Yohan Stegli über die Kraft des Tanzes: „Wir müssen Menschen wieder zusammenbringen“
Was kann Tanz bewirken, wenn die Bühne plötzlich ein Klassenzimmer, ein Seniorenheim oder eine inklusive Einrichtung ist? Für Yohan Stegli beginnt genau dort die eigentliche Kraft des Tanzes. Der organisatorische Leiter des Bundesjugendballetts spricht über Bewegung, Begegnung und die Frage, warum Kultur eine Gesellschaft menschlicher machen kann.
Wann hast du zum ersten Mal gespürt, dass Tanz mehr sein kann als Bühne und Technik?
Yohan Stegli Als ich selbst das erste Mal richtigen Tanzunterricht bekommen durfte. Das war sofort eine Erkenntnis für mich. Ich hatte schon immer einen starken Drang nach Bewegung und Ausdruck, und nach diesem Unterricht hatte ich das Gefühl, innerlich vollkommen erfüllt zu sein.
Wie ging es dann weiter?
Später durfte ich mit dem Hamburg Ballett zum ersten Mal auf Tournee nach Italien reisen. Wir tanzten damals „Roméo und Julia“ von John Neumeier, und ich sah Künstler wie Lloyd Riggins auf der Bühne. Zu erleben, was durch Bewegung, Musik und eine choreografierte Geschichte alles ausgedrückt und vermittelt werden kann, war für mich überwältigend. Da habe ich verstanden, dass Tanz weit über Technik hinausgeht.
Ihr geht mit dem Bundesjugendballett ganz bewusst in Schulen, Kitas, Seniorenheime und inklusive Einrichtungen. Warum ist dir diese Nähe zu Menschen so wichtig?
Weil genau das unser Auftrag ist. Das Bundesjugendballett wurde von John Neumeier gegründet, um Tanz zu den Menschen zu bringen. Nicht jeder hat das Glück, mit dieser Kunstform in Berührung zu kommen. Deshalb müssen wir Tanz nahbar machen und dorthin bringen, wo Menschen leben, lernen und sich begegnen.
Seit wann macht ihr das?
Das tun wir nun seit 15 Jahren. Gerade diese direkte Begegnung ist etwas ganz Besonderes, weil Tanz Menschen unabhängig von Sprache, Herkunft oder Alter erreichen kann.
Können Bewegung und Musik mehr sein?
Ja, absolut. Ich erlebe täglich, dass Menschen durch Bewegung, Musik und Emotion innerlich berührt und gestärkt werden. Bewegung ist eine Form des Ausdrucks – genauso wie Musik – und ich glaube, dass beides tief in uns Menschen verankert ist.
Viele Tänzer beginnen schon als Kinder. Warum kann die frühe Verbindung von Bewegung, Musik und Körperbewusstsein so prägend für das ganze Leben sein?
Schon kleine Kinder reagieren intuitiv auf Musik und Rhythmus. Selbst bevor sie sprechen oder richtig laufen können, reagieren sie auf Musik. Sie bewegen sich intuitiv und drücken Emotionen über ihren Körper aus. Diese Verbindung ist etwas sehr Ursprüngliches. Tanz kann Menschen helfen, Gefühle auszudrücken, die sich oft gar nicht in Worte fassen lassen.
Wie kann Tanz Menschen unterstützen?
Bewegung ist eine der ersten Formen menschlichen Ausdrucks. Deshalb prägt die frühe Verbindung zu Bewegung, Musik und Körperbewusstsein viele Menschen ein Leben lang. Sie stärkt nicht nur die körperliche Entwicklung, sondern auch Selbstvertrauen, Wahrnehmung und emotionale Ausdruckskraft.
Warum wird Tanz in unserer Gesellschaft oft noch unterschätzt — gerade wenn es um Gesundheit, Bildung und soziale Verbindung geht?
Ich glaube, Tanz wird oft unterschätzt, weil viele Menschen ihn nur als Unterhaltung oder Bühnenkunst sehen. Dabei hat Tanz einen enormen Einfluss auf Gesundheit, Bildung und soziale Verbindung. Durch Tanz können wir uns ausdrücken, miteinander kommunizieren und eine gemeinsame Sprache finden – ganz ohne Worte. Gleichzeitig hat Bewegung natürlich auch eine direkte positive Wirkung auf Körper und Geist. Gerade in Zeiten von Digitalisierung und sozialer Isolation ist es wichtiger denn je, Menschen wieder zusammenzubringen. Gemeinsam zu tanzen bedeutet auch, gemeinsam Zeit und echte Begegnung zu erleben.
