Sicher im Netz

Warum Medienkompetenz der beste Schutz im Netz ist

Interview des Monats · · 10 Min. Lesezeit · von Anna-Lena Walter
Mehrere Jugendliche stehen nebeneinander und schauen auf ihre Smartphones.
Jugendliche möchten teilhaben - vieles hat sich in den Onlineraum verlagert. Um sich in dieser Parallelwelt sicher bewegen zu können, braucht es auch hier klare Regeln.

Cybermobbing, KI-Chatbots, Social Media und das erste Smartphone: Die digitale Welt stellt Familien täglich vor neue Herausforderungen. Matthias Heinen von der Initiative Klicksafe erklärt im Interview, wie Eltern ihre Kinder begleiten können – und warum Aufklärung wichtiger ist als Kontrolle.

Lieber Matthias, du bist Medienreferent bei der EU-Initiative „klicksafe“. Was ist euer Anliegen?

Matthias Heinen Klicksafe ist ein Aufklärungsangebot, das sich an Eltern, Lehrer und Pädagogen richtet. Wir wollen informieren, sensibilisieren – und zwar zu genau den Themen, die im Alltag digitaler Mediennutzung für Kinder und Jugendliche besonders relevant sind. Wir decken dabei alle bedeutsamen Onlinethemen ab wie Cybermobbing, Cybergrooming, KI, Desinformation und vieles mehr. Uns geht es letztlich immer um eines: Aufklärung – damit Erwachsene wissen, worauf sie achten müssen, welche Risiken es gibt und wie man ins Gespräch kommt.

Wie sieht das konkret aus?

Wir arbeiten mit mehreren Säulen. Erstens entwickeln wir Materialien und Inhalte, zum Beispiel Broschüren, Unterrichtsmaterial oder kurze Formate, die man leicht weitergeben kann.

Zweitens machen wir Kampagnen. Ein Beispiel ist der Safer Internet Day: Das ist ein weltweiter Aktionstag, der jedes Jahr am zweiten Dienstag im Februar stattfindet. Wir koordinieren diesen Tag in Deutschland – damit das Thema Aufmerksamkeit bekommt.

Drittens: Vernetzung: Wir bringen Akteure zusammen – international und bundesweit – damit Wissen und Angebote nicht nebeneinander herlaufen, sondern sich ergänzen.

Wenn man auf die letzten Jahre zurückschaut: Haben sich die Themen verändert?

Im Kern ist vieles erstaunlich konstant geblieben. Die Welt verändert sich, Geräte und Plattformen kommen und gehen – aber die Herausforderungen, mit denen Kinder und Jugendliche konfrontiert sind, haben eine Kontinuität. Deswegen verliert auch unser 20 Jahre alter Aufklärungsspot „Wo ist Klaus?“ nicht an Aktualität. Hinzukommen neue technische Möglichkeiten und Formen, wie Risiken aussehen – beispielsweise Chatbots oder Plattformmechanismen.

Ein Thema, das bei vielen Familien früh beginnt: das erste eigene Smartphone. Wie begleitet ihr Eltern da?

Wir empfehlen, in der Grundschule auf Smartphones zu verzichten. Der Fokus liegt eher auf dem Übergang in die weiterführende Schule – und damit auf der Frage, ob das Kind dafür reif ist. Dabei geht es nicht nur um Technik, sondern um Fähigkeiten: Passwörter verstehen, Werbung erkennen, mit Inhalten umgehen können, wissen, was in einer App passiert.

Wir haben dazu auch Materialien beziehungsweise Orientierungshilfen. Hier können sich Eltern überlegen: „Ist mein Kind bereit?“ Genau diese Reflexion ist wichtig, weil Eltern oft vor einer Überforderung stehen: Sie bekommen das Gerät – und müssen dann plötzlich Regeln, Sicherheit und Gespräche organisieren.

Stichwort Regeln: Reicht es, wenn man die Nutzung per Familien-App kontrolliert oder zeitliche Limits setzt?

Technik kann helfen – aber sie ist kein 100-prozentiger Schutz. Auch Einstellungen lassen sich manchmal umgehen. Und: Selbst wenn das Kind zu Hause gut abgesichert ist, spielt es bei Freunden oder nutzt Geräte anderswo. Deshalb ist die wichtigste Säule bei „klicksafe“ immer: lieber Austausch statt reiner Kontrolle. Wir betonen außerdem: Digitale Hilfen können unterstützen, aber Medienerziehung ersetzt keine Technik. Eltern sollten gemeinsam mit dem Kind besprechen, was das Gerät kann, welche Risiken es geben kann und welche Grenzen sinnvoll sind.

