Über Neugier und Gelassenheit

Bettina Tietjen: Warum sie heute wieder mehr Abenteuer sucht

Interview des Monats · · 12 Min. Lesezeit · von Jörg Marwedel
Bettina Tietjen vor ihrem Camper
Campingglück am Ijsselmeer – Bettina Tietjens neuste Staffel von "Tietjen campt" läuft seit dem 28. August im NDR.

Älter werden, ohne sich alt zu fühlen: Bettina Tietjen genießt heute vor allem die Gelassenheit, die mit den Jahren gekommen ist. Gleichzeitig sucht die NDR-Moderatorin bewusst nach neuen Erfahrungen – vom Zelten im Wald bis zum nächtlichen Bad in der Ostsee.

Sie haben es vermisst, auch in späteren Jahren mal irgendwas ganz Verrücktes gemacht zu haben. So haben Sie es mal gesagt.

Bettina Tietjen Das ist mir aufgefallen, als ich meine Tagebücher aus den jungen Jahren durchgelesen habe. Man macht ja in der Jugend viel mehr Dinge, die unvernünftig sind. Darüber denkt man überhaupt nicht so nach, auch bei leichtsinnigen Sachen. Jetzt bin ich über 60 und frage mich, warum mache ich so wenige Sachen, die ein bisschen neben der Spur sind und die mal neue Perspektiven eröffnen.

Hat sich das geändert?

Meine Kinder haben gesagt, mach doch mal was anderes als immer nur Roadtrips mit Papa. Das habe ich dann auch gemacht. Mit einer Freundin habe ich einmal an der Ostsee am Strand geschlafen, da wo man eigentlich nicht zelten darf. Ich habe aus dem Keller ein Zelt geholt, das war allerdings ziemlich kaputt. Es war das Festival-Zelt der Kinder. Die Isomatte war nicht richtig aufblasbar. Ein Kopfkissen hatte ich vergessen und der Schlafsack war viel zu warm. Der Vollmond schien und es war sehr mild. Um Mitternacht sind wir nackt baden gewesen. Herrlich. Aber ansonsten war die Nacht furchtbar, ich habe kein Auge zugetan. Meine Freundin hat geschlafen wie ein Stein.

Und was noch?

Ich war mit meiner Tochter auf einem Saunaboot am Müggelsee, obwohl wir eigentlich paddeln wollten. Da fährt man in Köpenick los und ankert irgendwo, wo man mutterseelenallein ist. Da kann man übernachten und in den See springen und den Sternenhimmel sehen – ganz toll. Ich habe dann mal gegoogelt unter Mikroabenteuer in Berlin und Umgebung, weil meine Tochter in Berlin wohnt. Da habe ich tolle Sachen gefunden: Hausboote, Baumhäuser, Baumhotels, Blick aufs Wolfsgehege. Und mitten im Wald gab es so einen Freicampingplatz auf einer Lichtung, wo nichts ist außer einer Feuerstelle. Da werde ich noch einiges machen.

Und was war das Härteste bisher?

Mit meinem Sohn war ich im Dezember mitten im Wald zelten in Niedersachsen. Das war Hardcore. Da haben wir ein Lagerfeuer gemacht, es war romantisch und schön. Aber ich hatte furchtbare Angst wegen der Wölfe, obwohl die ja eigentlich nichts tun.

Das neue Buch heißt „Tietjen sucht das Weite“ und ist vermutlich auch so ein Buch, das im weitesten Sinne Abenteuer verspricht, oder?

Na ja. Ich bin gern unterwegs und finde es schön, mit einem Wohnmobil immer neue Sachen zu entdecken. Wir reservieren ungern, wollen uns möglichst nicht festlegen, aber das wird in der Hauptsaison immer schwieriger. Wir fahren nie wieder in der Hauptsaison.

Bettina Tietjen
Bettina Tietjen: „Heute ist Alter kein Makel mehr“

Camping – was ist daran verrückt und was ist spießig?

Das Schöne am Camping ist, dass man wenig braucht. Wir brauchen keinen Luxus, das ist das Wunderbare. Es muss nicht alles geschniegelt sein. Ich muss nicht darüber nachdenken, wie ich aussehe. Man merkt sehr schnell, ob man ein Campingtyp ist oder nicht. Da reicht ein Wochenende. Da merkt man, ob man das abkann, dass links und rechts neben einem Leute stehen, ob man die hört und ob man pingelig bei den Sanitäranlagen ist.

Wer das nicht abkann, ist spießig?

