Plácido Domingo: „Mein Leben ist die Bühne“
Vor 60 Jahren begann für Plácido Domingo ein wichtiges Kapitel seiner Weltkarriere an der Hamburgischen Staatsoper. Im Interview mit dem HAMBURGER KLÖNSCHNACK spricht er über seine Verbindung zur Stadt, große Weggefährten und die Zukunft der Oper.
Im Januar 1967 gaben Sie Ihr Debüt an der Hamburgischen Staatsoper als Cavaradossi in Tosca. Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem 60. Bühnenjubiläum in Hamburg und Deutschland, das wir am 27. Februar mit einem Galakonzert in der Hamburger Laeiszhalle feiern werden. Wie hat dieser Wechsel nach Hamburg Ihre weitere Karriere beeinflusst und was bedeutet Hamburg für Sie?
Plácido Domingo Ich war sehr jung, voller Begeisterung und betrat eine wirklich bedeutende europäische Bühne. Ich erinnere mich, dass das Publikum für mich etwas ganz Außergewöhnliches war. Und die Hamburgische Staatsoper war eines der Opernhäuser, an denen ich am häufigsten gearbeitet habe – sie war zu Beginn meiner Karriere in Europa wirklich entscheidend für mich. Und immer war ich dort von außergewöhnlichen Künstlern umgeben.
Warum war Ihr Rollendebüt als Otello im Jahr 1975 – ebenfalls an der Hamburgischen Staatsoper unter August Everding – ein so einschneidendes Ereignis in Ihrem Bühnenleben?
Ich erinnere mich gut an mein Debüt – was für ein emotionaler Moment! Otello ist eine außergewöhnliche Oper. Diese Rolle hat meine Karriere und mein Bewusstsein als Interpret wirklich verändert. Damals war ich eher ein lyrischer Tenor. Aber ich hatte diese dunkle, warme und zugleich kraftvolle Klangfarbe in meiner Stimme, und ich liebte diese Qualität sehr. Das hat mich dazu geführt, mich an die Interpretation dieser wirklich einzigartigen Rolle des Otello heranzuwagen.
Ihre Karriere erstreckt sich über mehrere Jahrzehnte und verschiedene Genres. Was motiviert Sie, nach all diesen Jahren weiterhin auf der Bühne zu stehen und neue Projekte in Angriff zu nehmen?
Mein Leben ist die Bühne, die Oper, der Gesang, die Musik ... Ich singe seit über 60 Jahren und, Gott sei Dank, kann ich immer noch weitermachen. Das Singen ermüdet mich nie – ganz im Gegenteil: Es erfüllt mich mit Begeisterung, denn gemeinsam mit meinen Kollegen Musik zu machen und Emotionen mit dem Publikum zu teilen, ist wirklich unbezahlbar.
Ich liebe auch das Dirigieren, und da mein Terminkalender inzwischen mehr Zeit dafür zulässt, mache ich das sehr gerne. Ich liebe es zu reisen, neue Publikumsgruppen und neue Opernhäuser zu entdecken, und bin immer wieder erstaunt. Zu meinen jüngsten Debüts gehört beispielsweise die Mongolei, wo ich zuvor noch nie gesungen hatte. Neben außergewöhnlichen Freunden habe ich dort eine tiefe Leidenschaft für das gemeinsame Musizieren, wunderbare Stimmen und ein äußerst sachkundiges und herzliches Publikum kennengelernt.
Sie haben mit vielen der größten Stimmen und Dirigenten unserer Zeit zusammengearbeitet. Welche dieser Kooperationen haben Sie am stärksten geprägt und warum?
Die Antwort auf diese Frage gehört zu den schwierigsten, denn im Laufe der vielen Jahre hatte ich das Glück, mit all den größten Künstlern zusammenzuarbeiten und von jedem Einzelnen habe ich so viel erhalten. Ich habe unter anderem an der Seite von Renata Tebaldi und Leontyne Price gesungen, um nur zwei außergewöhnliche Künstlerinnen zu nennen.
