Weinwissen

Wie der Klimawandel den Weinbau verändert

Gastkolumnen · · 4 Min. Lesezeit · von Gerd Rindchen
Weinberg mit Rebstöcken.
Steigende Temperaturen verändern den Weinbau in Europa und verlagern Anbaugebiete zunehmend in kühlere Regionen.

Der Klimawandel ist längst im Weinbau angekommen. Anhand seiner jahrzehntelangen Erfahrung zeigt Gerd Rindchen, wie sich Anbaugebiete, Lesezeiten und Weinstile verändert haben – und warum diese Entwicklung kaum deutlicher für den Wandel des Klimas stehen könnte.

Es beispielsweise bis ins höchste Staatsamt der USA schaffen oder als Partei in der jahrzehntelang als sittlich und demokratisch gefestigt geltenden Bundesrepublik mal eben 28 Prozent der Wählerstimmen, in einschlägig bekannten Bundesländern eventuell sogar die Mehrheit erlangen.

Porträt von Gerd Rindchen.
Gerd Rindchen gehört zu den prägenden Persönlichkeiten der Hamburger Weinszene und gründete 1978 Rindchen's Weinkontor.

Dabei gibt es zahlreiche Belege dafür, dass der Klimawandel unter uns weilt – und gekommen ist, um zu bleiben. Eines davon ist die Entwicklung im Weinbau. Diese verfolge ich seit gut 50 Jahren aus erster Hand mit, weil ich im Jahr 1977, damals primär mit den Jahrgängen 1974 – 1976, begann, deutsche Weine zu vermarkten. Seinerzeit war die Weinwelt in Deutschland wohl geordnet: In der Pfalz wuchsen die „großen“ Weine nahezu ausschließlich in den klimatisch wärmsten und geschütztesten Lagen an der Mittelhaardt. In Gemeinden wie Deidesheim, Wachenheim und Forst waren es vor allem die „Großen 3 B“ Bürklin-Wolf, Bassermann-Jordan
und Reichsrat von Buhl neben ein paar anderen, die aus Renommierlagen wie Forster Ungeheuer, Kirchenstück oder Jesuitengarten die bedeutendsten Weine der Region erzeugten.

Aus Rheinhessen gab es ein paar Renommierlagen am Roten Hang rund um Nierstein, ansonsten: Spitzenlagen weitestgehend Fehlanzeige. Die Gebiete wie die Südliche Weinstraße oder, am anderen Ende, die sogenannte Oberhaardt rund um Grünstadt sowie das weitläufige rheinhessische Hügelland, galten als „Paria-Lagen“ wo hart arbeitende, zumeist nicht sonderlich begüterte Winzerlein Jahr um Jahr darum bangten, dass ihre Weine die nötige Reife erlangten. Und selbst wenn, war der Leszeitpunkt im Schnitt mindestens drei Wochen später als heute. Rheinhessen-Winzer Heinz-Günther Hauck aus Bermersheim erinnert sich noch mit Schaudern an den letzten richtig kühlen Jahrgang 1984: „Damals musste ich versuchen, aus einem Riesling mit 18 Promille Säure etwas Trinkbares zu zaubern.“ Zum Vergleich: Normalerweise liegt Riesling heutzutage voll ausgereift bei 7 bis 8 Promille Säure. Heute kommen aus diesen Gegenden, die ich schon in meinen Anfängen hoch spannend fand, anerkanntermaßen mit die besten Weine der Republik.

Während die großen alten Betriebe an der Mittelhaardt in warmen Jahren um jedes Gramm Säure ringen und – zugegebenermaßen – immer noch große Weine produzieren, kommen mittlerweile einige der besten Weine von der Südlichen Weinstraße (Rebholz, Becker), der Nordpfalz rund um Freinsheim und Herxheim am Berg (Rings, Knipser, Gabel) oder aus dem einst geschmähten Rheinhessischen Hügelland (Keller, Wittmann, Groebe, Wagner-Stempel). Dazu in all diesen Gebieten jede Menge spannende Newcomer. Kurios: Das längst nicht mehr existierende Weingut Kurt Umstadt aus Hohen-Sülzen, von dem die älteste an mich adressierte Weinrechnung vom 7.4.1977 stammt, heißt heute Battenfeld-Spanier und erzeugt einige der kostbarsten Rieslinge der Welt.

Da hatte ich wohl schon mit 18 das richtige Gespür. An der Mosel, früher vor allem bekannt für hochrangige Süßweine aus Riesling, war bis 1984 sogar noch die sogenannte „Nassverbesserung“ erlaubt, bei der man Wein mit bis zu einem Drittel Zuckerwasser strecken durfte, um die hohe Säure zu mildern.

... heute wird unter glühend heißer Sonne gestöhnt.

In Baden, dass als einziges deutsches Weinbaugebiet in Europa der warmen Weinbauzone B angehört (alle anderen gehören zur kühleren Zone A), warb man früher stolz mit dem Slogan „Von der Sonne verwöhnt“ während heute oft unter der gleißenden Sonne gestöhnt wird. Und in ganz Europa ist dort eine Abwanderung des Weinbaus in kühlere Höhenlagen zu beobachten, wo man eine rassige, animierende Weinstilistik anstrebt. Schon vor gut 20 Jahren prophezeite der verstorbene Weinjournalist Mario Scheuermann zu Recht: „Die Zukunft des deutschen Rieslings liegt in nordhessischen Streuobstwiesen.“ Vorletztes Jahr fand im Restaurant Hygge in Hamburg die erste Weinpräsentation auf deutschem Boden des Dänischen Weinbauverbandes statt – und einige der spannendsten Schaumweine der neueren Zeit, übrigens zum Teil von namhaften Champagnerproduzenten erzeugt, kommen aus Südengland.

Aber das Ringen um die Säure in Deutschland ist ein kleines Problem gegenüber manchen Regionen in Südeuropa, die in den nächsten Jahrzehnten zu versteppen und wüstenartigen Bedingungen anheimzufallen drohen.

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