Wir dürfen Kinder nicht vergessen
Kinder brauchen Schutz, Beteiligung und faire Chancen – doch für viele Familien ist das keine Selbstverständlichkeit. Ralf Slüter, Geschäftsführer des Kinderschutzbundes Hamburg, erklärt, warum Kinderrechte im Alltag stärker gelebt werden müssen und welche Rolle dabei die Gesellschaft spielt.
Es ist kurz nach 14 Uhr. Die Schultasche landet in der Ecke, am Tisch sitzen schon andere Kinder und Jugendliche. Erst gibt es etwas zu essen, dann werden Hausaufgaben gemacht. Später bleibt Zeit zum Spielen, Reden und auch zum Durchatmen. Für viele ist das mehr als ein schöner Nachmittag – es ist ein Ort, an dem sie sich sicher fühlen, Unterstützung bekommen und einfach Kind sein können.
Solche Orte schafft der Kinderschutzbund Hamburg jeden Tag. Wir begleiten junge Menschen und Familien, hören zu, unterstützen und schaffen Räume, in denen Entwicklung möglich wird. Unser Ziel ist klar: Jedes Kind und jeder Jugendliche soll gesund, sicher und mit guten Perspektiven aufwachsen.
Doch die Umsetzung der Kinderrechte ist auch heute keine Selbstverständlichkeit. Jedes Kind hat das Recht auf Schutz, Bildung, Beteiligung und ein Aufwachsen ohne Armut und Gewalt. Diese Rechte dürfen nicht nur auf dem Papier stehen – sie müssen im Alltag spürbar sein.
Armut belastet Familien und Kinder
Gerade das ist für viele Familien eine Herausforderung. In Hamburg gelten rund 58.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren als armutsgefährdet – mehr als jedes fünfte Kind. Armut bedeutet weit mehr als fehlendes Geld. Sie belastet Familien, schränkt Bildungs- und Freizeitmöglichkeiten ein und erhöht den Druck im Alltag. Deshalb bieten wir verlässliche Orte mit Gemeinschaft, einer warmen Mahlzeit, Unterstützung beim Lernen und Zeit zum Spielen. Eltern begleiten wir mit Beratung und unseren Kursen „Starke Eltern – Starke Kinder“, die sie darin unterstützen, Konflikte gewaltfrei zu lösen und ihre Kinder respektvoll zu begleiten.
Denn trotz des gesetzlichen Rechts auf eine gewaltfreie Erziehung erleben noch immer viele junge Menschen körperliche oder seelische Gewalt. Erschreckend ist auch, dass ein Teil der Bevölkerung körperliche oder emotionale Strafen weiterhin für angemessene Erziehungsmaßnahmen hält. Gleichzeitig können Überforderung, finanzielle Sorgen oder andere Belastungen Familien an ihre Grenzen bringen. Das entschuldigt keine Gewalt – zeigt aber, wie wichtig frühzeitige Unterstützung ist. Der Kinderschutzbund hilft Eltern, gewaltfrei zu erziehen, unterstützt Betroffene und setzt sich ein, wenn das Kindeswohl gefährdet ist. Das Recht auf ein gewaltfreies Aufwachsen darf nicht infrage gestellt werden.
Kinder stärken heißt Demokratie stärken
Kinder und Jugendliche brauchen Menschen, auf die sie sich verlassen können. Sie brauchen Vertrauen, Ermutigung und Orientierung. Wer erlebt, dass Erwachsene zuhören, Grenzen fair setzen und die eigene Meinung ernst nehmen, entwickelt Selbstvertrauen und übernimmt Verantwortung. Beteiligung und Mitbestimmung sind deshalb für uns keine Extras, sondern Voraussetzung für eine demokratische Gesellschaft.
Diese Erfahrungen sind heute wichtiger denn je. Junge Menschen wachsen in einer Zeit auf, die von Kriegen, wirtschaftlicher Unsicherheit und den Folgen des Klimawandels geprägt ist. Das Deutsche Schulbarometer (März 2026) zeigt, dass sich jede vierte Schülerin und jeder vierte Schüler psychisch stark belastet fühlt. Umso wichtiger sind Orte, an denen sie Halt finden und erleben, dass sie nicht allein sind.
Wer Kinder und Jugendliche stärkt, stärkt auch unsere Gesellschaft. Wer erfährt, dass die eigene Stimme zählt und die eigenen Rechte geachtet werden, übernimmt eher Verantwortung und gestaltet unsere Demokratie mit – nicht erst mit dem Wahlrecht, sondern jeden Tag im Miteinander.
Der Kinderschutzbund Hamburg setzt sich gemeinsam mit haupt- und ehrenamtlich Engagierten, Unterstützerinnen und Unterstützern sowie Spenderinnen und Spendern dafür ein, dass Kinder und Jugendliche sicher aufwachsen und ihre Rechte verwirklichen können. Denn eine kinderfreundliche Gesellschaft entsteht nicht von allein – sie ist eine gemeinsame Aufgabe. Wir freuen uns über alle Menschen, die sich beteiligen, mit uns ins Gespräch kommen und diesen Weg gemeinsam mit uns gehen möchten.