Bräune um jeden Preis? Was hinter dem Trend Tanmaxxing steckt
Ein möglichst intensiver Teint wird in sozialen Medien wieder zum Schönheitsideal. Unter dem Begriff „Tanmaxxing“ propagieren Influencer gezieltes Bräunen und teils bewusste UV-Exposition. Dermatologin Dr. Elena Kasche-Sölter erklärt, warum der Trend gerade für junge Menschen gesundheitliche Risiken birgt.
Tanmaxxing“ – ein neuer TikTok-Trend – klingt modern und ist dennoch ein altbekanntes Phänomen. Gemeint ist das gezielte Maximieren der Hautbräune: möglichst schnell und intensiv. Ein im August 2026 in Clinics in Dermatology erschienener Fachbeitrag warnt, dass Social-Media-Algorithmen besonders provokante Sonnen-Posts belohnen – und damit Trends wie bewusste UV-Exposition ohne Sonnenschutz und die Verwendung von Tanning Oils zusätzlich befeuern. Wer darüber den Kopf schüttelt, erinnert sich vielleicht an längst vergangene Sommer: Sonnenöl, „Vorbräunen“ und bewusstes Wenden in der Sonne waren normal. Tanmaxxing ist kein neues Schönheitsideal. Neu ist nur das Optimierungsprojekt – mit UV-Index, Tutorials und digitaler Bestätigung.
Medizinisch ist die Sache weniger glamourös. Eine UV-bedingte Bräune ist bereits eine Reaktion auf Zellschädigung. UVB verursacht besonders direkte photochemische DNA-Schäden und Sonnenbrand; UVA dringt tiefer ein und fördert oxidativen Stress, Kollagenabbau, Elastizitätsverlust und Pigmentverschiebungen. Die Ironie: Intensives Bräunen beschleunigt damit jene Hautalterung, gegen die dieselbe Generation Retinoide und aufwendige Skincare-Routinen einsetzt. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist Sonnenschutz in sozialen Medien sehr präsent, die Umsetzung aber nicht immer konsequent. Eine Analyse von 971 reichweitenstarken TikTok-Videos ergab 2026, dass 86,8 Prozent Sonnenschutz bewarben. Die wenigen ausschließlich kritischen Beiträge erzeugten jedoch signifikant mehr Likes, Shares und Kommentare. Unter 691 spanischen Studierenden berichteten 86,7 Prozent mindestens einen Sonnenbrand im Vorjahr; Tanning-Inhalte waren mit einer stärkeren Präferenz für gebräunte Haut assoziiert. Wissen und Verhalten sind eben nicht immer dasselbe.
Besonders widersprechen muss man der online kursierenden Behauptung, Sonnencremes seien „toxisch“. Nach aktuellem Wissensstand sind bei den auf dem europäischen Markt erhältlichen Sonnenschutzmitteln gesundheitliche Beeinträchtigungen nicht zu erwarten; verwendbare UV-Filter werden auf EU-Ebene wissenschaftlich auf ihre Sicherheit bewertet. Sonnenschutz ist trotzdem kein Freifahrtschein für endlose Sonnenexposition. Auch ein „Base Tan“ ist bereits Zeichen einer UV-Schädigung. Sein Eigenschutz ist gering und entspricht nur etwa einem Lichtschutzfaktor von 2 bis 4; vor langfristigen UV-Schäden schützt er nicht.
Bei Solarien gibt es keine Grauzone.
Bei Solarien gibt es keine Grauzone. UV-emittierende Bräunungsgeräte sind von der IARC als krebserzeugend für Menschen – Gruppe 1 – eingestuft. Eine Metaanalyse von 36 Studien mit 14.583 Melanomfällen ergab für Menschen mit jemaliger Solariennutzung gegenüber Nie-Nutzern ein um 27 Prozent erhöhtes Melanomrisiko; früher Beginn und häufigere Nutzung waren mit höheren Risiken verbunden. Dass Menschen trotz besseren Wissens weiterbräunen, liegt möglicherweise nicht nur am Schönheitsideal. Bei häufigem, exzessivem Bräunen gibt es Hinweise auf suchtähnliche Mechanismen: UV-Strahlung kann über Beta-Endorphin- und dopaminerge Belohnungswege wirken; problematisches Tanning weist bei manchen Menschen Merkmale einer Abhängigkeit auf. Gerade angesichts der seit 1999 in Deutschland gestiegenen Melanominzidenz und neuer UV-Trends bleibt die Hautkrebsfrüherkennung ein wichtiger Bestandteil dermatologischer Versorgung.
Der Gemeinsame Bundesausschuss entwickelt derzeit die Evaluation des gesetzlichen Hautkrebsscreenings weiter; der Bericht für die Datenjahre 2019 bis 2025 ist für Ende 2026 angekündigt. Früherkennung bietet zugleich die Gelegenheit, individuelle UV-Risiken anzusprechen. Das Schönheitsideal gesunder, gepflegter Haut müssen wir jungen Menschen nicht beibringen. Es ist längst da. Vielleicht besteht die zeitgemäße Antwort auf Tanmaxxing deshalb nicht in weniger, sondern in konsequenterer Eitelkeit: Wer Zeit und Aufmerksamkeit in gute Haut investiert, sollte den wirksamsten Anti-Aging-Schritt nicht vergessen – UV-Schäden möglichst gar nicht erst entstehen zu lassen.