Natürlich gibt es wahnsinnig spießiges Camping. Es gibt überall Spießer, wieso macht man das an Campingplätzen fest? Naturbelassene Campingplätze sind aber etwas ganz anderes als Plätze, wo die Dauercamper in der Mehrzahl sind. Die stehen in Reih und Glied. Die haben ihre Zäune und Gartenzwerge und alles dabei. Das ist ja wie ein Ferienhaus. Wenn in einem Campingführer steht „von Dauercampern geprägt“, bin ich nicht dabei.

Und was ist mit den Wohnmobilen?

Was ich ebenfalls nicht verstehen kann, sind so große Wohnmobile, die größer als Reisebusse sind. Wenn so einer neben einem ist, fühlt man sich wie auf dem Parkplatz. Unser Mobil ist ein kleiner Ducato, den mein Mann vor 27 Jahren ausgebaut hat. Der fährt immer noch wie ‘ne eins.

Sie reden vom jüngeren und älteren Ich. Was kann man vom jüngeren Ich lernen und umgekehrt?

Ich habe im Laufe des Lebens gelernt, die Dinge ein bisschen reflektierter anzugehen. Man denkt nicht immer mehr jeden Morgen über den Sinn des Lebens nach, was ich als junge Frau viel getan habe. Ich war zwar ein lebensfroher Mensch, aber ich hatte auch sehr viele Momente, wo ich ganz allein da saß und traurig war und gedacht hab, was soll aus mir werden? Werde ich je den Mann meines Lebens finden? Was mache ich beruflich, wo sind meine Talente? Lebe ich ein sinnvolles Leben? Ich habe auch viel philosophische Sachen gelesen und auch schrecklich peinliche Gedichte geschrieben. Ich habe von meinem jüngeren Ich gelernt, sich mal abends hinzusetzen und zu fragen: War das ein sinnvoller Tag, habe ich was gelernt? Das finde ich ganz wichtig.

Schwierig ist, wenn die Älteren den Jüngeren sagen, was sie tun sollen. Denn die müssen ja die Erfahrung selber machen.

Das stimmt. Aber das Zurückblicken ist wichtig, weil man ja oft im Nachhinein viele Dinge besser versteht. Wenn ich meine damaligen Tagebücher lese, sehe ich jetzt viele Dinge anders. Und umgekehrt würde ich als älteres Ich mir sagen: Mach dir nicht soviel Sorgen, entspann dich ein bisschen. Es wird sich schon alles finden.

Gibt es etwas, was Sie von Ihren Kindern gelernt haben?

Die haben den jungen Blick aufs Leben. Sie diskutieren ganz viel, auch über Idealismus. Mein Sohn ist sehr nachhaltig, hat Nachhaltigkeitswissenschaften studiert und fragt: Musst du da wirklich mit dem Auto hinfahren? Wir diskutieren auch viel über Krieg und Frieden, Ungerechtigkeit, Fremdenhass und all diese Themen. Meine Kinder haben einen anderen Blick auf die Welt, nicht so abgeklärt. Die sagen nicht: Da kann man ja sowieso nichts machen.

Die Gespräche mit Ihren Kindern halten Sie lebendig?

Ja, ich kriege viel Input von den Kindern. Es geht um unsere Gesellschaft, politische Entscheidungen, Rollenklischees. Gleichberechtigung ist auch ein extrem wichtiges Thema mit meiner Tochter. Beim Frauenbild gibt es selbst bei mir noch Luft nach oben, obwohl wir ja eigentlich ein fortschrittliches Leben gelebt haben. Mein Mann war zuhause und ich hab gearbeitet. Aber wir hängen trotzdem zum Teil noch in alten Denkmustern fest.

Was hat der Feminismus dazu beigetragen, dass sich das Bild der Frau gewandelt hat?

Einiges. Aber es gibt immer noch viele Bereiche, in denen Frauen benachteiligt sind. Und das Riesenthema sexualisierte Gewalt im Internet wird uns noch weiter beschäftigen.

Es hieß immer, Frauen ab 40 sind keine Gesichter mehr für das Fernsehen und den Film …

Bei Schauspielerinnen höre ich immer wieder, dass sie Probleme haben, gute Rollen zu kriegen. Es sind in Filmen weniger ältere Frauen zu sehen als ältere Männer. Senta Berger und Iris Berben sind da absolute Ausnahmen. Aber in anderen Bereichen hat sich viel verändert. Anne Will hat ganz lange ihre Talkshow moderiert, Sandra Maischberger, Caren Miosga, Frauke Ludowig, Maybritt Illner oder Susanne Daubner – alle über 50 und noch gut im Geschäft. Susanne Daubner ist ja inzwischen Kult. Die Generation der Tagesschausprecherin Dagmar Berghoff hat viel früher aufgehört. Heute ist Alter kein Makel mehr.

