Kommt das „gute“ Internet?
Elon Musks Chatbot, Deepfakes und immer extremere Inhalte werfen eine grundsätzliche Frage auf: Steuert das Internet auf eine Spaltung zu? Die These dieser Kolumne: Künftig könnten sich digitale Welten immer stärker nach den Interessen ihrer Nutzer voneinander trennen.
Neulich fiel mir auf, dass meine alten Roeckl löchrig wurden. Also kaufte ich bei Manufactum ein paar Handschuhe aus Pferdeleder, made in Austria. Super-Teile, klare Empfehlung. Später dann Zeitungslektüre der Debatte rund um Elon Musks neuen Chatbot „Grok“. Ich habe an dieser Stelle schon einmal bemerkt, dass ich den Genie-Kult um Musk absurd finde und ihn eher als einen von Glück, Nepotismus und Massenhysterie nach oben gespülten Exzentriker sehe. Diese Ansicht bestätigt sich beängstigend oft, dazu gleich mehr.
Zu Grok: Der Chatbot ist bei Musks Plattform X fest eingebaut und diente offenbar dazu, in nie gekannter Geschwindigkeit Deepfakes zu generieren – oft sexuelle Inhalte, oft mit Personen des öffentlichen Lebens oder mit Minderjährigen. Grok ist in einigen Ländern verboten worden und könnte auch in Deutschland abgeklemmt werden. Musk entschärfte daraufhin den Bot und krähte über „faschistische Zensur.“ (Logisch: Ein antifaschistischer Akt ist, wenn jedermann Pornos und Verschwörungstheorien in überzeugender Weise herstellen und verbreiten kann.)
Das Internet teilt sich auf
Aber gehen wir davon aus, dass Bots wie Grok tatsächlich in den meisten Ländern eingeschränkt oder verboten werden. Was bringt uns das? Nichts. Die Technologie ist ja aus dem Sack und es dürfte eine Zeitfrage sein, bis sie nicht mehr vernünftig zu regulieren ist. Was passiert dann mit dem Internet? Nehmen wir das Beispiel X, vormals Twitter. Die Plattform wuchs stürmisch bis zur Übernahme durch Musk, der sie sofort durch dumme Entscheidungen wie die Umbenennung in X beschädigte. Ab 2022 wurde die Moderation heruntergefahren, um mehr extremistische Inhalte zu ermöglichen. Die Nutzerzahlen gingen daraufhin leicht zurück. Es gab jedoch nie den gewaltigen Einbruch, und heute erreicht X schätzungsweise eine halbe Milliarde Menschen pro Monat. Die Umwandlung eines Messenger-Dienstes in eine Dreckschleuder kann also, betrachtet man die breite Masse, relativ folgenlos bleiben. Andererseits haben sich abseits der Masse Teile einer Bildungselite von X verabschiedet. Das illustrieren Wachstumszahlen bei anderen Diensten wie Bluesky.
Meine These ist daher eine Aufspaltung des Internets, analog zum TV der 90er-Jahre. Damals gab es trashige Privatsender, die das Massenpublikum mit Blut, Sex und Gaga versorgten, während schnöselige Redakteure, die ihre Handschuhe bei Manufactum kaufen, Sender wie 3Sat oder Arte einschalteten. Vielleicht gibt es also in naher Zukunft nicht nur DAS Internet und DAS Darknet, sondern weitere Alternativen – bevölkert mit Suchmaschinen und Social-Media-Plattformen, die sich dezidiert an eine kleine, aber reflektierte Klientel wenden.