Parteienkrise

FDP-Chef Finn Ole Ritter: „Man muss den Menschen reinen Wein einschenken“

Interview des Monats · · 11 Min. Lesezeit · von Tim Holzhäuser
Finn Ole Ritter am Rednerpult
Stärkere Besteuerungen von Erben? Für Ritter kein Tabu-Thema. „Das müssen wir diskutieren.“

Die FDP kämpft um ihre politische Zukunft. Hamburgs Landesvorsitzender Finn Ole Ritter spricht im Interview über den Absturz seiner Partei, die Debatte um Chancengleichheit, die Zukunft der Rente und die Frage, warum liberale Politik seiner Ansicht nach weiterhin gebraucht wird.

Unser Chefredakteur Klaus Schümann, der dieses Interview initiiert hat, meinte letztens etwas wehmütig: Es sei schade, dass die
liberale Stimme zu verstummen drohe. Einem Erstwähler erklärt: Was ist die liberale Stimme für Sie persönlich und warum droht sie gerade zu verschwinden?

Finn Ole Ritter: Ja, ich glaube, so geht es vielen Menschen. Gefühlt würde etwas fehlen, wenn die FDP mit ihren liberalen Werten nicht mehr da wäre. Und momentan ist die Herausforderung, das Gefühl in eine konkrete politische Richtung zu übertragen. Dem Erstwähler würde ich sagen, dass die FDP grundsätzlich dafür steht, den Menschen zu ermöglichen, eigenverantwortlich ihren Wünschen und Zielen gemäß voranzukommen. Ohne den Staat als Bestimmer des Lebenswegs, sondern eher als einen Begleiter und Ermöglicher, der Rahmenbedingungen setzt, aber nicht mehr.

Das scheint nicht zu verfangen. Ich habe gelesen, dass die FDP gerade bei jüngeren Wählern überproportional verloren hat.

Also, wir haben auch schon mal überproportional gewonnen bei den jungen Wählern, als wir noch in der Opposition waren. Da haben wir signalisiert, dass wir Dinge verändern können, gerade bei Themen, die Zukunft und Jugend betreffen. Man sieht ja auch, dass viele junge Wähler zur AfD abwandern und ich glaube nicht, dass das aus politischer Überzeugung passiert, sondern aus Protest. Die wollen das verstaubte politische Establishment wachrütteln. Die Fähigkeit, das zu tun, haben sie mal mit uns verbunden. Das ist momentan verloren gegangen, da müssen wir neue Brücken bauen und mit progressiver Politik überzeugen.

Aber ist es dann klug, einen 74-Jährigen als Parteivorsitzenden aufzustellen? Nichts gegen Wolfgang Kubicki persönlich, aber er bewirbt sich gerade um den Parteivorsitz und verkörpert genau dieses politische Establishment.

Wenn sich die FDP komplett neu aufstellen und erneuern will, dann würde ich eher sagen, nein, nicht klug. Aber wir sind momentan in Umfragen in vielen Parlamenten nicht mehr vertreten und da stellt sich die Frage, wie viel Zeit wir für einen Erneuerungsprozess haben. Trotzdem reicht es aus meiner Sicht nicht, nur in Talkshows zu sitzen und draufzuhauen, um gewählt zu werden. Da haben die Leute eine berechtigte andere Erwartung.

Warum die FDP im Westen noch Wähler findet

Im Hamburger Westen ist die FDP relativ stark. Was machen Sie hier anders als auf Bundesebene? Oder liegen die teilweise zweistelligen Ergebnisse einfach an einem spezifischen Wahlvolk, das hier zufällig lebt?

Neben dem Hamburger Westen gibt es noch andere Stadtteile, wo wir ganz gut abschneiden. Das sind Viertel, in denen Menschen Mut hatten, ins Risiko gegangen sind, ihr Leben lang viel geleistet haben, um einen gewissen wirtschaftlichen Erfolg zu erlangen. Leute, die sich anstrengen, dann auch mal auf dem zweiten Bildungsweg studieren oder Unternehmen gründen. In solchen Vierteln sind wir zu Hause mit unseren liberalen Werten und dem Aufstiegsversprechen. Ich finde, wenn man sich angestrengt hat und ein gewisses wirtschaftliches Niveau erreicht hat, ist es auch nicht Aufgabe des Staates, das Ergebnis anzugleichen.

