Zusammen alt werden: Warum drei Hamburgerinnen auf eine Frauen-WG setzen
Nach Verlust, Krankheit und großen Veränderungen haben sich drei Frauen für einen ungewöhnlichen Neuanfang entschieden: Statt allein älter zu werden, teilen sie sich eine Wohnung in Hamburg. Was sie verbindet, ist weit mehr als eine gemeinsame Adresse – ihre WG ist Wahlfamilie, Rückhalt und Lebensfreude zugleich.
Schon beim Betreten der Wohnung von Ulrike Urban, Ulrike Heye und Maike Levermann wird klar: Hier wohnen drei gestandene Frauen, die das Leben lieben und voll auskosten.
An den Wänden hängt geschmackvolle Kunst aus diversen Ländern, auf dem langen Esstisch steht ein frischer Obstsalat und eine Kanne Tee. Es herrscht wohlige Gemütlichkeit im Reich dieser besonderen WG. 2023 haben sich die Drei gemeinsam auf Wohnungssuche gemacht und in Pöseldorf eine neue Heimat gefunden. „Wir wollten alle nicht mehr alleine leben“, berichtet Ulrike Urban (63). Sie verlor vor zehn Jahren ihren Ehemann und lebte allein in München. „Für mich stand schon immer fest, dass ich wieder nach Norddeutschland zurück wollte. Als dann Corona kam, war klar: Jetzt oder nie.“
Mitbewohnerin Ulrike Heye (72) ergänzt: „Wir kennen uns bereits seit 26 Jahren und hatten schon vor langer Zeit darüber gesprochen, dass wir eines Tages eine Frauen-WG gründen wollen.“ Auch sie erlebte tiefe Einschnitte in ihrem Leben: 2019 kam die Diagnose Brustkrebs zeitgleich mit der Trennung von ihrem Mann. Die damalige Ärztin entschied daraufhin schweren Herzens, ihre Tätigkeit aufzugeben. Einige Jahre ging es ihr gesundheitlich gut, dann kam der Rückfall. „Meine Wahlfamilie war und ist mir dabei eine große Stütze.“
Maike Levermann (70) ist die Schwester von Ulrike Heye. Sie berichtet: „Nach dem Tod meines Partners zog ich in eine kleinere Wohnung um, die Kinder waren längst aus dem Haus. Ich fühlte mich allein. Ich bin dankbar, dass ich mit unserer Gemeinschaft einen Neuanfang habe.“ Das Herzstück der Wohngemeinschaft ist der Wohn- und Essbereich. Natürlich hat jede ein eigenes Zimmer, um sich zurückzuziehen. Levermann erzählt lächelnd: „Wir sind keine Zweckgemeinschaft, wir verstehen uns als Familie. Wir kochen zusammen, machen Spaziergänge, gehen ins Theater, laden Freunde zum Essen ein.“ Urban ergänzt: „Jede befüllt mal den Kühlschrank, kauft auf dem Heimweg für alle Toilettenpapier oder räumt ein vergessenes Glas vom Tisch. Das tun wir einfach für einander – ohne über Kosten oder Aufwand nachzudenken.“
Heye pflichtet ihrer Freundin bei: „Uns stärkt das Zusammenleben, wir profitieren alle davon. Seit sich unsere WG gegründet hat, ist unser aller Sozialleben explodiert.“ Die Drei haben sich in Hamburg einen großen Freundeskreis aufgebaut, auch ergänzt durch die jeweiligen Interessen. Urban ist beispielsweise aktiv in dem ehrenamtlichen Verein „Yehudi Menuhin Live Musik Now Hamburg“. Sie alle lieben Kunst, Kultur, Literatur und Reisen – das verbindet sie. Genauso wie gute Gespräche am Esstisch oder beim Sonnenbad auf dem Balkon. Levermann singt im Chor und Heye liebt Reisen – egal ob zum Sylter Strand oder in die Schweizer Berge.
