Viele Krankheitstage, viele Arztbesuche: Sind die Deutschen wirklich besonders krank?
Sind die Deutschen tatsächlich besonders krank? Die Statistik spricht zumindest nicht eindeutig dafür. Während die Zahl der erfassten Krankheitstage gestiegen ist, liegt Deutschland im europäischen Vergleich nur im Mittelfeld. Bei den Arztbesuchen dagegen steht das Land weit oben – und genau darin liegt ein Teil des Problems.
Die Wirtschaft schwächelt, die Kassen sind leer und auch mit der Reputation steht es nicht mehr zum Besten. In der aktuellen Debatte rund um unsere Sozialsysteme beklagen Stimmen in der Politik, dass die Deutschen lifestyle-orientierte krankfeiernde Faulpelze sind, die zwecks Alibis auch ständig zum Arzt rennen. Sie erkennen an meinen polemischen Formulierungen, dass ich diese Klagen für Stuss halte. Die These für August ist demnach auch dies: Die Deutschen sind so faul/fleißig und krank/gesund wie andere Europäer. Vermeintliche Krankheiten und Arztbesuche sind zum großen Teil hausgemachte Phänomene, die sich auf jene üble Kraft zurückführen lassen, die hier häufig eine Hauptrolle spielt: die Bürokratie.
Bei den Krankheitstagen reicht ein Blick in die Statistik: Deutschland ist im europäischen Vergleich keineswegs auf Platz eins, sondern auf Platz sieben, hinter Portugal, Frankreich und Belgien. Unstrittig ist der Anstieg der Krankheitstage, aber er hat eben keineswegs zu einem Spitzenplatz geführt und ist laut Fachleuten auch auf statistische Effekte zurückzuführen. So wurde 2022 die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) eingeführt. Seitdem gibt es eine lückenlose Erfassung ohne verlorene oder vergessene gelbe Zettel. Hinzu kam bekanntlich die Corona-Pandemie. Aber nochmal: All das hat zu Platz sieben geführt, nicht zum Spitzenrang. Auf dem ist Deutschland bei der Anzahl der Arztbesuche. Während Schweden viermal zum Arzt gehen, sitzen wir zehnmal pro Jahr in der Praxis.
Schon jetzt sollte man aufmerken...
Schon jetzt sollte man aufmerken: Wie passt der Spitzenplatz beim Arztbesuch mit Mittelfeld bei den Krankentagen zusammen? Da stimmt doch etwas nicht. In der Tat. Nach jahrzehntelangem Herumfuhrwerken muss ich mich im August einer winzigen OP an der Hand unterziehen. Wir sprechen von einem Ein-Zentimeter-Schnitt, lokaler Betäubung, 20 Minuten Dauer. Ich dachte an einen kleinen Termin, bisschen Zeitungslektüre, dann schnipp-schnapp und Mittagessen zu Hause. Von wegen: Narkosegespräch am Mittwoch, Operation am Donnerstag, Verband wechseln am Freitag. Nach zehn Tagen Nachsorge. Ich mache hier explizit nicht die Praxis verantwortlich; die haben ihre Richtlinien. Diese Richtlinien sorgen für vier Arztbesuche für einen Schnitt. Wenn ich dann noch zweimal zum Zahnarzt zur Kontrolle gehe, dann habe ich Spanien, Italien, Frankreich und Belgien hinter mir gelassen. Wer jetzt noch Kinder hat, der bekommt ein bis zwei grippale Infekte pro Jahre und muss sich krankschreiben lassen. Damit hat er dann Polen, Tschechien, die Niederland und Ungarn überholt. Zu meiner These passt auch, dass die kranken, faulen Deutschen bei der Lebenserwartung ebenfalls keine Extremplätze besetzen, sondern das Mittelfeld.
Im Ergebnis halte ich es für wahrscheinlich, dass es vielleicht eine ortstypische Weinerlichkeit gibt. Die Vorstellung des kranken Deutschen hingegen ist Fantasy. Es könnte sich auch um eine weitere Nebelkerze handeln, die von der wahren Misere ablenkt: Die Boomer gehen in Rente. Immer noch. Sie werden das auch nach der 15. Diskussion um Krankschreibung per Telefon tun und irgendwann wird man sich darum kümmern müssen. Irgendwann.