Wie sieht das praktisch aus – ohne dass es dauernd knallt?

Ein Ansatz, der sich bewährt hat, ist ein Mediennutzungsvertrag: nicht als Strafe, sondern wie ein kleines „Regelwerk“, das gemeinsam erarbeitet wird. Wenn Regeln gemeinsam entstehen, gibt es weniger Konflikte, weil das Kind sich ernst genommen fühlt. Und dann funktioniert es am besten, wenn es nicht nur heißt: „Du darfst nicht“, sondern: „Darum geht es, und so machen wir es gemeinsam.“ Wichtig ist außerdem die Vorbildfunktion: Eltern müssen sich anschauen, wie oft sie selbst beim Abendessen oder beim Schlafengehen das Handy noch in der Hand halten.

Viele Eltern kennen diese Sorge: „Mein Kind ist neugierig – und dann passiert vielleicht etwas Schlimmes.“ Welche Rolle spielt dabei euer Umgang mit dem Begriff „Mediennutzung“ und „Sucht“?

Wir nehmen das ernst – aber wir schlagen keinen Alarm. Gerade mit Smartphones und Apps reden wir über digitales Wohlbefinden und über Hinweise, wenn sich das Verhalten stark verändert. „Mediensucht“ ist keine offizielle Diagnose, aber es gibt Faktoren, bei denen man genauer hinschauen sollte: Wenn Freunde, Sport oder anderes zunehmend verdrängt werden, wenn es körperliche Folgen gibt oder wenn das Verhalten sich deutlich verändert. Dann ist es sinnvoll, nicht nur „das Handy wegzunehmen“, sondern Ursachen und Muster mit dem Kind zu besprechen sowie über professionelle Hilfe nachzudenken. Wer seinem Kind das Smartphone wegnimmt, riskiert, dass es ihm künftig nicht mehr vertraut, wenn ihm etwas Unangenehmes im Netz passiert ist. Das gilt es zu verhindern.

Matthias Heinen blickt vor hellem Hintergrund in die Kamera.
Matthias Heinen (36) ist gern gesehener Gesprächspartner bei Veranstaltungen und Events rund um das Thema Medienbildung. Häufige Themen sind Cybermobbing, Chatbots und Hetze im Netz.

Warum ziehen digitale Angebote so gut?

Da spielen Mechanismen eine Rolle, die bewusst auf Aufmerksamkeit und Verweildauer ausgelegt sind – Stichwort „Aufmerksamkeits-Ökonomie“. Bei Spielen etwa gibt es suchtförderndes Design, virtuelle Belohnungen, Bonuslevel oder auch Mechanismen wie Lootboxen (Geschenkboxen).

Bei Social Media ist häufig das endlose Scrollen entscheidend: unendliche Videoschleifen, in denen Algorithmen immer wieder neu triggern. Das heißt: Risiken entstehen nicht nur durch „die Kinder“, sondern auch durch die Gestaltung der Plattformen.

In der Öffentlichkeit wird das Thema manchmal so diskutiert, als müsste man Kinder stärker begrenzen. Der Deutsche Ethikrat hat sich für einen ausgewogenen Ansatz ausgesprochen. Was heißt das für euch?

Balance wäre hier wünschenswert: Es braucht Schutz, Befähigung und Teilhabe. Schutz bedeutet: Risiken reduzieren. Befähigung heißt: Kinder und Jugendliche müssen Kompetenzen entwickeln, um selbst reflektiert handeln zu können. Teilhabe heißt: Kinder sollen nicht ausgeschlossen werden – denn das macht Plattformen oft noch attraktiver, und es verlagert Risiken nur in unkontrolliertere Räume.

Außerdem: Plattformen müssen in Verantwortung genommen werden. Wir sprechen hier auch das Thema Regulierung an – zum Beispiel im Rahmen europäischer Vorgaben wie dem Digital Services Act (DSA). Ziel ist, dass Sicherheit und Schutz für Kinder verbindlich umgesetzt werden.

Um Sicherheit geht es auch bei eurer aktuellen Social-Media-Themenwoche #KinderSindKeinContent…

Die Idee ist: Eltern sollen sich fragen, was passiert, wenn Fotos ihrer Kinder online sind. Selbst ein verpixeltes Bild kann mit neuen technischen Möglichkeiten, auch mit KI, wieder identifizierbar werden. Wir betonen deshalb: Das Recht von Kindern am eigenen Bild ist wichtig. Kinderbilder können sehr schnell missbraucht werden – und darum sagen wir: Kinderbilder gehören nicht ins Netz.