Die tiefe Verbundenheit der drei Frauen ist deutlich zu spüren. Sie sprechen offen über ihr Leben als Mütter, berufstätige Frauen, Verlust und Krankheit. Dabei ist ihr Optimismus ansteckend. Ulrike Urban, die genau in der Zeit ebenfalls an Brustkrebs erkrankte als die Wohnungssuche Fahrt aufnahm, sagt: „Ich mache mir nicht so viele Gedanken über meine Erkrankung. Man lebt damit. Wir sind privilegiert und gut vernetzt. Keine von uns ist allein damit. Wenn es einer von uns gesundheitlich schlechter gehen sollte, kümmern wir uns.“ Levermann bekräftigt: „Wir sind für einander da. Das haben wir uns alle von einem gemeinsamen Leben gewünscht.“
Für dieses mussten die Damen sich jede noch mal neu sortieren. „So ein Umzug in eine WG ist schon ein großer Ruck“, erinnert sich Levermann. Heye berichtet: „Wir hatten ja alles dreifach, deswegen mussten wir rigoros ausmisten.“ Urban lächelt bei der Erinnerung: „Per WhatsApp haben wir Fotos von Sofas, Töpfen und vielem mehr geteilt. Das jeweils Schönste durfte bleiben.“ Heye berichtet. „Einiges haben wir gemeinsam für unser neues Zuhause ausgesucht, wie unsere Couch. Das ging erstaunlich schnell. Wir sind uns oft einig, das erleichtert das Zusammenleben.“
Warum die WG funktioniert
Wenn es doch mal knirscht, dann wird offen darüber gesprochen. Levermann grinst: „Aber eigentlich haben wir für Streit keine Zeit. Das ist dem Alter geschuldet. Da stecken wir keine Energie mehr rein. Jede hat halt ihre Macken.“ Heye unterstreicht: „Wir sind soziale Wesen und Gemeinschaft hält uns gesund. Man muss sich eben so nehmen, wie man ist – dann bleiben Konflikte selten.“ Urban bringt es auf den Punkt: „Alleine leben kriegt man irgendwie hin, besonders, wenn man Freunde hat. Trotzdem entwickeln sich im Alleinleben einige Marotten – das wollte ich nicht. Ich wollte Feedback bekommen und nicht im Alter seltsam werden.“
Die Damen fühlen sich in ihrer neuen Wohnsituation durchaus privilegiert. Heye erklärt: „Ich denke, das eine Alters-WG sich auch für Menschen mit niedrigerem Einkommen eignen würde, da man viele Kosten aufteilen kann.“ Die Damen verbindet aber nicht nur der gemeinsame Wohnraum, Hobbys und Freundeskreis – sie sprechen auch über ernste Gedanken und die Zukunft.
Heye erzählt: „Als mein Brustkrebs wiederkehrte, habe ich mich mit meiner Endlichkeit beschäftigt und natürlich mit meinen Freundinnen – meiner Wahlfamilie besprochen. Da habe ich die Dinge sortiert.“ Allen dreien ist das Thema Bestattungsvorsorge ein Anliegen. „Wir haben über letzte Wünsche gesprochen“, so Urban. Heye ist sich sicher: „Ich möchte an der Buhne 16 in Kampen auf Sylt und zum anderen Teil in den Bergen verstreut werden.“ Urban witzelt: „Wir altern ja mit dir – wie sollen wir als Greise mit der Urne im Gepäck den Berg rauf kommen?“ Die Drei lachen herzhaft.
Eines steht fest: Sie haben alle schwere Zeiten durchgemacht. Geben sich heute gegenseitig Halt und Kraft, immer mit Perspektive. Urban sagt: „Ich weiß einfach, es geht immer weiter. Wir sind da resilient. Unsere WG ist einfach die Krönung.“ Mit viel Humor und klugen Gedanken zum besseren Altern geht das Treffen zu Ende.