Analyse

Warum Deutschland Krankheit besser organisiert als Gesundheit

Gesundheit · · 2 Min. Lesezeit · von Prof. Dr. Ingo Froböse
Prof. Dr. Ingo Froböse
Sportwissenschaftler Prof. Dr. Ingo Froböse setzt sich seit Jahren für mehr Bewegung und einen stärkeren Fokus auf Prävention im Gesundheitswesen ein.

Deutschland investiert jedes Jahr Hunderte Milliarden Euro in das Gesundheitssystem. Dennoch sinkt die Lebenserwartung im europäischen Vergleich. Warum Prävention noch immer zu kurz kommt und Gesundheit weit mehr ist als medizinische Versorgung.

Deutschland leistet sich eines der teuersten Gesundheitssysteme Europas. Fast 538 Milliarden Euro wurden 2024 ausgegeben — und trotzdem liegt die Lebenserwartung inzwischen hinter vielen westeuropäischen Nachbarn zurück. Das Problem ist nicht mangelnde Medizin. Das Problem ist ein Land, das Krankheit organisiert, statt Gesundheit zu erhalten.

Wir haben uns daran gewöhnt, erschöpft zu sein. An Kinder, die sich zu wenig bewegen. An Erwachsene, die zwischen Bildschirm, Pendeln und Dauererreichbarkeit funktionieren. Und an ein Gesundheitssystem, das vor allem dann aktiv wird, wenn Menschen bereits krank geworden sind. Über 80 Prozent der Ausgaben fließen in die Behandlung bestehender Erkrankungen, nur ein Bruchteil in Prävention. Besonders sichtbar wird das bei Kindern. Rund 38,7 Prozent der Kinder und Jugendlichen leben bereits heute mit einer chronischen Gesundheitsstörung. Gleichzeitig verbringen sie durchschnittlich 10,5 Stunden täglich im Sitzen. Dass daraus einmal die chronisch Kranken von morgen werden, ist keine steile These mehr, sondern statistisch erwartbar.

Gesundheit ist auch eine soziale Frage

„Deutschland ist krank“
In seinem Buch „Deutschland ist krank“ fordert Prof. Ingo Froböse einen stärkeren Fokus auf Prävention, Gesundheitskompetenz und Eigenverantwortung.

Und trotzdem erzählen wir Gesundheitsfragen in Deutschland noch immer gern als Geschichte individueller Verantwortung. Dabei entscheidet der soziale Status nach wie vor maßgeblich darüber, wie gesund Menschen aufwachsen und leben. Die aktuelle UNICEF-Studie zum Kindeswohl zeigt: Während 79 Prozent der Kinder aus wohlhabenden Familien eine sehr gute Gesundheit aufweisen, gilt das nur für 58 Prozent der Kinder aus armutsgefährdeten Haushalten. Gesundheit folgt also auch heute noch sozialen Linien.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche politische Leerstelle: Wir diskutieren Ernährung, Bewegung oder mentale Gesundheit häufig wie individuell zu verantwortende Lifestyle-Themen, obwohl sie eng mit Bildung, Wohnort, Arbeitsbedingungen und Zeit zusammenhängen. Eine Gesellschaft, die Gesundheit ernst meint, müsste deshalb früher ansetzen: bei Städten, in denen Bewegung selbstverständlich wird. Bei Schulen, die Gesundheit nicht als Randthema behandeln. Bei Arbeitswelten, die Erschöpfung nicht zur Normalität machen.

Denn die entscheidende Frage lautet längst nicht mehr allein, wie wir Krankheiten behandeln. Sondern wie wir Menschen befähigen, Verantwortung für ihre Gesundheit zu übernehmen und Lebenswelten schaffen, die Gesundheit nicht erschweren, sondern möglich machen.

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Prof. Dr. Ingo Froböse

Prof. Dr. Ingo Froböse gilt als einer der bekanntesten Präventions- und Sportwissenschaftler Deutschlands. Der emeritierte Universitätsprofessor für Prävention und Rehabilitation im Sport an der Deutschen Sporthochschule Köln beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit den Zusammenhängen von Bewegung, Gesundheit und gesundem Altern. Als wissenschaftlicher Berater unterstützt er politische Gremien und Krankenkassen in Fragen der Gesundheitsvorsorge.

Weitere Informationen: www.ingo-froboese.de

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