Viele Menschen verlieren im Alltag den Zugang zum eigenen Körper. Kann Bewegung helfen, sich selbst wieder bewusster wahrzunehmen?
Ja, auf jeden Fall. Bewegung ist ein grundlegender Teil des Menschseins. Wenn wir uns bewegen, aktiviert der Körper Prozesse, die uns lebendig halten. Bewegung gibt dem Körper und dem Gehirn wichtige Signale: aktiv zu bleiben, Kraft aufzubauen und gesund zu bleiben. Wenn wir uns zu wenig bewegen, reduzieren wir uns oft nur noch auf das Funktionieren im Alltag. Bewegung dagegen schafft Bewusstsein, Energie und Verbindung zu uns selbst. Bewegung ist Leben.
„Bewegung ist ein grundlegender Teil des Menschseins“
Was berührt dich an der Arbeit mit Senioren am meisten?
Die Arbeit mit Senioren gehört für mich zu den ehrlichsten und direktesten Erfahrungen überhaupt – genauso wie die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Viele ältere Menschen werden in unserer Gesellschaft leider oft vergessen oder an den Rand gedrängt. Dabei brauchen gerade sie Bewegung, Begegnung und Gemeinschaft besonders stark.
Wie sieht euer Angebot für Senioren aus?
Wenn wir Workshops oder Tanzateliers mit Senioren machen, erleben wir unglaublich viel Freude, Energie und Offenheit. Was wir dabei zurückbekommen, ist menschlich unbezahlbar – sowohl für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer als auch für unsere Tänzerinnen und Tänzer.
John Neumeier hat Tanz immer als etwas Verbindendes verstanden. Welche Rolle kann Tanz heute für unsere Gesellschaft spielen — über alle Generationen hinweg?
John Neumeier sagt oft, dass Tanz ein Ausdruck unserer Seele ist. Tanz hat mit Kommunikation, Ehrlichkeit und Menschlichkeit zu tun.
Das klingt sehr verbindend ...
Ja, genau das brauchen wir heute mehr denn je: Ehrlichkeit, Zuhören und echte Begegnung zwischen Menschen und Generationen. Kunst, Musik und Bewegung helfen uns dabei, uns selbst und andere besser zu verstehen. Das ist Kultur. Kultur verbindet Menschen und gibt einer Gesellschaft Tiefe und Menschlichkeit.
Wie können Menschen das Bundesjugendballett und diese besondere Arbeit unterstützen?
Menschen können unsere Arbeit unterstützen, indem sie Teil unserer Community oder unseres Freundeskreises werden. Jede Unterstützung hilft – ob klein oder groß. Das Bundesjugendballett versucht, verschiedene Kunstformen miteinander zu verbinden. Wir arbeiten fast immer mit Live-Musik und bringen Tanz an Orte, an denen Menschen sonst oft keinen Zugang dazu haben. All das braucht Unterstützung. Gerade in einer Zeit, in der kulturelle Institutionen und Förderungen immer stärker unter Druck geraten, brauchen wir die Menschen mehr denn je. Deshalb: Kommen Sie in unsere Vorstellungen, begleiten Sie unsere Arbeit und werden Sie Teil unserer Gemeinschaft.
Yohan Stegli,
1980 in Aix-en-Provence, Frankreich geboren. Studierte Tanz an der Mireille Marin-Tanzschule und der Ballettschule des Hamburg Ballett. 1999 trat er der Compagnie in Hamburg bei und wurde 2004 Solist. Er tanzte Solorollen in Neumeiers Inszenierungen. Hatte Gastauftritte in Tokyo, Osaka, Toronto, Luxemburg, der Pariser Opernballettschule. 1998 gewann er den Prix Espèces beim Prix de Lausanne, 1999 den ersten Preis beim achten Eurovision-Wettbewerb für junge Tänzer. Er war auch als Choreograf tätig, u. a. in Hamburg bei den „Jungen Choreografen“ (April 2011). Seine Bühnenkarriere beendete er 2011. Von 2011 bis Ende der Spielzeit 2016/2017 war er Ballettmeister und Stellvertreter von Kevin Haigen. Seit der Spielzeit 2017/2018 ist er organisatorischer Leiter des Bundesjugendballetts.