Musiktherapie

„Singen ist eine Urkraft“: Wie Musik Körper und Seele in Einklang bringt

Gesundheit · · 4 Min. Lesezeit · von Claire Elizabeth Craig
Opernsängerin Claire Elizabeth Craig
Opernsängerin Claire Elizabeth Craig mit der Angelika Prokopp Akademie der Wiener Philharmoniker.

Die menschliche Stimme ist weit mehr als ein Werkzeug zum Sprechen oder Singen. Konzert- und Opernsängerin Claire Elizabeth Craig beschreibt, wie Klang, Atmung und Resonanz Körper und Geist beeinflussen können – und warum die eigene Stimme ein Schlüssel zu mehr Selbstwahrnehmung, Gelassenheit und Gesundheit sein kann.

Es gibt durch alle Musikgenres hindurch wohl kein einzigartigeres und zugleich vulnerableres Instrument als die menschliche Stimme – ein feines, nur wenige Millimeter großes Gewebeensemble im Kehlkopf mit einer besonderen Funktion. Wir alle tragen ein Werkzeug in uns, das phonieren kann. Sofern die körperlichen Voraussetzungen gegeben sind, können wir Laute von uns geben, summen, singen, jubeln, sprechen und schreien. Die Stimme ist unsere Brücke zur Außenwelt, mit der wir Menschen als höchst soziale Wesen mit unserem Umfeld in Kontakt kommen, um gehört zu werden, um uns auszudrücken, um unser Inneres nach außen kundzutun, ergo: uns zu „äußern“ – und um zu überleben.

Visualisierung der Kopf-, Misch- und Bruststimme
Die Grafik zeigt eine anatomische Visualisierung der Kopf-, Misch- und Bruststimme und verdeutlicht, wie unterschiedliche Tonhöhen in den menschlichen Resonanzräumen wahrgenommen werden.

Die individuelle Stimmfarbe, unser sogenanntes Timbre, stellt zudem nichts Geringeres dar als unsere ultimative Identität. Selbst eineiige Zwillinge haben zwar sehr ähnliche, aber nicht identisch klingende Stimmen. Der Klang unserer Stimme, getragen von unserem Atem, spiegelt nicht nur unsere Genetik und unsere Sprech-, Atem- und Lebensgewohnheiten wider, sondern trägt unweigerlich unseren individuellen Kern nach außen.

Es sind allerdings nicht nur die filigranen Stimmbänder alleine, die das physikalische Phänomen von Sprechen, Gesang und Lautgebung ermöglichen – ihre Aufgabe liegt lediglich darin, die durchströmende Luft durch Mitschwingen zu modellieren. Ein hocheffizientes funktionales System, das von der Beckenbodenmuskulatur über das Zwerchfell, die Lunge, die Zwischenrippenmuskulatur, den Kehlkopf bis in die Kopfresonanzräume reicht, vollendet den komplexen Vorgang der Tonerzeugung und ermöglicht es uns, unseren Atem zum Klingen zu bringen.

Auf meinem langjährigen Weg als Konzert- und Opernsängerin war und ist meine Stimme in erster Linie mein Kapital. Professioneller klassischer Gesang ist vergleichbar mit Leistungssport: Neben Talent braucht es technische Präzision, mentale Stärke, körperliche Ausdauer und die Fähigkeit, im entscheidenden Moment loszulassen.

Die Stimme als Spiegel des Menschen

Sänger werden oftmals als eine Art „Alchemisten“ bezeichnet, da sie ihren Atem in „goldene Klänge“ verwandeln. Doch jenseits aller Technik stelle ich immer wieder fest: Singen ist eine Urkraft, die jedem einzelnen von uns innewohnt. Das gilt nicht nur für Menschen. Auch in der Tierwelt ist Phonation ein wichtiges Mittel der Verständigung. Bereits Säuglinge nutzen ihre Stimme instinktiv, um Kontakt, Schutz und Geborgenheit zu erfahren. Die Erfahrung der eigenen stimmlichen Vibration ist deshalb tief in uns verankert.

Auch im Gesangsunterricht geht es letztlich darum, den natürlichen Klang wiederzufinden. Nicht zusätzliche Spannung oder Kontrolle führen zu einer freien Stimme, sondern das Vertrauen in die eigenen körperlichen Voraussetzungen. Gesang ist ein fein abgestimmtes Wechselspiel von Spannung und Entspannung – und zugleich eine Rückbesinnung auf einen oft vergessenen Instinkt.

Wenn Klang den Körper erreicht

Über die Jahre wurde mir immer bewusster, welch stimulierende und regulierende Kraft Musik besitzt. Besonders faszinierte mich die Erkenntnis, dass sich die Herzfrequenz von Musikerinnen und Musikern während des gemeinsamen Musizierens messbar synchronisieren kann.

„Musik kann uns stimulieren, aber auch regulieren.“

Claire Elizabeth Craig

Auch die Wissenschaft der Cymatik zeigt eindrucksvoll, wie Schwingungen Materie beeinflussen können. Wasser reagiert auf Klang und bildet dabei faszinierende Muster. Da der menschliche Körper zum größten Teil aus Wasser besteht, erscheint es naheliegend, dass Klänge und Vibrationen auch uns körperlich bewegen.

Nicht zufällig spielen Mantren und Stimmklänge in Yoga und Meditation eine wichtige Rolle. Ebenso beeindruckt mich das Schnurren von Katzen, das der Regulation ihres Nervensystems dient. Auch beim Menschen ist der Zusammenhang zwischen tiefer Atmung, Stimme und der Aktivierung des Vagusnervs gut belegt.

Die Kraft der eigenen Stimme entdecken

Wenn meine Resonanzräume auf der Bühne in Schwingung geraten, erfüllt mich das jedes Mal aufs Neue. Auch viele Zuhörer berichten mir, wie beruhigend sie den Klang einer Stimme erleben und wie sehr Musik dabei helfen kann, loszulassen.

Deshalb möchte ich Sie ermutigen, Ihre eigene Stimme kennenzulernen. Viele Menschen glauben, sie könnten nicht singen oder hätten keine „gute Stimme“. Vielleicht lohnt es sich, diese Glaubenssätze einmal beiseitezulegen und einfach in sich hineinzuhören – ohne Bewertung, ohne Leistungsdruck und ohne Perfektionsanspruch. Denn manchmal führt der Weg zur eigenen Stimme auch ein Stück näher zu sich selbst.

Claire Elizabeth Craig

Opernsängerin Claire Elizabeth Craig
Konzert- und Opernsängerin Claire Elizabeth Craig beschäftigt sich intensiv mit der Verbindung von Stimme, Atmung und Selbstregulation.

Claire Elizabeth Craig ist eine deutsch-britische Sopranistin aus Ulm. Zunächst besuchte sie die Hochschule für Musik und Theater in München. Dann folgte ein Gesangsstudium an der Universität Mozarteum Salzburg bei Barbara Bonney. Darauf folgte eine intensive Arbeit mit Eva Lindqvist und Krassimira Stoyanova. 2016 sang sie die Uraufführung des verschollen geglaubten, in Prag wiederentdeckten Mozart-Lieds „Per la Ricuperata Salute di Ofelia“ KV 477a. Sie erhielt den 2. Preis beim 23. Internationalen Brahms-Wettbewerb und arbeitete bereits mit Dirigenten wie Ádám Fischer, Sir Ivor Bolton, Markus Poschner, Roberto Gonzalez-Monjas und Kristina Poska.

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