Das Problem mit dem Volksentscheid
Die Debatte um eine Olympia-Bewerbung führt schnell zu einem Volksentscheid. Doch wie belastbar sind solche Entscheidungen eigentlich, wenn selbst Fachleute viele Entwicklungen kaum sicher vorhersagen können?
Tim zu Olympia – das hat gerade noch gefehlt!“, denken jetzt einige. Aber keine Sorge, ich werde meine Meinung über pro und kontra raushalten, weil ich mich für inkompetent halte. Aber ich werde am Ende zwei Thesen zu der Frage formulieren, wer kompetent ist und ob es letztlich klappt mit der Bewerbung.
Ich erinnere mich, dass mein Kollege Helmut Schwalbach (leider verstorben), mich anlässlich der ersten Bewerbung 2015 fragte: „Bist du für Olymipa, bist du gegen Olympia, oder ist es dir scheißegal?“ „Ist mir egal“, antwortete ich damals wahrheitsgemäß. Nichtsportler halt. Auch Fußball ist mir egal. Letztens habe ich in der Eckkneipe Rafael van der Vaart als Tennis-Profi bezeichnet, weil der Name nach weißen Reeboks klingt. Statt mit Ballsport beschäftige ich mich immer wieder mal – berufsbedingt – mit Statistiken, Umfragen, Erhebungen, Analysen und ähnlichem. Seit einigen Jahren verspüre ich ein leichtes Schaudern, wenn ich das Wort „Volksentscheid“ lese.
Der Komiker Ricky Jervais sagte einmal sinngemäß: Wir leben in einem Land, in dem Chlorbleiche mit einem Warnhinweis versehen wird – Nicht trinken! Wir sollten diesen Hinweis entfernen. Dann warten wir zwei Jahre ab und erst dann können wir das Volk zu schwierigen Themen befragen.
Jervais wird den Gag unter Einfluss des Brexit geschrieben haben. Der erzeugt heute eine gewisse Schadenfreude – aber wir sollten uns nicht allzu selbstgefällig im Spiegel anlächeln. Es gibt unzählige Beispiele aus Deutschland, bei denen Normalos über hochgradig komplexe Themen abgestimmt haben und hinterher kam heraus: Niemand hatte einen Schimmer. Beispiele sind Stuttgart 21, Tempelhof, die Euro-Rettung während der Schuldenkrise ab 2010 oder die Migrationsdebatte 2015/16.
Gefühl schlägt Fakten
Oder nehmen Sie die polizeiliche Kriminalitätsstatistik, die keine Aussagen enthält über die reale Veränderung von Kriminalität. Die Polizei weist immer und immer wieder auf die eingeschränkte Aussagekraft der Statistik hin – aber davon will niemand auch nur ein Wort hören. Messerkriminalität in Hamburg zurückgegangen? Nee, neulich ist wieder einer abgestochen worden. Einbruchskriminalität gesunken. Nein, bei Erwin neulich, im Schrebergarten! Aufklärungsquote gestiegen? Quatsch, keinen erschwischen die! Als ich letztens versuchte, einer Freundin zu beweisen, dass Hamburg ein ausgesprochen sicheres Pflaster sei, da antwortete sie: „Das fühle ich aber anders.“
Seien wir also ehrlich: Wir wissen nicht, ob es sinnvoll ist, Olymipa nach Hamburg zu holen. Das Projekt ist so groß und liegt in so weiter Ferne, dass alle, vom Pförtner bis zum Bürgermeister, in dichtem Nebel stochern. Statt Volksentscheid könnte man ebensogut eine Bürokratenkommission einsetzen, die Olympia in Hamburg durchrechnet und dabei nicht alle fünf Minuten irgendetwas versprechen muss. Wenn dann die Chancen die Risiken signifikant übersteigen, dann sollte man es durchziehen. Peter Tschentscher würde sich vor die Kameras stellen und sagen: „Hamburg bewirbt sich um Olympia, weil es viel zu gewinnen gibt. Punkt. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.“ Allerdings wissen wir auch, was dann folgen würde, oder? Jemand würde eine Bürgerinitiative gründen mit welchem Ziel? Richtig, ein Volksentscheid.
Also, These 1: Niemand ist kompetent.
These 2: 55 Prozent pro Olympia.