Wirtschaftspolitik

Außenhandel braucht jetzt klare Entscheidungen

Gastkolumnen · · 3 Min. Lesezeit · von Dr. Hans Fabian Kruse
Containerschiff im Hamburger Hafen
„Aber auch vor der eigenen Tür müssen wir kehren ...!“

Kriege, Handelskonflikte und geopolitische Spannungen verändern den Welthandel grundlegend. Dr. Hans Fabian Kruse erläutert, warum Deutschland und Europa jetzt entschlossener handeln müssen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit und ihren Wohlstand langfristig zu sichern.

Die Welt verändert sich schneller, als viele wahrhaben wollen. Kriege, Zölle, Machtpolitik: Was lange nach Ausnahmezustand klang, ist zur neuen Normalität geworden. Der Außenhandel steht heute unter Druck von zwei Seiten. Angebotsseitig belasten hohe Kosten, Energiepreise und eine Bürokratie, die Unternehmensressourcen bindet, ohne Wertschöpfung zu schaffen. Abnahmeseitig prägen Blockbildung, Handelshemmnisse und geopolitische Unsicherheit die Märkte.

Schon 2025 hat diese Entwicklung schonungslos offengelegt. Der Welthandel wuchs, Deutschland aber verlor an Boden. Exporte gingen zurück, Importe stiegen, der Außenhandelsüberschuss schrumpfte. Besonders deutlich zeigt sich das im Verhältnis zu China: Wir importieren mehr als doppelt so viel, wie wir dorthin exportieren. Das ist ein strategisches Problem mit Folgen für Wachstum, Beschäftigung und Investitionen.

Dr. Hans Fabian Kruse
Dr. Hans Fabian Kruse, Präsident AGA Unternehmensverband Hamburg

Gleichzeitig erleben wir, wie wirtschaftliche Beziehungen instrumentalisiert werden. Die USA nutzen Zölle als Machtinstrument. Der durchschnittliche Zollsatz auf Importe ist binnen eines Jahres von 2,6 auf 18,5 Prozent gestiegen. China setzt auf Monopole bei Rohstoffen, seltenen Erden und zentralen Vorprodukten und weiß um die Wirkung dieser Abhängigkeiten. Der Außenhandel ist längst Teil eines hybriden Konflikts, auch wenn wir ihn noch immer gern als normales Marktgeschehen betrachten. Für 2026 heißt das: Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass offene Märkte von selbst bestehen bleiben. Freihandel braucht heute politische Gestaltungskraft, wirtschaftliche Stärke und strategische Klarheit. Europa spielt dabei die Schlüsselrolle. Mehr als zwei Drittel unseres Handels wickeln wir innerhalb der EU ab. Europa ist unser Heimatmarkt und zugleich unsere wirtschaftliche Lebensversicherung.

Doch dieser Markt muss handlungsfähiger werden. Eine echte Kapitalmarktunion, gemeinsame Energie- und Verkehrsnetze, koordinierte Industrie- und Sicherheitspolitik sind keine Visionen, sondern Voraussetzungen, um in einer Welt der Machtblöcke bestehen zu können. Gleichzeitig brauchen wir eine neue Ehrlichkeit in der Handelspolitik. Freihandelsabkommen dürfen nicht länger an Perfektionismus scheitern. Mercosur, Indien, ASEAN – diese Partnerschaften sind wirtschaftliche Notwendigkeiten. Wer auf globale Standards wartet, bevor er handelt, überlässt anderen das Spielfeld. Europa kann und muss hier seine Potenziale nutzen und stärker werden. Aber auch vor der eigenen Tür müssen wir kehren. Wettbewerbsfähigkeit entsteht im Alltag der Unternehmen. Bürokratieabbau ist kein Schlagwort, sondern eine Überlebensfrage. Energiepolitik braucht Realitätssinn statt Wunschdenken. Sozial- und Arbeitsmarktpolitik muss Leistung wieder stärker belohnen, wenn wir unseren Wohlstand sichern wollen.

„2026 wird kein bequemes Jahr, aber es kann ein entscheidendes werden!“

Dr. Hans Fabian Kruse

In Hamburg zeigt sich aber auch, dass sich Anpassungsfähigkeit auszahlt. Der Hafen gewinnt wieder Marktanteile und das in einem europäischen Umfeld, das von harter Konkurrenz geprägt ist. Neue Allianzen der Reedereien, veränderte Liniendienste und größere Schiffe führen dazu, dass Hamburg langsam wieder stärker in den Fokus der globalen Netzwerke rückt. Die Hansestadt profitiert von dieser Neuordnung und beweist, dass sie mehr ist als ein Standort mit Tradition. Sie ist ein leistungsfähiger Knotenpunkt im internationalen Handel. Das ist ein ermutigendes Signal und zugleich ein Auftrag, diesen Vorsprung zu sichern: mit verlässlicher Infrastruktur, planbaren Investitionsbedingungen und einer Hafenpolitik, die Wettbewerbsfähigkeit nicht verwaltet, sondern aktiv gestaltet.

2026 wird kein bequemes Jahr. Aber es kann ein entscheidendes werden. Ernüchterung ist kein Zeichen von Resignation, sondern der erste Schritt zu klarem Handeln. Der deutsche Außenhandel hat seine Stärke immer aus Anpassungsfähigkeit gezogen. Diese Stärke brauchen wir jetzt dringender denn je.

Artikel teilen