Digitalisierung

Warum wir E-Mails mit dem Auto zustellen

Tims Thesen · · 3 Min. Lesezeit · von Tim Holzhäuser
Verzweiflung am Schreibtisch
Zwischen Technikbegeisterung und Totalverweigerung liegen im Alltag oft nur wenige Mausklicks.

Wer Technik konsequent ignoriert, lebt nicht automatisch entspannter. Manchmal wird das Leben sogar komplizierter – für sich selbst und für alle anderen. Eine Kolumne über Fernsehzeitschriften, ausgedruckte Word-Dateien und E-Mails, die mit dem Auto zugestellt werden.

Neulich war ich bei einem Freund im Wohnzimmer: Couchecke, Glotze, Hausbar, teures Fahrrad an der Wand, Balkon zum Rauchen. Auf dem Couchtisch lag zwischen Gläsern eine Zeitschrift, die mich an Oma erinnerte.„Was ist das?“, fragte ich, mehr aus beruflicher Neugier, denn aus ehrlichem Interesse und griff danach. Eine Fernsehzeitschrift. Ich: „Du kaufst Fernsehzeitschriften?“ Er: „Joa, man will ja wissen, was so läuft. „Dir ist schon klar, dass es gewisse Dienste gibt, die für wenig Geld ohne Werbung, alles frei Haus ...“„Ach, ich bin da altmodisch.“

Nächster Tag in einem Büro. Eine Person mit Leitungsfunktion, nennen wir sie Eva, liest einen Word-Text. Eva druckt den Text aus und korrigiert zwei Fehler mit einem roten Stift. „Warum machst du das?“, fragt jemand. „Geht schneller!“ Dann fotografiert Eva den Ausdruck mit ihrem Handy, schickt das Bild per E-Mail an ihren Bürorechner. Dort sucht sie das Bild einige Minuten lang, findet es, schreibt eine weitere E-Mail und fügt das Foto dort ein. Ein Zimmer weiter führt eine andere Person ein Interview per Teams-Video-Call mit einer Spitzenpolitikerin. Teams transkribiert das Gespräch zeitgleich. Nach Ende des Interviews geht das Transkript an eine KI, die alle Sprecher mit Namen benennt, alle „ähms“ rauswirft, die Grammatik glättet und eine saubere Schriftfassung zum Redigieren liefert. Beide Aktionen, die Korrektur des Wordtextes und das Interview, sind real und beide haben etwa 40 Minuten in Anspruch genommen.

Ein weiteres Beispiel ist die Übermittlung von Kleinanzeigen. Es gibt dafür eine simple E-Mail-Adresse: kleinanzeigen@kloenschnack.de. Die Mehrheit der Gesuche und Angebote kommt über diese E-Mail, aber es gibt auch Leute, die setzen sich in Schenefeld ins Auto, wühlen sich durch den Verkehr bis nach Blankenese an die Elbchaussee, tauchen dann am Empfangstresen auf, um die Kleinanzeige persönlich zu diktieren.

Warum wir uns verweigern

Nun könnte man all das als Anekdoten abtun. Mein Eindruck aber ist, dass die Anzahl der Totalverweigerer in Sachen Technik wächst und dass es nicht mehr nur am Alter liegt. Es gibt unzählige Senioren, die reibungslos mit Alltagstechnik klarkommen und völlig abgemeldete 50er. Die Nachteile des Abmeldens liegen auf der Hand: Die Welt wird kleiner, die Möglichkeiten schwinden und damit auch die Chance, sich auf die Dinge zu konzentrieren, die wichtig sind. Ironischerweise schildern es die Verweigerer manchmal genau umgekehrt. Aber anstatt die Kinder zum Grillen in die Kiesgrube zu fahren, transportieren sie eine E-Mail mit dem Auto von Schenefeld nach Blankenese.

Woran liegt das? Überforderung? Angst? Beides könnte eine Rolle spielen. Hier und da vermute ich aber – und das ist die These – eine Mischung aus Egozentrik und Ignoranz. Die Agenda lautet dann ungefähr so: Ich lerne ab jetzt nichts mehr, woraufhin mein Leben komplizierter wird. Ich erwarte aber, dass sich permanent Menschen finden, die mir mit unbegrenzter Zeit und Energie helfen, Dinge trotzdem zu erledigen. Ich erwarte weiterhin, dass sie die Folgen meines Abmeldens ohne Murren tragen, selbst wenn ich durch meine Handlungen deren Leben verkompliziere. Verstehen Sie mich nicht falsch: Wenn jemand überfordert ist, dann sollten wir helfen. Wenn aber jemand ohne Not entscheidet, als eine Art Lebensstil, er müsse das alles nicht – dann könnten alle Umstehenden irgendwann sagen: Wir müssen auch nicht.

Tim Holzhäuser
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