Finn Ole Ritter freigestellt
„Wir sollten den Fokus nicht auf einzelne Steuern legen.“

Diese Erzählung von jemandem, der sich nach oben gearbeitet hat, ist attraktiv und das gibt es ja auch. Statistiker sagen uns aber deutlich, dass der Wohlstand gerade in den erwähnten Vierteln in hohem Maße vererbt wird. Widerspricht das nicht Ihrer Schilderung?

Damit sprechen Sie die Erbschaftssteuer an und auf das Thema, wie man mit großen Erbschaften umgeht.

Darauf läuft es hinaus, ja.

Sie haben Recht, es widerspricht etwas dem Leistungsgedanken und wir müssen in der Partei diskutieren, wie wir damit umgehen, wenn jemand leistungsfrei ein großes Vermögen bekommt. Erneuerung heißt ja auch, dass nicht alle Inhalte und alle Einstellungen, die wir über Jahrzehnte vertreten haben, noch up-to-date sein müssen. Ich kenne auch viele Unternehmer, die es als höchst ungerecht empfinden, wenn sich einige abmühen und andere setzen sich ins gemachte Nest.

Auf der anderen Seite sage ich aber auch ganz klar, dass Werte auf dem Papier nicht immer jemanden reich machen. Oftmals handelt es sich um Unternehmensvermögen. Ich glaube auch, dass wir generell nicht den Fokus auf einzelne Steuern setzen sollten, nicht getrennt über Erbschafts- und Einkommenssteuer sprechen sollten, sondern über ein Gesamtsteuerreformpaket, das vor allem die zu hohe Besteuerung des Lohneinkommens beendet.

„Das System funktioniert nicht mehr“

Das führt uns zum Thema Sozialversicherung und Rente. Immer höhere Besteuerung von Lohneinkommen – wir wissen alle, warum das passiert. Wir haben gigantische Fehlbeträge bei der Rente, die eine Reform erzwingen werden. Was ist aus Ihrer Sicht der entscheidende Hebel?

Ich glaube, dass man den Leuten reinen Wein einschenken muss. Das Sicherungssystem Rente funktioniert schon seit Jahren nicht mehr. Das ist keine Raketenwissenschaft, sondern liegt an der Demografie. Das Umlageverfahren, der Generationenvertrag, der wurde durch die Politik schon vor Jahrzehnten gekündigt.

Und das so offen, dass jeder, der einen Taschenrechner bedienen kann, sieht: Es wird nicht funktionieren.

Ja, es gibt kein Erkenntnisproblem. Jeder weiß, dass das System eigentlich insolvent ist. Und trotzdem wird weiterhin daran rumgebastelt. Das wäre so, als wenn ich Ihnen ein Geschäft anpreise, das insolvent ist. Aber Sie müssen trotzdem investieren!

Friedrich Merz
Friedrich Merz nach seiner Vereidigung als Bundeskanzler. Der CDU-Politiker galt als Hoffnungsträger für eine große Steuerreform. Das war 2003.

Was wäre der Hebel, auf den Sie setzen würden, um das zu ändern? Es gibt verschiedene konkrete Modelle in der Diskussion.

Die Aktienrente. Das war die Richtung, die schon die Ampel, wie auch immer man die fand, angestoßen hat. Es muss viel mehr Kapitaldeckung in das System reinkommen. Da geht es auch nicht darum „Heuschrecken“ zu finanzieren, sondern über Kapitaldeckung die Lücke zu schließen. Wer 40 Jahre lang in aktienbasierte ETF spart, mit einer Rendite von vier bis sechs Prozent, der verdoppelt und verdreifacht sein Kapital. Wer auf diesem Gebiet durch falsche Behauptungen Ängste schürt, der produziert Armut. Da sind wir wieder bei dem Grund, warum die FDP gebraucht wird.

Die langfristige Rendite von Aktien ist empirisch belegt, aber für die Vergangenheit und die war vergleichsweise ruhig. Heute sorgt allein die Trump-Regierung gefühlt für einen Crash alle sechs Wochen. Ich kann vollauf verstehen, wenn Leute gerade heute in Hinblick auf die Rente vorsichtig an den Kapitalmärkten agieren. Zweitens: Meiner Ansicht nach kann eine von Kapitalmärkten gedeckte Rente dazu führen, dass Politik für Aktionäre gemacht wird. Wir sehen das bei Trump. Der stoppt die Eskalation immer dann, wenn die Kurse stark fallen. Das kann man in seinem Fall positiv bewerten, aber es sind auch Szenarien denkbar, in denen das Regieren mit Blick auf Aktienkurse gesamtgesellschaftlich schädlich ist.

