„Abschreckung ist der beste Garant für Frieden“
Mehr als vier Jahre nach dem russischen Angriff befindet sich die Ukraine weiter in einem zermürbenden Abnutzungskrieg. Sicherheitsexperte Prof. Dr. Stefan Bayer erklärt, warum eine militärische Entscheidung unwahrscheinlich ist, welche Folgen der Krieg für Deutschland hat und weshalb Vorbereitung für ihn die wirksamste Form der Friedenssicherung bleibt.
Welche wesentlichen militärischen Entwicklungen sind aktuell in der Ukraine zu beobachten, mit Blick auf Frontverläufe, Kräfteansätze, Ressourcenlagen auf beiden Seiten?
Prof. Dr. Stefan Bayer Es handelt sich um einen klassischen Stellungskrieg, einen Abnutzungskrieg, in dem die russische Führung ihre Soldaten als Kanonenfutter missbraucht – eine menschenverachtende Art der Kriegsführung. Darüber hinaus wird die Zivilbevölkerung der Ukraine durch Angriffe auf die Energieinfrastruktur zermürbt. Das Ziel ist ihre Desillusionierung. Man kann nicht genug betonen, wie beeindruckend der Widerstand der ukrainischen Bevölkerung ist – mental wie militärisch.
Hätten Sie am Anfang gedacht, dass die Ukraine so lange durchhält?
Gehofft hatte ich es. Putin hatte vier, fünf Tage nach Einmarsch schon eine Siegeserklärung vorbereitet. Aber er und auch wir hatten unterschätzt, dass die Ukraine sich bereits seit der Annexion der Krim gegen Russland verteidigen musste und daraus ihre Erfahrungen und Lehren gezogen hat. Die Ukraine hält nun im Großen und Ganzen stand, auch wenn 20 Prozent ihres Territoriums besetzt sind.
„Es ist ein menschenverachtender Krieg, den Russland zu verantworten hat.“
Wie beurteilen Sie die Fähigkeiten der Ukraine, den Widerstand noch lange aufrechtzuhalten?
Die Durchhaltefähigkeit ist gegeben, trotz Versorgungsengpässen bei Bewaffnung und Munition. Die ukrainische Drohnenproduktion ist technologisch sehr, sehr gut geworden. Das macht Hoffnung. Gleichzeitig darf man nicht unterschätzen, wie sehr es an die Substanz geht, in eisigen Wintern in kalten, zerstörten Wohnungen auszuharren. Auch an der Front gibt es sowas wie Abnutzungserscheinungen, etwa durch die ausbleibende Auffrischung ukrainischer Kräfte, die sehr lange an der Front sein müssen. Das gilt aber auch für Russland. Es ist ein menschenverachtender Krieg, den Russland zu verantworten hat, dem bereits viel zu viele Menschen zum Opfer gefallen sind.
Sehen Sie technologische Vorteile bei der Ukraine?
Die Strategie ist ausgesprochen zweckmäßig, der Einsatz der Drohnentechnologie effektiv. Aber auch Russland produziert enorme Stückzahlen – etwa 1.000 Kampfdrohnen pro Woche, plus Raketen. Der Krieg hat sich durch Drohnen massiv verändert. Beide Seiten sind wechselseitig gut vorbereitet, es ist ein schwieriges Hin und Her von Innovation und Adaption, ohne klare Vorteile.
Wenn Amerika sich rausziehen würde – könnte Europa das auffangen?
Die neuesten Zahlen des Institutes für Weltwirtschaft in Kiel sagen: Ja, rein quantitativ geht das. Die große Frage ist, ob das qualitativ ausreicht. Zudem gibt es rechtliche Restriktionen bei Waffensystemen. Das erklärt die zum Teil zögerliche Politik innerhalb Europas.
Kann der Krieg noch militärisch oder nur noch politisch entschieden werden?
