Giovanni Maio: „Hoffnung heißt, die Zukunft nicht abzuschreiben“
Kriege, gesellschaftliche Spannungen, wirtschaftliche Unsicherheit: Viele Menschen blicken mit Sorge auf die Zukunft. Der Philosoph und Arzt Giovanni Maio hält dennoch an der Hoffnung fest. Im Gespräch erklärt er, warum Krisen auch eine Chance zur Besinnung sein können und weshalb Gemeinschaft für ihn wichtiger ist denn je.
Herr Prof. Dr. Maio, Sie haben offenbar zurzeit viel zu tun. Was beschäftigt Sie gerade am meisten?
Giovanni Maio Wie man es schaffen kann, dass die Menschen sich neu auf gemeinschaftsstiftende Werte besinnen. Wir leben in einer Weltgemeinschaft, und Zukunft kann es nur geben, wenn wir uns neu vergegenwärtigen, wieviel uns Menschen untereinander verbindet. In einer Zeit, in der tendenziell der Ton durch eine Egologik vorgegeben wird, erscheint es mir umso notwendiger, noch intensiver über das Wir zu sprechen.
Wir sind umgeben von Krisen. Viele Menschen würde nun gerne hören, dass es eigentlich nicht so schlimm ist. Können wir es von Ihnen hören?
Nein. Das wäre ein billiges Vertrösten. Stattdessen würde ich sagen, dass wir, gerade weil wir in einer Zeit dauerhafter Krisen leben, desto mehr darauf dringen müssen, zusammenzuhalten. Ich finde, dass der Mensch nicht primär ein homo oeconomicus ist; aus meiner Sicht ist er zuallererst ein homo fragilis. Gerade in unserer Zeit ist es so notwendig, dass wir anerkennen, wie sehr wir alle sorgebedürftige Wesen sind. Jeder ist angewiesen darauf, von einer oder einem anderen gesehen und anerkannt zu werden. Daher liegt die Zukunft meines Erachtens in der Förderung von Kulturen der Sorge, denn die Sorge für- und umeinander ist es, die uns rettet, und zwar vor Resignation, vor Einsamkeit, vor dem Verlust von Selbstachtung. Die Sorge ist unsere Rettung, weil wir alle nicht nur sorgebedürftige, sondern zugleich auch trostbedürftige Wesen sind.
Hoffnung sollte dabei unsere Grundverfassung sein, oder?
Ja, ganz genau. Allen bedrückenden Nachrichten zum Trotz hat der Mensch die Fähigkeit, sich Freiräume zu erschaffen, nämlich die Freiräume, sich für eine Zukunft zu engagieren, für die und in der es sich zu leben lohnt. Genau das macht die Hoffnung aus, dass der hoffende Mensch fähig wird, einen Spürsinn für das Mögliche in der Zukunft zu entwickeln und dadurch auslangt nach den vielen Möglichkeiten, die die Zukunft für ihn bereithält. Der hoffende Mensch ist jemand, der die Zukunft nicht einfach abschreibt, sondern der trotz aller Widrigkeiten Möglichkeiten sieht und sich durch diese Imagination der Möglichkeiten mit Hingabe für eine bessere Zukunft engagiert. Was der hoffende Mensch von Grund auf ablehnt, ist die Annahme, dass alles sinnlos ist. „Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen“, das ist seine Grundüberzeugung.
Aber was können wir denn jetzt in der Gegenwart konkret tun?
Uns für das Gute einsetzen! Der hoffende Mensch ist die Person, die fest davon überzeugt ist, dass das Gute Sinn macht und dass es immer Möglichkeiten gibt, dem Guten einen Raum zu geben, und sei es im Gespräch mit dem anderen. Die Zukunft haben wir alle in der Hand, und zwar dadurch, dass wir heute schon Zeichen setzen. Zeichen des Friedens zum Beispiel, Zeichen der Versöhnung, Zeichen des Miteinanders, Zeichen tiefer Menschenliebe. Solange der Mensch nicht aufhört, andere Menschen zu lieben, ist nichts verloren.
Noch einmal zum Thema Angst und Zukunftsangst: Es gibt Menschen, die meinen, dass man die Angst entweder mit Vertrauen bewältigt, was ich auch im Vorwort zu Ihrem Buch gelesen habe, oder mit Kontrolle. Was meinen Sie dazu?
Das Gute an der Hoffnung ist genau diese Anerkenntnis, dass man Angst haben darf. Das sagt unsere schöne deutsche Sprache sehr genau, indem sie Ausdrücke wie „Hoffen und Bangen“ geprägt hat. Hoffen und Bangen, das heißt eben genau das, dass wir als hoffende Menschen die Angst nicht leugnen. Ganz im Gegenteil! Wenn wir hoffend sind, dann wissen wir genau um die Widrigkeit der Gegenwart, und wir wissen genau, dass es auch schlecht ausgehen kann, aber gerade weil wir das wissen und dieses Wissen auf uns zukommen lassen, genau deswegen verspürt der hoffende Mensch einen Impuls, etwas für eine bessere Zukunft zu tun.
… und wenn es doch schlimm kommt?