Es gibt kein System, das hundertprozentig funktioniert. Wenn Sie heute junge Leute befragen und wissen wollen, ob die ihre künftige Rente als sicher betrachten ...

… dann sind die eher pessimistisch, das stimmt.

Eben. Und wir hatten auch in den letzten Jahrzehnten Krisen. Die Ölkrise, die Dotcom-Blase und jetzt halt Trump. Aber wenn Sie regelmäßig Geld investieren, 30 oder 40 Jahre lang, dann kaufen Sie während solcher Schwächephasen ja auch günstig ein. Das muss man den Leuten erklären. Da gibt es noch zu wenig Verständnis, auch in der Schule.

Als weiteres Risiko an einer kapitalmarktgedeckten Rente sehen Kritiker eine drohende Zweiklassenrente. Es gibt Menschen, die arbeiten zum Beispiel in sozialen Berufen, sind für die Gesellschaft hochgradig wichtig, verdienen aber wenig. Wie sollen die eine adäquate Rente ansparen?

Unterschiede in der Rente entwickeln sich und sind für mich grundsätzlich auch okay. Wenn jemand beim Konsum spart und Geld anlegt, dem kann ich das nicht zum Vorwurf machen. Aber natürlich muss der Staat dafür sorgen, dass keiner auf der Straße landet und sich grundlegende Sachen nicht mehr leisten kann. Als FDP sind wir daher für ein Dreisäulenmodell aus gesetzlicher Rentenversicherung, betrieblicher Altersvorsorge und einem Altersvorsorgedepot. Jeder Angestellte kann es sich leisten, in dieses Depot 60 Euro pro Monat einzuzahlen und darauf sollte die Politik hinarbeiten.

Ein weiteres Thema, mit dem die FDP immer in Verbindung gebracht wird, ist die Debatte um die Vermögenssteuer. Die lehnen Sie ab. Man könnte nun aber argumentieren, dass es sehr wohl Länder mit einer Vermögenssteuer gibt und diese eben nicht zu Kapitalflucht führt.

Ich glaube man tut sich keinen Gefallen damit, wenn man Deutschland mit anderen Ländern vergleicht, wenn es um einzelne Punkte wie die Vermögenssteuer geht oder auch die Erbschaftssteuer. Unsere Grundlagen sind anders. Wir haben eine Staatsquote von über 50 Prozent und reden die ganze Zeit um das Verteilen und nicht um das Erwirtschaften von Vermögen.

Sie wollen wieder auf Ihren Ansatz einer breiten Steuerreform hinaus, die alle Bereiche umfasst. Da muss ich als Bürger aber fragen: Ist das ein realistisches Unterfangen in unserem politischen System? Ist es realistisch, für eine komplexe Steuerreform eine Mehrheit zu erzielen?

Meine Aufgabe ist Ihnen zu sagen: Natürlich ist das realistisch! Wenn die FDP wieder eine Mehrheit hat oder in Verantwortung steht mit Partnern, die unsere Sichtweise teilen. Ich erinnere mich noch an Friedrich Merz, der das Steuerthema ja auf einem Bierdeckel abhandeln wollte: 25, 35, 45 Prozent, ohne die ganzen Ausnahmen.

Mhm. Das hat er 2003 gesagt, oder? Vor 23 Jahren …

Da fand ich ihn wirklich stark und jetzt sieht man, was er stattdessen produziert. Unser Grundsatzprogramm beinhaltet immer noch eine extrem breite Steuerreform zur Vereinfachung. Hier und dort ansetzen ist zu kurz gedacht. Niemand, der rechnen kann, glaubt, dass wir mit kleinen Einzelmaßnahmen die Einnahmen nennenswert steigern und Deutschland wieder wettbewerbsfähig machen. Das geht einfach nicht.

Was bedeutet Chancengleichheit heute?

Ich würde gerne nochmal auf die liberale Idee zurückkommen, über die wir eingangs gesprochen hatten. Nach all dem, was Sie bisher gesagt haben, sehe ich weiterhin eine Kluft zwischen Anspruch und Realität. Da ist einerseits die Forderung nach Leistung. Die soll jedem ökonomischen Erfolg ermöglichen. Die berühmte Chancengleichheit. Andererseits sagen uns empirische Studien, dass Deutschland sozial und ökonomisch hochgradig undurchlässig ist. Der Schulerfolg hängt vielfach vom Elternhaus ab. Die Berufswahl hängt vom Elternhaus ab. Die Vermögenssituation hängt vom Elternhaus ab. Natürlich nicht in jedem Fall, aber statistisch. Überspitzt formuliert könnte ich also sagen: Bei der Chancengleichheit sind wir ein Entwicklungsland. Für die Liberalen ein großes Problem in meinen Augen.