Ein weiteres großes Feld: KI und Chatbots. Wie ordnet ihr das ein?

KI-Chatbots können wie „Wegbegleiter“ wirken: Antworten sind freundlich, wirken persönlich, manchmal sogar emotional unterstützend. Dadurch können Chatbots Rollen übernehmen, die eigentlich Menschen vorbehalten sind – etwa „Freund“, „Liebespartner“ oder „Therapeut“. Das kann Risiken mitbringen: emotionale Abhängigkeiten, exzessive Nutzung oder Konkurrenz zu realen Beziehungen. Deshalb raten wir Eltern, sich zu informieren, Chatbots gemeinsam ausprobieren und offen über Risiken zu sprechen. Für uns ist zentral: Medienerziehung bleibt eine Säule der Erziehung – ohne dass man Angst schürt oder pauschal verteufelt.

Ihr sprecht häufig auch Jugendliche und Schulen direkt an. Wie schafft ihr es, dass Schulen diese Themen integrieren können?

Indem wir es querschnittsfähig und praxisnah machen. Medienkompetenz ist kein Extra-„Thema“, sondern lässt sich in viele Fächer integrieren: Regeln in der Klasse können zum Beispiel auch für den Klassenchat gelten. Demokratiebildung findet heute oft virtuell statt. Im Rahmen der Sexualaufklärung könnten – angesichts der digitalen Lebensrealität – auch Fragen zu Pornografie und der angemessene Umgang damit thematisiert werden. Wir bieten hierzu das Format „Livestream-Schulstunde“ an: Dies ist interaktiv, moderiert, mit Abstimmungen – und die Themen lassen sich so in kurzer Zeit und unkompliziert integrieren. Wir erreichen damit 20.000 Schüler gleichzeitig.

Zwei Schülerinnen arbeiten gemeinsam an einem Laptop.
Die nächste „klicksafe“ Schulstunde findet am 17. September statt.

Statt dass Schulstunden ausfallen, bietet ihr sinnvolle „Lückenfüller“ an?

Genau, wir haben da Formate, die Lehrkräfte entlasten und gleichzeitig Raum schaffen. In einer unserer Schulstunden ging es zum Beispiel um die Frage: „Ist euch schon mal rechtsextremer Content begegnet?“ Hier können die Teilnehmer geheim abstimmen. Dann sieht man sehr konkrete Zahlen – und bekommt dadurch ein Gefühl dafür, wie relevant das Thema im Alltag der Jugendlichen tatsächlich ist. Die Schüler werden somit aufmerksam gemacht und können darüber ins Gespräch kommen. Das kann anschließend direkt im Unterricht weiter aufgegriffen werden. Bei der nächsten „Schulstunde“ greifen wir das Thema Cybermobbing auf. Dort erarbeiten die Schüler, was sie tun können, welche Handlungsspielräume es gibt und wo Grenzen verlaufen. Unterstützt wird das Ganze von Partnern wie „Aktion Mensch“ und der „Nummer gegen Kummer“.

Stichwort „Kummer“: Was tun bei Cybermobbing?

Cybermobbing wirkt häufig deswegen so massiv, weil es oft nicht an der Schultür aufhört. Wenn es in Chats stattfindet, kann es sich weiter verbreiten, jederzeit auftauchen und das Opfer ist nicht mehr „nur“ in der Schule betroffen.

Jugendliche brauchen nicht nur Regeln, sondern auch Handlungsfähigkeit. Viele Opfer erleben diese Situation zunächst als machtlos: Sie wissen nicht, wie sie reagieren sollen – oder trauen sich nicht, darüber zu sprechen. Was hilft, sind klare Strukturen: zum Beispiel Regeln für Klassenchats, Mitschüler zu sensibilisieren und auch darüber, wie man als nicht Betroffener eingreift – ohne selbst zum „Teil des Problems“ zu werden.

Wichtig ist außerdem: Mobbing lässt sich nicht vollständig verhindern, aber man kann es deutlich erschweren. Und man kann die Umgebung so stärken, dass mehr Beteiligte erkennen: „Das geht nicht“ – und nicht wegschauen.

Was kann denn da helfen?