Bettina Tietjen in in der neusten Staffel „Tietjen campt"
In der neusten Staffel „Tietjen campt" will Bettina Tietjen Prominenten diese Art des Urlaubs nahebringen.

Man hat heute ein anderes Gefühl zum Alter, oder?

Wenn ich so rede, habe ich gar nicht das Gefühl, dass ich alt bin. Im Gegenteil: Ich bin neugierig auf junge Leute. Und ich glaube, von dieser Altersphase, in der ich mich befinde, profitieren auch andere Leute. Wenn man jung ist, weiß man zuweilen gar nicht, wo die wichtigen Punkte sind. Im Alter hat man auch manchmal diese Gelassenheit. Dass man Dinge nicht mehr so wichtig nimmt und dadurch viel lässiger an Themen rangeht. Das ist das Beste am Alter.

Wie kommt es, dass Sie heute so relaxed damit umgehen, obwohl Sie ja in jungen Jahren durchaus Ihre Sorgen hatten, wie alles ausgeht?

Ich merke an mir selber, dass ich gelassener geworden bin. Wenn ich im Stau stehe, wenn jemand was Blödes sagt, wenn eine Quote schlecht ist, das hat mich früher mehr aufgeregt. Jetzt sage ich: Ich stehe im Stau, dann nutze ich die Zeit und höre mir einen Podcast an. Auch mit sich selbst geht man langmütiger um. Wenn ich den Spiegel gucke, vielleicht zu viel wiege – alles egal. Ich bin froh, dass ich noch lebe. Meine Mutter ist mit 64 gestorben, einige Freunde von uns sind schon tot. Über jeden Geburtstag, den man feiern kann, sollte man sich freuen. Ich mache jedes Jahr eine Riesenparty an meinem Geburtstag.

Wann haben Sie das erste Mal gemerkt, dass Sie Dinge nicht mehr so gut können wie früher?

Als ich sechzig wurde, habe ich in Interviews gesagt: Das Alter ist mir vollkommen egal. Aber natürlich: Da tut mir mal ein Knie weh, es gibt Rückenschmerzen, wenn ich nicht so gut sitze. Mir fällt es schwerer, längere Strecken bergauf zu laufen. Solche Kleinigkeiten, oder das Bett beim Campen herzurichten. Die fehlende Klimaanlage in unserem Bus stört mich mehr als früher. Da sind wir von Hamburg bis Bordeaux einfach durchgefahren. Man wird ein bisschen träger, vergisst auch mal Sachen oder ein Name fällt einem nicht sofort ein. Manchmal frage ich mich, ob das schon beginnende Demenz ist … Bei meinem Vater hat das allerdings erst mit 80 angefangen.

Humor ist wichtig. Sie haben das Buch über ihren dementen Vater „Unter Tränen gelacht“ genannt …

Es ist wichtig, dass man sich nicht so ernst nimmt und sich auch über kleine schrullige Dinge freut. Mein Vater hat sich durch die Demenz verändert, er ist fröhlicher und emotionaler geworden. Es gibt ja auch Leute, die ganz böse werden und sich sogar schlagen oder nur noch klagen. Wir haben einfach viel gelacht und Quatsch gemacht. Wir haben Witze erzählt und einfache Spiele gespielt wie Stadt, Land, Fluss. Memory haben wir mit den Bildern nach oben gespielt. Wir haben gesungen und gezeichnet. Mir hat es Kraft gegeben, nur im Hier und Jetzt zu sein. Als wir mal in der Sonne saßen, fragte ich ihn: Woran denkst du gerade? Er sagte: an nichts. Da dachte ich: Das ist ein Zustand, nach dem sich manche Menschen sehnen.

Es heißt oft, wenn man älter wird, wird man konservativer.

Das stimmt bei mir nicht. Ich bin mehr auf einer Linie mit meinen Kindern. Wenn wir diskutieren in der Familie, regt mein Mann sich schon mal auf, dass ich viele Dinge so ähnlich sehe wie meine Kinder. Er findet das manchmal naiv. Er ist ein bisschen konservativer und rationaler, aber eigentlich fangen wir ihn doch immer wieder ein.