Ich gehe davon aus, dass er nur politisch entschieden werden kann. Eine militärische Entscheidung sehe ich auf absehbare Zeit nicht. Aber die politische Entscheidung, die wird umso leichter fallen, je besser die Ukraine sich gegen Russland verteidigen kann, denn dann kann auf Augenhöhe verhandelt werden. So ein Diktatfrieden, der öfters im Raum stand, der auch jetzt zwischen Trump und Putin verhandelt wurde, das ist einer, den die Ukraine mit Sicherheit nicht eingehen wird. Dann wären vier Jahre aufopferungsvolle Gegenwehr gegen Russland mit Füßen getreten, um das mal salopp auszudrücken.
Welche Rolle Europa jetzt spielen muss
Führt der politische Frieden zwangsläufig über Trump?
Momentan sieht alles danach aus, als ob das nur über den stärksten Akteur weltweit geht. Ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass China – wenn dort noch Interesse bestehen sollte, das internationale System aufrechtzuerhalten – ein Stück weit mäßigend auf Russland einwirken könnte. Damit Europa mitreden kann, müssten die Sanktionen spürbarer wirken. Wir sprechen vom 19. Sanktionspaket, richtig wirksam war da bislang noch keines. Bisher haben wir uns an die interessanten Hebel wie Öl- und Erdgasexport noch nicht rangetraut, da wir damit auch uns schaden würden. Denn noch ist Westeuropa nicht energiesouverän.
Wagen wir eine Prognose: Was erwarten Sie in den kommenden sechs bis zwölf Monaten an der Front?
Schwer zu prognostizieren. Wahrscheinlich bleiben die Stellungen weitgehend fix, mit kleineren russischen Geländegewinnen. Daneben rechne ich mit einer Zunahme der ukrainischen Drohnenangriffe gegen entferntere Ziele, auch Richtung Moskau. Vielleicht bringt das die Bevölkerung gegen Putin auf. Meine Hoffnung ist, dass die Ukraine nicht verliert – aber der Preis, den die Ukrainer zahlen müssen, ist enorm.
Blicken wir auf Deutschland und Hamburg. Welche konkreten sicherheitspolitischen Konsequenzen ergeben sich?
Es besteht die Gefahr, dass der Krieg in irgendeiner Form näherkommt. Und auf diesen Worst Case müssen wir uns gesamtgesellschaftlich vorbereiten, etwa mit Blick auf das Militär, kritische Infrastrukturen, den Katastrophenschutz, aber auch die Zivilbevölkerung. Themen wie Notvorräte, Energiezugang, zivile Verteidigung müssen enttabuisiert werden. Ich will den Krieg nicht herbeireden. Aber wenn ein Krieg ausbricht, müssen wir bestehen. Jeder kann hierfür einen Beitrag leisten. Indem er zum Beispiel Vorsorge trifft, für eine bestimmte Zeit autonom zu Hause leben zu können. Je besser wir unsere Hausaufgaben machen, desto glaubwürdiger schrecken wir ab, desto besser können wir uns im Fall der Fälle verteidigen.
Hausaufgaben machen klingt nicht so, als wäre die Zivilgesellschaft jetzt schon auf eine veränderte Bedrohungslage vorbereitet.
Ich gehe davon aus, dass wir das nicht sind. Die Bundeswehr hat zwar den sogenannten Operationsplan Deutschland, der genau vorsieht, was wann wie zu machen ist. Aber wir bräuchten zusätzlich einen Operationsplan Zivil und einen Operationsplan Wirtschaft, der sicherstellt, dass das Leben während eines Krieges weitergeht.
Krieg bedeutet nicht Stillstand. Wirtschaft, Bildung, Pflege, Energieversorgung und vieles andere mehr müssen und werden weiterlaufen – das zeigt uns nicht zuletzt ein Blick in die Ukraine.
Angenommen, die NATO tritt in den Krieg mit Russland. Was würde das für Hamburg als Hafenstadt bedeuten?