Eigentlich finde ich dieses Gespräch richtig gut, weil Sie genau die Themen ansprechen, die wir angehen. Chancengleichheit ist ein ur-liberales Thema. Auch mich als FDP-Landesvorsitzenden macht es wahnsinnig, wenn jemand aus Steilshoop, Mümmelmannsberg nicht die gleichen Chancen hat wie jemand aus Blankenese. Ich würde alles dafür tun, dass jedes Kind die gleiche Startchancen hat, die Möglichkeit, einen guten Abschluss zu machen und ein Unternehmen zu gründen. Insofern müssen wir Kinder unabhängig vom Elternhaus fördern und das Potenzial des Kindes in den Mittelpunkt stellen und nicht seine Herkunft.

Das würde ein erheblich besseres Bildungssystem verlangen. Sie verweisen aber schon jetzt auf die hohe Staatsquote in Deutschland. Widersprechen Sie sich da nicht selbst?

Nein, das ist nicht widersprüchlich. Wir sehen Kernaufgaben des Staates, also zum Beispiel Bildung und den Rechtsstaat, das Gewaltmonopol. Der Staat muss Rahmenbedingungen setzen, damit eine wirtschaftlich erfolgreiche Basis entsteht. Aus dieser Basis finanzieren sich die Aufgaben, die wir als wichtig definiert haben, also Bildung, Justiz, Sicherheit ... Da muss der Staat bestmöglich aufgestellt sein, da sollten wir nicht einmal drüber nachdenken, Geld rauszuziehen. Diese Bereiche sind entscheidend für unsere Zukunft. Wir haben nun mal keine Rohstoffe in Deutschland.

Zwei Fragen habe ich noch. Eine ist ein bisschen persönlich. Wir alle wissen, dass Leistung mehr Spaß macht, wenn man Erfolg hat. Das ist bei der FDP gerade schwierig. Gibt es Tage, an denen Sie angesichts der Umfragewerte keine Lust mehr haben? Sie sind selbst als Unternehmer tätig und könnten auch sagen, jetzt reicht es mir, jetzt kümmere ich mich nur noch um meinen eigenen Betrieb. Gibt es solche Tage?

Auf jeden Fall. Es wäre gelogen, wenn ich das nicht zugeben würde. Aber ich bin seit meinem 20. Lebensjahr unternehmerisch tätig und auch im Unternehmerleben gibt es solche Tage. Wenn die Woche richtig blöd losgeht, dann denkt man ja auch „Gott, wo soll das enden?“.  Aber ich habe gelernt, immer wieder ein Licht am Ende des Tunnels zu erzeugen.

Natürlich ist es schöner, wenn man 15 Prozent Zuspruch hat. Was mich letztendlich aber trägt, sind die liberalen Werte. Diese Werte sind noch immer bei den Leuten vorhanden, werden nur momentan nicht mit der FDP als politische Kraft verbunden. Und weil ich das nicht verstehe, bin ich so motiviert, zu den Leuten zu sprechen und zu sagen: „Hey, du sagst gerade genau das, was wir vertreten. Warum wählst du uns eigentlich nicht?“

Letzte Frage: Olympia in Hamburg, ja oder nein?

Ja.

Warum?

Weil wir in der FDP und ich auch persönlich mehr Chancen als Risiken sehe. Die Handelskammer, die Versammlung Ehrbarer Kaufleute und all die anderen Stimmen aus der Wirtschaft versprechen sich davon etwas Positives für die Stadt. Das kann man nicht ignorieren.

Herr Ritter, vielen Dank für das Gespräch.

Finn Ole Ritter

Der gebürtige Hamburger (48) ist seit 2025 Vorsitzender der FDP Hamburg. Er ist gelernter Groß- und Außenhandelskaufmann sowie Versicherungsfachmann und ist unternehmerisch tätig. Er wurde 2004 Mitglied der Jungen Liberalen Hamburg und war 2011 das erste Mal Mitglied der Bürgerschaft. Innerhalb der FDP steht er für eine wirtschaftsliberale, zugleich pragmatisch ausgerichtete Politik, die sich an den Ideen des Soziologen und Liberalismus-Theoretikers Ralf Dahrendorf orientiert.

Tim Holzhäuser
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