Demografie & Politik

Auswanderung: Wer geht – und wer gestaltet Deutschlands Zukunft?

Tims Thesen · · 2 Min. Lesezeit · von Tim Holzhäuser
Tim Holzhäuser schreibt hier seine monatliche Glosse.
Tim Holzhäuser schreibt hier seine monatliche Glosse.

Steigende Sozialabgaben, der demografische Wandel und politische Entscheidungen zulasten jüngerer Generationen – für Kolumnist Tim Holzhäuser sind das Warnsignale. Seine These: Wenn sich die Rahmenbedingungen nicht ändern, könnte Deutschland genau jene Menschen verlieren, auf die das Land künftig besonders angewiesen ist.

Das neue Jahr hat begonnen und der „Herbst der Reformen“ wurde, wie an dieser Stelle prognostiziert, abgeblasen. Die Kosten der Sozialversicherung steigen, die Jungen müssen zur Musterung; das Dienstjahr für  Rentner bleibt eine Idee. Die Befürchtung, dass in Deutschland nicht mehr alle Bevölkerungsteile mitgedacht werden, erhärtete sich damit. Nahezu alle großen Wirtschaftsforschungsinstitute zeigen sich äußerst kritisch und auch die Wissenschaft meldet sich zu Wort.


Der Soziologe Aladin El-Mafaalani (Professor in Dortmund) sagte in einem Interview: „In fünf bis acht Jahren werden wir die Situation haben, dass die Wahlen durch Rentnerinnen und Rentner entschieden werden. Das heißt also, dass wir dann erstmals die Situation haben, dass die Leute, die die Entscheidungen nicht mehr umsetzen und die nur relativ kurz mit den Entscheidungen leben müssen, entscheiden, was wir tun. Und das ist demokratietheoretisch erstmal eine neue Situation.“ Ein Fatalist könnte nun zu dem Schluss kommen, dass es vorbei ist: Die Demografie hat den älteren Generationen eine Art „Carte blanche“ zugespielt. Wenn unter kommenden politischen Entscheidung die Jungen leiden, dann ist das halt so.

Als Hamburg Ausgangspunkt für Millionen war

Hamburger mit Ortskenntnis wissen allerdings: Nee, ist nicht so.  Denken Sie mal um die Ecke und wenn Sie nicht drauf kommen, dann fahren Sie auf die Veddel in der Ballinstadt – jene Auswandererhallen, die uns noch heute verdeutlichen, was Menschen tun, wenn man ihnen zu dicht auf den Pelz rückt. Zwischen 1850 und 1939 zählte Hamburg über fünf Millionen Menschen, die genug hatten von Unterdrückung und Verfolgung (heute in Deutschland so natürlich nicht gegeben) und einer persönlichen Wirtschaftslage, die als aussichtslos empfunden wurde. Der typische Auswanderer, sagen wir in die USA, sprach kein Wort Englisch, hatte nur vage Vorstellungen vom alltäglichen Leben in New York oder Chicago und war praktisch mittellos. Die Überfahrt verlief riskant und unbequem, dauerte Wochen und kostete ein kleines Vermögen.

Auswandern heute: deutlich einfacher als früher

Der typische heutige Auswanderer spricht ein oder zwei Fremdsprachen, kennt das alltägliche Leben am Zielort aus zahlreichen Urlauben, kann auf ein lokales Netzwerk zählen und muss für das Flugticket zwei Monate auf Restaurantbesuche verzichten. Wir merken: Gemessen an den Hürden rund um 1900 ist Auswandern heute ein Spaziergang. Meine These lautet also, dass Deutschland eine neue Welle an Auswanderung erleben wird. Und dummerweise werden genau die gehen, die das Land braucht. Verhindern ließe sich dies wohl nur durch Selbstentmachtung der Senioren zugunsten einer intakten Gesellschaft.

Tim Holzhäuser
Tim Holzhäuser
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