Beispielsweise gemeinsame Klassenregeln, Klassenrat, dass man nicht einfach „mitläuft“, sondern Grenzen formuliert. Dann lassen sich solche Regeln auch auf digitale Räume übertragen. Dann ist der Klassenchat nicht ein „rechtsfreier Raum“, sondern Teil eines gemeinsamen Regelwerks. Auch macht es Sinn, wenn z. B. Klassensprecher sich als Sidekick im Klassenchat betätigen und auf die Einhaltung der Regeln achten.

Ihr habt dazu ein eigenes Game entwickelt. Magst du uns etwas dazu sagen?

(lacht) Genau, „Stoppt Mobbing!“ ist ein interaktives Onlinegame. Es soll Jugendliche für das Thema Mobbing und Cybermobbing sensibilisieren. Die Spieler finden sich in einer virtuellen Schule wieder und werden in unterschiedlichen Fallbeispielen mit Gewalt und Mobbing konfrontiert. Natürlich sind sie dabei nicht auf sich gestellt.

Ziel ist es, die Mechanismen von Mobbing zu verstehen und zu erkennen: Welche Rolle hat die Umgebung? Was kann ich tun?

Zielgruppe sind Zehn- bis 16-Jährige. Es sensibilisiert – ohne dass man die Jugendlichen mit Scham oder Angst lähmt.

Derzeit berichten viele Medien über extremistische Strategien im Internet, gerade in Bereichen, in denen Jugendliche viel unterwegs sind, etwa Spieleplattformen. Wie klärt ihr darüber auf?

Das ist leider ein sehr wichtiges Thema: Rechtsextremistische Akteure versuchen auch online Anschluss zu finden – oft über scheinbar „harmloses“ Andocken. Sie posten Codes, Emojis oder erste inhaltliche Signale, testen aus, wer reagiert, und versuchen dann, in andere Chats oder Kommunikationsräume umzuziehen.

Klingt wie Cyber-Grooming …

Ja, ganz ähnlich. Erst Kontakt aufnehmen, dann schrittweise in eine Richtung „umsortieren“. Deshalb ist eine zentrale Präventionsbotschaft: Nicht in jede Gesprächsrichtung mitgehen, nicht auf vermeintliche „Freundlichkeit“ vertrauen, sondern kritisch nachfragen – und vor allem: keine persönlichen Daten oder sensible Informationen teilen. Und bei Spieleplattformen kommt noch etwas dazu: Dort gibt es sehr große Räume, manchmal mit sehr vielen Teilnehmenden. Das macht es schwerer einzuschätzen, wer dahintersteht. Darum ist das „Bauchgefühl“ wichtig – aber eben nicht als Ersatz für Regeln: Jugendliche müssen wissen, was sie tun können, wenn sie etwas Verdächtiges sehen oder angesprochen werden.

Ich kann mein Kind also nicht wie im echten Leben zu 100 Prozent schützen?

Genau. 100-prozentiger Schutz ist nicht möglich. Genauso wenig wie man in der analogen Welt alles verhindern kann. Aber das heißt nicht, dass man nichts tun kann. Der entscheidende Punkt ist: Man kann Kinder und Jugendliche stärken – damit sie Risiken erkennen, Gesprächs- und Meldewege kennen und nicht „überfahren“ werden. Und man kann Erwachsene stärken – durch Aufklärung, Gespräche und Hilfsangebote.

Wenn Eltern oder Pädagogen nach dem Lesen jetzt erst mal denken: „Oh je, das ist viel“ – was gibst du ihnen mit auf den Weg?

Ihr seid nicht alleine! Diese Herausforderungen treffen wirklich jede Familie. Aber Eltern müssen nicht alles alleine stemmen: „klicksafe“ versteht sich als Anlaufstelle – mit Informationen, Gesprächsanlässen und Materialien. Und wenn es ganz konkret wird, gibt es auch Beratungsangebote wie die „Nummer gegen Kummer“.

Die Grundbotschaft ist: Man muss nicht hilflos sein. Es gibt Unterstützung. Gemeinsam mit den Kids kann Schritt für Schritt der sichere Umgang mit der digitalen Welt gelernt werden.

Zur Person

Matthias Heinen ist seit 2022 Referent für Medienkompetenz bei der EU-Initiative klicksafe. Klicksafe ist das deutsche Awareness Centre im Safer Internet Programm der Europäischen Union. Seinen Bachelor und Master in Kommunikations- und Kulturmanagement hat er an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen absolviert. Er lebt in Hamburg.

Anna-Lena Walter
Anna-Lena Walter
Redakteurin Print / Online
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