in den Alltag integrieren – nicht als moralischen Druck, sondern als gesellschaftliche Kompetenz. Mich interessiert dabei besonders die Übersetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in ein echtes Leben. Viele Menschen wollen gesund leben, fühlen sich aber von der Informationsflut überfordert. Mein Ziel ist deshalb eher Orientierung als Dogma.
Wie wichtig sind für dich persönlich die klassischen Säulen von „Longevity“ wie Sport, Ernährung, Schlaf und mentale Balance – und wie konsequent lebst du das selbst in deinem Alltag?
Sie sind extrem wichtig für mich – aber ich versuche sie pragmatisch zu leben und nicht fanatisch. Bewegung ist wahrscheinlich meine stärkste Säule. Sport begleitet mich seit vielen Jahren emotional wie körperlich. Ich merke sofort, wenn ich mich zu wenig bewege – nicht nur körperlich, sondern auch mental. Bei Ernährung versuche ich, bewusst zu essen, ohne dogmatisch zu werden. Mich interessieren beispielsweise Themen wie Blutzuckerbalance, Proteinversorgung oder entzündungsarme Ernährung sehr stark, auch durch viele Gespräche im Podcast.
Gleichzeitig glaube ich nicht daran, dass man sich sozial komplett isolieren sollte, nur um perfekt zu essen. Und mentale Balance wird aus meiner Sicht massiv unterschätzt. Viele Menschen versuchen, ihre Gesundheit ausschließlich über Ernährung oder Supplements zu optimieren, vergessen aber Stress, Schlaf und soziale Beziehungen. Dabei zeigen gerade die sogenannten Blue Zones oder auch große Langzeitstudien immer wieder, wie wichtig Gemeinschaft, Sinn und emotionale Stabilität für gesundes Altern sind.
Und ganz zum Schluss: Was würdest du Menschen mitgeben, die gesund älter werden möchten – ohne dabei die Leichtigkeit und Freude am Leben zu verlieren?
Ich glaube, der wichtigste Satz ist: Gesundheit darf das Leben bereichern, aber nicht ersetzen. Viele Menschen suchen heute nach der perfekten Routine. Aber die perfekte Routine, die dich unglücklich macht, ist wahrscheinlich schlechter als eine gute Routine, die du mit Freude leben kannst. Deshalb würde ich sagen: Bewegt euch regelmäßig. Schlaft ausreichend. Pflegt eure Beziehungen. Bleibt neugierig. Lernt neue Dinge. Und versucht nicht, jede kleine Unvollkommenheit wegzuoptimieren. Die Menschen, die gesund altern, haben oft nicht nur gute Blutwerte. Sie haben Gründe, morgens aufzustehen. Sie haben soziale Nähe, Leidenschaft und Humor. Genau das ist für mich die eigentliche Essenz von Longevity.
Nils Behrens
Er ist einer der bekanntesten deutschen Experten für Longevity, Prävention und ganzheitliche Gesundheit. Mehr als zwölf Jahre lang war er in leitender Funktion bei der Lanserhof Group tätig und verantwortete unter anderem den Aufbau der Standorte Hamburg und Tegernsee. Heute arbeitet er als Chief Brand Officer bei Sunday Natural, berät Unternehmen im Gesundheitsbereich und ist als Speaker sowie Hochschuldozent aktiv. Einem breiten Publikum wurde Behrens als Host der Gesundheitspodcasts „Forever Young“ und „Healthwise“ bekannt. In Hunderten Expertengesprächen beschäftigte er sich mit den Themen Ernährung, Bewegung, Regeneration und gesundes Altern. Sein SPIEGEL-Bestseller „Spaziergang zur Unsterblichkeit“ übersetzt aktuelle Erkenntnisse der Longevity-Forschung in alltagstaugliche Strategien für ein langes, gesundes Leben.