Dass Hamburg mitberücksichtigt wird bei Truppenverlegungen, das scheint mir außer Frage zu stehen. Also ist eine zentrale Aufgabe zu koordinieren, dass Ziviles und Militärisches nebeneinander funktioniert, obwohl die knappen Ressourcen deutlich mehr in Anspruch genommen werden durch solche militärischen Transporte. Ich kann mir gut vorstellen, dass es zu Einschränkungen im zivilen Bereich kommt. Das ist der Preis, den wir für unsere Freiheit zahlen müssen.
Ist ein militärischer Angriff Russlands auf die NATO realistisch?
Als Ökonom glaube ich an die Macht der Spieltheorie. Spieltheoretisch hoffe ich, dass es uns und der NATO gelingt, Russland abzuschrecken. Wir müssen Stärke demonstrieren, auch militärische Stärke, damit Putin Abstand von seinen Drohungen nimmt und sich genau überlegt, was Sinn macht.
Sind Desinformation und Cyberangriffe einfachere Mittel für Russland als ein militärischer Angriff?
Das passiert bereits. Ich bin mir sicher, dass Telegram, Facebook, TikTok und wie sie alle heißen, schon geflutet sind mit Fake News. Da müssen wir mit Bildung und niedrigschwelligen Faktenchecks gegenhalten, die Resilienz unseres Systems und unserer Gesellschaft stärken.
Abschreckung als Friedensstrategie
Die „Welt“ hat letztens im Rahmen des Wargames „Ernstfall“ einen Angriff russischer Kräfte auf die NATO-Ostflanke durchgespielt. Wie realistisch ist ein echter Erkenntnisgewinn aus solchen Simulationen?
Wargames versetzen Menschen in bestimmte Drucksituationen, in denen sie funktionieren müssen. Man kann sich gemeinsam auf Szenarios vorbereiten und erfolgreiche Strategien herausfinden, mit Hilfe derer man dann einen Ernstfall möglichst angemessen managen kann.
Russland ist unter anderem militärisch so flexibel und stark, weil es eine Diktatur ist. Was kann eine Demokratie da entgegensetzen?
Den Rückhalt und die Unterstützung der Bevölkerung. Weil wir in Freiheit leben, weil wir in einem Rechtsstaat leben, weil wir unsere Meinung sagen und Kritik aushalten können. Das sind unsere Stärken, das dürfen wir nie vergessen.
Welche Lehren müssen die Bundeswehr und Deutschland ziehen – etwa beim Wehrdienst?
Ich bin ein großer Freund der allgemeinen Dienstpflicht – nicht nur von Wehrdienst und Wehrpflicht. Eine allgemeine Dienstpflicht könnte junge und gegebenenfalls auch alte Menschen in Bereichen schulen, die im Ernstfall entscheidend sind: Bundeswehr, Polizei, Feuerwehr, Technisches Hilfswerk, aber auch Pflege, Erziehung, Schulen, Krankenhäuser und kritische Infrastrukturen. Wenn wir erst im Ernstfall ausbilden, während Einrichtungen bereits unter Druck stehen, ist es zu spät. Vorbereitung ist der entscheidende Punkt. Mir ist bewusst, dass diese Position umstritten ist. Dennoch bin ich aus gesellschaftlicher Perspektive überzeugt, dass eine solche Dienstpflicht eine wertvolle Vorbereitung wäre, damit Menschen im Bedarfsfall wissen, was sie tun müssen. Nochmal: Vorbereitung ist elementar für glaubwürdige Abschreckung. Und Abschreckung ist der beste Garant für Frieden.
Vielen Dank für das Gespräch!
Prof. Dr. Stefan Bayer
Prof. Dr. Stefan Bayer ist Forschungsleiter des German Institute for Defence and Strategic Studies, kurz GIDS. Der Thinktank der Bundeswehr in Hamburg forscht und berät zu militär- und sicherheitspolitischen Herausforderungen. Zudem ist Bayer Professor für Volkswirtschaftslehre an der Helmut-Schmidt-Universität / Universität der Bundeswehr Hamburg sowie Mitglied des Rats für Nachhaltige Entwicklung. Seine Schwerpunkte sind Strategie, Ökonomie, Sicherheit und nachhaltige Verteidigung.