Sie haben in Ihrem Beruf sehr viel mit Menschen zu tun, auch bei der Sendung „DAS! Rote Sofa“.

Ja. Die Auswahl der Gäste hat sich im Laufe der Jahre verändert. Früher hatten wir hauptsächlich Prominente zu Gast, heute laden wir auch viele Leute ein, die aus den verschiedensten Bereichen kommen wie zum Beispiel Naturwissenschaft, Archäologie, Geschichte oder Klimaforschung. Ein buntes Programm.

Bettina Tietjen bei „DAS! Rote Sofa“
Die NDR-Talkshow und „DAS! Rote Sofa“ wird es auch weiterhin mit Bettina Tietjen geben.

Viele Ältere haben Angst vor Einsamkeit. Fürchten Sie irgendwann auch so etwas?

Überhaupt nicht. Ich bin ja ein sehr kontaktfreudiger Mensch. Mein Vater hatte nicht so viele Kontakte, nur die Kirchengemeinde und die Familie. Es wäre besser gewesen, wenn er mehr Freundschaften gepflegt hätte.

Es werden ja, wenn man älter wird, auch immer weniger Leute, mit denen man gemeinsam etwas erlebt hat.

Weil sie sterben. So alt bin ich ja noch nicht, ich habe hoffentlich noch ein bisschen Zeit. Wir haben ein befreundetes Paar, die sind schon 83. Da spricht man auch mal darüber, wer schon alles gestorben ist. Aber wir haben ja auch jüngere Leute im Freundeskreis. Ich schreibe 150 Weihnachtskarten jedes Jahr. Mir ist es total wichtig, Kontakt zu halten. Wenn du dich nicht meldest, wollen die Leute irgendwann auch nichts mehr von dir wissen.

Gibt es etwas, wo Ihr Vater Vorbild war?

Er war sehr diszipliniert und strukturiert. Er hat immer Sport gemacht. Auch noch mit über achtzig jeden Morgen Leibesübungen mit Kniebeugen. Hat sich gesund ernährt, hat nie getrunken. In seiner Disziplin war er schon Vorbild und er war wahnsinnig gebildet, konnte Griechisch und Latein. Was Emotionalität und Lebensfreude angeht, war allerdings meine Mutter mein Vorbild.

Der NDR, bei dem Sie ja schon über 30 Jahre sind, ist das ein Glücksfall gewesen?

Ja, ich bin seit 1993 beim NDR und es war ein eher zufälliger Glücksfall. Ich bin nur der Liebe wegen von Berlin nach Hamburg gezogen und habe mich beim NDR beworben. Mittlerweile ist der NDR meine berufliche Heimat. Ich fühl mich da superwohl, der Sender hat mir immer jede Freiheit gelassen. Mein Standbein ist die Talkshow und „DAS! Rote Sofa“, beides macht mir noch immer großen Spaß. Ich fühle mich sehr frei dort, habe nicht das Gefühl, dass ich in irgendeiner Form kontrolliert werde. Niemals hat jemand was zu meinem Äußeren gesagt, nach dem Motto: Kannst du mal deine Falten wegmachen? Mir wurde gesagt: Wann Sie aufhören, entscheiden Sie ganz alleine.

Was werden Sie machen, wenn Sie doch mal aufhören?

Ich würde meinen Job schon gern noch ein paar Jahre machen. Wenn es mir zu anstrengend wird, lasse ich es. Ich werde auf jeden Fall weiter schreiben, vielleicht irgendwann auch mal einen Roman. Wir werden bestimmt noch mehr reisen. Und ich hoffe natürlich auf Enkelkinder. Entscheidend ist, dass man immer in Bewegung bleibt, etwa mit Walken, Yoga oder Skifahren. Das Körperliche ist nicht unwichtig, aber das Wichtigste ist doch, dass man wach, interessiert und neugierig bleibt.

Was Tietjen alles macht

Die NDR-Moderatorin und Talkshow-Gastgeberin Bettina Tietjen, Jahrgang 1960, hat schon mehrere Bücher verfasst. Das neueste im Piper-Verlag ist „Tietjen sucht das Weite“, davor „Früher war ich auch mal jung“. Zudem läuft seit 28. August im NDR die neueste Staffel „Tietjen campt“, wo sie Prominenten diese Art Urlaub nahebringen will. Jeden zweiten Donnerstag gibt es zudem den Camping-Podcast „Ins Blaue“, der auch auf YouTube gehört werden kann.

Jörg Marwedel
Jörg Marwedel
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