An der Metropolitan Opera, während ihrer goldenen Jahre, wechselten wir innerhalb einer einzigen Woche zwischen Luciano Pavarotti, José Carreras aber auch Nicolai Gedda. Und wenn ich an mein Debüt an der Met denke … Ich wurde als Ersatz für niemand Geringeren als Franco Corelli gerufen! Wenn ich heute darauf zurückblicke, erscheint es mir fast unglaublich: so viel Zeit, so viele Produktionen … und doch fühlt es sich an, als wäre es gestern gewesen!
Und unter den Dirigenten – wie könnte ich Karajan, Giulini, Kleiber und Levine nicht erwähnen? Eine Enzyklopädie würde nicht ausreichen, um sie alle aufzuzählen. Ganz zu schweigen von den Regisseuren und vor allem von dem großen Franco Zeffirelli.
Die Welt der Oper hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Insbesondere als einer der „Drei Tenöre“ haben Sie über Jahrzehnte hinweg Massen von Menschen zu Opernfans gemacht. Wie sehen Sie die Zukunft der Oper und was muss getan werden, damit dieses Genre noch populärer wird?
Ich bin ein unverbesserlicher Optimist und sehe eine sehr positive Zukunft für die Oper. Ich bin stolz darauf, dass wir mit den „Drei Tenören“ ein neues Publikum für die Oper gewonnen haben. Und ich bin jedes Jahr aufs Neue begeistert, wenn ich bei meinem Gesangswettbewerb „Operalia“ außergewöhnliche junge Stimmen entdecke. Der Wettbewerb wird bald in Shanghai stattfinden.
Aber was mir besonders viel Energie gibt, ist die Begegnung mit jungen Menschen im Publikum. Ich hoffe, dass alle Opernhäuser Initiativen umsetzen können, um immer mehr junge Menschen für die Oper zu begeistern. Die Oper selbst übernimmt dann den Rest der Magie!
Hamburg plant ein neues Opernhaus. Was macht Ihrer Meinung nach ein großartiges Opernhaus wirklich aus? Ist es die Architektur, die Akustik, die künstlerische Vision oder etwas ganz anderes?
Ich bin sicher, dass in einer modernen, zukunftsorientierten Stadt wie Hamburg alles auf höchstem Niveau umgesetzt werden wird. Ich denke gerne, dass jenseits der Mauern und der Akustik das schlagende Herz eines Opernhauses die Compagnie, die Bühne und die technischen Mitarbeiter, die Künstler und natürlich auch das Publikum sind. Und in Hamburg sind all diese Zutaten vorhanden!
Sehr geehrter Herr Domingo, die Redaktion vom KLÖNSCHNACK bedankt sich für das Interview und freut sich auf Ihren Besuch im Februar 2027.
Plácido Domingo: Jubiläumskonzert in Hamburg
Plácido Domingo, geboren 1941 in Madrid, zählt zu den bekanntesten Opernsängern der Welt. Seine Karriere führte ihn an die großen Opern- und Konzerthäuser weltweit. Sein Repertoire umfasst mehr als 150 Rollen, zunächst vor allem als Tenor, später auch als Bariton. Darüber hinaus arbeitete Domingo als Dirigent und Opernintendant. Mit Hamburg verbindet ihn eine lange Geschichte: Im Januar 1967 gab er an der Hamburgischen Staatsoper als Cavaradossi in Puccinis „Tosca“ sein Europa-Debüt. 1975 folgte dort sein Debüt als Otello in Verdis gleichnamiger Oper.
60 Jahre nach seinem ersten Hamburger Auftritt kehrt Domingo für ein Jubiläumskonzert zurück: Am Samstag, 27. Februar 2027, um 20 Uhr steht er bei der „Diamond Jubilee Gala“ im Großen Saal der Laeiszhalle auf der Bühne. Mit ihm treten die Sopranistin Juliana Grigoryan und der Tenor Rame Lahaj auf. Die Mecklenburgische Staatskapelle Schwerin spielt unter der Leitung von Eugene Kohn. Auf dem Programm stehen Arien, Duette und Instrumentalstücke aus Oper, Operette und Zarzuela.