Selbst wenn es nicht so kommt, wie wir uns das wünschen, so denkt der hoffende Mensch, dass er Wege finden wird, auch das Widrige zu bewältigen. Das macht die Hoffnung aus, dass aus der Hoffnung die innere Zuversicht erwächst, dass auch im Widrigen nicht alles verloren ist, sondern dass wir gerade im Widrigen immer noch Möglichkeiten haben werden, uns zu bewähren und das Widrige überwinden, es bewältigen und durchstehen können. Aber das können wir eben nicht allein. Deswegen ist der hoffende Mensch die Person, die an das Gemeinsame glaubt und sich getragen weiß von der Überzeugung, dass Gemeinschaft immer möglich ist und dass das Widrige sogar ein neues Gemeinschaftsgefühl stiften kann. Deswegen ist die Entwicklung eines Grundvertrauens in die Annehmbarkeit auch des Widrigen eine wichtige Ressource für den Menschen, die ihm die Angst nehmen kann. Dafür aber müssen wir uns erst eingestehen, dass wir Angst haben und dürfen diese Angst nicht einfach wegschieben und so tun, als gäbe es sie gar nicht.
Wie können wir den kranken Menschen unterstützen?
Indem wir ihm helfen, auch in der Konfrontation mit dem ernsten Kranksein noch die Chance auf den Fortbestand eines sinnerfüllten Lebens zu wittern. Ob das Leben sinnerfüllt ist oder nicht, hängt nicht primär davon ab, was wir erleben, sondern wie wir mit dem umgehen, was wir erleben.
Es gibt Psychologen, die sagen, man müsse sich seiner Angst stellen und erfährt dadurch etwas über sich als Persönlichkeit, also dass man so zum Kern der eigenen Persönlichkeit vordringt und sozusagen mehr Mensch wird.
Ich halte sehr, sehr viel von Psychologen, die so denken, denn das ist schlichtweg richtig. Die Konfrontation mit dem Widrigen ist schmerzhaft, aber sie führt auch zu einer verschärften Bewusstseinsbildung und sie eröffnet die Chance eines inneren Wachstums. Wir wachsen an den Widerständen, die uns das Leben als Aufgabe vorlegt, und die Widerstände sind es, die uns ermöglichen, zu uns selbst zu finden. Die Krise unserer Zeit sollten wir als Chance sehen, nämlich als Chance, uns einmal neu zu vergewissern, wer wir sein wollen und in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Wir haben die Chance, in diesem Krisenhaften neue Visionen einer menschlichen Gesellschaft zu entwickeln, weil wir gerade jetzt erkennen, dass wir so, wie wir gelebt haben nicht einfach weiterleben können. Alle Menschen sind Erdenbürger, und wir müssen uns auf die Suche nach dem Geteilten, dem Gemeinsamen, dem Verbindenden machen und anerkennen, dass es uns als Verwandte auf dieser Welt nur geben kann, wenn wir einander als solche erkennen und die Welt, auf der wir leben, als die Grundbedingung unserer Existenz neu schätzen lernen. Wir haben dieser Welt, auf der wir wohnen, so viel zu verdanken. Es ist an der Zeit, uns dieser Welt gegenüber dafür erkenntlich zu zeigen, indem wir ihr behutsam und schonend und vor allem liebend begegnen.
Wenn Sie einen konkreten Rat an Menschen formulieren könnten, um ihre Angst zu überwinden und wieder Hoffnung zu schöpfen – welcher wäre es?
Überlegen Sie, wieviel Sie anderen Menschen verdanken. Ohne all diese Menschen wären Sie nicht dort, wo Sie jetzt sind. Solange wir wissen, dass es Menschen gibt, denen wir so viel verdanken, haben wir allen Grund, Hoffnung zu haben, und sei es die Hoffnung, dass das Gute auf dieser Welt auch in der Zukunft spürbar bleiben wird.
„Systematische Analyse und praktische Relevanz“ ist der Untertitel Ihres Buches. Kann Philosophie als Wissenschaft überhaupt konkrete Lebensempfehlungen geben?
Mit praktischer Relevanz ist nicht der Ratgeber gemeint. Es ist die Vertiefung gemeint, die dann aber zugleich auch Orientierung geben kann. Orientierung im Sinne einer inneren Verständigung des Menschen über sich selbst und seine Welt. Philosophie dient der Klarheit. Sie dient damit der vertieften Einsicht. Dadurch birgt die Philosophie schon die Chance, die Dinge klarer und damit weitsichtiger zu sehen. Sie huldigt damit einer Verstandestugend, und die Tugend ist die innere Disposition, die durchaus auch zu einem vertiefteren Glück führen kann. So hat uns Aristoteles gelehrt, und ich bin fest davon überzeugt, dass das vertiefte Nachdenken dem einzelnen Menschen helfen kann, sich von der Augenblicksbezogenheit bestimmter Eindrücke, Stimmungen und Gefühle nicht übermannen zu lassen, sondern schlichtweg mehr und weiter zu sehen.
Prof. Dr. Giovanni Maio
1964 in Italien geboren und 1970 mit seinen Eltern nach Deutschland gekommen, studierte Giovanni Maio Medizin und Philosophie und leitet nach langen Jahren ärztlicher Tätigkeit heute das Institut für Ethik und Geschichte der Medizin an der Freiburger Universität. Er ist Mitglied verschiedener überregionaler Ethikkommissionen und -beiräte. Sein Buch „Hoffnung“ (Herder Verlag, Oktober 2025, ISBN 978-3-451-03644-6, überarbeitete Ausgabe von ders. „Die Kunst des Hoffens“, 2016) versammelt Positionen von Ärzten, Theologen und Philosophen.