Petition für Teilhabe

Petition zur Schulbegleitung: Eine Stimme wird zu 88.409

Gastkolumnen · · 3 Min. Lesezeit · von Nicole Singh
Nicole Singh und Schulsenatorin Ksenija Bekeris
Nicole Singh übergibt Schulsenatorin Ksenija Bekeris 88.409 Unterschriften gegen die Veränderungen bei der Schulbegleitung.

Was als Initiative einer einzelnen Schulbegleiterin begann, erreichte mehr als 88.000 Unterstützer: Nicole Singh übergab ihre Petition am Dienstag, 15. September 2026, an Schulsenatorin Ksenija Bekeris. In ihrem Gastkommentar schildert sie, was sie antreibt – und warum sie die Übergabe erst als Anfang sieht.

Wenn mir vor ein paar Monaten jemand gesagt hätte, dass ich eines Tages mit mehr als 88.000 Unterschriften im Gepäck vor der Schulsenatorin stehen würde, hätte ich wahrscheinlich nur den Kopf geschüttelt. Ich bin Schulbegleiterin. Ich mache diesen Beruf, weil ich Kinder begleiten und ihnen Teilhabe ermöglichen möchte. Ich sehe jeden Tag, was Schulbegleitung bedeuten kann: Sicherheit, Orientierung, Vertrauen und manchmal überhaupt erst die Möglichkeit, gemeinsam mit anderen Kindern lernen zu können.

Als die Diskussion um Veränderungen und mögliche Kürzungen bei der Schulbegleitung aufkam, habe ich irgendwann gedacht: Wir können nicht immer nur darüber reden. Wir müssen unsere Stimmen hörbar machen. Also habe ich die Petition gestartet. Ganz am Anfang war das tatsächlich meine eigene Initiative. Ich wusste nicht, wie viele Menschen sie erreichen oder ob überhaupt jemand unterschreiben würde.

Doch dann begann etwas, womit ich so nicht gerechnet hatte. Immer mehr Menschen meldeten sich bei mir. Familien erzählten mir ihre Geschichten, Schulbegleiterinnen und Schulbegleiter teilten ihre Erfahrungen und nach und nach entstanden Kontakte zu Organisationen und Verbänden. Ich bekam tolle Unterstützung von Change.org, Autismus Hamburg, dem FASD-Fachzentrum Hamburg, der GEW Hamburg, dem SoVD, der Elternkammer Hamburg und dem KER SO. Aus einer Idee, mit der ich alleine angefangen hatte, wurde dadurch Schritt für Schritt eine gemeinsame Stimme.

Und irgendwann standen dort 88.409 Unterschriften. Für mich ist diese Zahl aber nicht einfach eine Zahl. Hinter jeder Unterschrift steht ein Mensch. Eine Familie. Ein Kind. Eine persönliche Geschichte.

Deshalb war es mir bei der Übergabe besonders wichtig, nicht nur die Unterschriften zu übergeben. Ich wollte die Menschen dahinter sichtbar machen. Ich hatte persönliche Briefe von Familien dabei, die mir geschrieben haben, was Schulbegleitung für sie bedeutet und welche Sorgen sie mit möglichen Veränderungen verbinden. Diese Briefe zu lesen, war für mich teilweise sehr emotional. Denn hinter Diskussionen über Stundenkontingente, Kosten und Bewilligungsverfahren stehen Kinder, die ganz konkret betroffen sind.

Am 15. September 2026 durfte ich diese Stimmen persönlich an Senatorin Ksenija Bekeris übergeben. Nach all den Wochen, in denen ich für dieses Thema gekämpft, gesprochen, geschrieben und Menschen zusammengebracht hatte, war es ein besonderer Moment, tatsächlich gemeinsam mit der Politik an einem Tisch zu sitzen. Das Gespräch war intensiv und konstruktiv. Unterschiedliche Perspektiven wurden angesprochen, konkrete Probleme aus der Praxis benannt und es wurde zugehört. Für mich besonders wichtig: Die noch offenen Fälle bei der Bewilligung von Schulbegleitungen sollen bis zu den Herbstferien bearbeitet werden. Auch über mehr Klarheit und Transparenz bei den Verfahren wurde gesprochen.

Das bedeutet für mich nicht, dass jetzt alles geschafft ist. Im Gegenteil: Die Übergabe war kein Ende. Sie war ein Anfang. Ich möchte, dass wir weiter miteinander im Gespräch bleiben. Nicht nur über Zahlen und Strukturen, sondern über die Realität in unseren Schulen. Über Kinder, Eltern, Lehrkräfte und Schulbegleiterinnen und Schulbegleiter. Ich weiß, dass Politik Entscheidungen treffen und Strukturen weiterentwickeln muss. Aber ich wünsche mir, dass bei diesen Entscheidungen diejenigen im Mittelpunkt stehen, um die es eigentlich geht: die Kinder.

Ich habe diese Petition als einzelne Schulbegleiterin begonnen. Ich wusste nicht, wohin mich dieser Weg führen würde. Heute weiß ich: Eine einzelne Stimme kann etwas bewegen. Und 88.409 Stimmen zeigen, wie viele Menschen dieses Thema bewegt. Und deshalb werde ich weiter im Gespräch bleiben. Für die Kinder. Für ihre Familien. Für echte Teilhabe. Denn am Ende geht es nicht nur um Schulbegleitung als System. Es geht um Menschen. Und um Kinder, die die gleiche Chance auf Bildung und Teilhabe verdienen wie jedes andere Kind.

Schulbegleitung

Schulbegleitungen ermöglichen Kindern mit Unterstützungsbedarf die Teilhabe am Schulalltag. Veränderungen bei Bewilligung und Einsatz der Begleitpersonen haben in Hamburg Protest ausgelöst. Dabei sollen Begleitpersonen künftig stärker mehrere Kinder unterstützen, während der individuelle Hilfebedarf weiterhin Grundlage der Bewilligung bleibt.

Artikel teilen