„Die Leute wollten vergessen“: Blankenese nach dem Krieg
Blankenese blieb im Zweiten Weltkrieg von größeren Zerstörungen weitgehend verschont. Doch Wohnungsnot, Hunger und die schwierige Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit prägten auch hier die Nachkriegsjahre. Eine Ausstellung des Fördervereins Historisches Blankenese im Gemeindehaus der Kirche am Markt zeichnet die Zeit vom Mangel bis zum gesellschaftlichen Neuanfang nach.
Es gab im Zweiten Weltkrieg kaum Bomben auf Blankenese. Die Post wurde getroffen (wo heute der Martini-Block steht) und im Oktober 1944 die Gorch-Fock-Schule, das war es fast. Im Treppenviertel waren auf den ersten Blick kaum Kriegsspuren zu entdecken. Aber ansonsten hatten die Blankeneser mit den gleichen Mängelpro-blemen und der Vergangenheit zu kämpfen wie in anderen Stadtteilen. Das wird deutlich in der am Mittwoch, 9. September 2026, beginnenden Ausstellung des Fördervereins Historisches Blankenese, die bis Freitag, 30. Oktober 2026, im Gemeindehaus der Kirche am Markt stattfindet.
Es gab wie überall Holzdiebstähle und Plünderungen auf den Kohlezügen am Blankeneser Güterbahnhof – weil ansonsten die Häuser und Wohnungen kaum beheizt werden konnten. Es gab bis Ende der 40er-Jahre von der Gemeinde vermietetes Grabeland in den Parks (Goßlers-, Hesse- und Hirschpark), wo man Gemüse anbauen konnte. Hamburgs Bürgermeister Max Brauer sagte angesichts der knapp bemessenen Lebensmittelkarten: „Mit 800 bis 1200 Kalorien lässt sich weder eine Stadt noch eine demokratische Ordnung wiederaufbauen.“
„Mit 800 bis 1200 Kalorien lässt sich weder eine Stadt noch eine demokratische Ordnung wiederaufbauen.“
Groß war auch die Wohnraumnot im Ortsamts-Gebiet, dass durch die Zuwanderung von Flüchtlingen und Ausgebombten zwischenzeitlich von 13.000 auf 31.000 Einwohner anstieg. Es gab nicht nur viele Baracken, sondern auch amtlich verfügte Einquartierungen. Die englischen Besatzer haben sich ein paar Villen gesichert und zum Teil für ihre Landsleute sogar gebaut. In der Bargfredestraße hießen diese Häuser „Engländer-Block“.
Schlimm waren die Anfänge in den Schulen, wo ab 6. August 1945 von 8 bis 19 Uhr in mehreren Schichten Klassen unterrichtet wurden. Der Westflügel der Gorch-Fock-Schule war fast komplett zerstört, dem Ostflügel fehlte das Dach und überall Türen und Fenster. Bei Regen konnte dort kein Unterricht stattfinden, weil Kinder und Lehrkräfte dann im Wasser standen. Nur die Heizung ging. Lehrer und Eltern haben zum Teil sogar ihre Wohnungen zum Unterricht zur Verfügung gestellt für die auf 2.000 Schüler angewachsenen Gemeinde. Manche Schulen mussten gegen Ende des Krieges als Wehrmacht-Lazarette dienen. In der Kirschtenstraße, am Kahlkamp, in der Dockenhudener Schule und im Finanzamt an der Oesterleystraße wurde – an verschiedenen Orten – auch nach dem Krieg noch ein Hilfskrankenhaus für insgesamt 800 Betten betrieben. In der Kirschtenstraße gab es eine Chirurgie und im Keller einen Leichenraum. Erst 1949 wurde das provisorische Hospital aufgelöst und dem neuen Allgemeinen Krankenhaus Rissen zugeordnet.
„Die Leute wollten vergessen und wieder ein normales Leben führen“, sagt Jan Kurz, der Vorsitzende des Fördervereins Historisches Blankenese. Das galt auch für die Sportvereine. Der alte Arbeiterklub Komet Blankenese, der von den Nazis verboten wurde, hatte zwar nach seiner Neugründung 1946 in seiner Satzung stehen, dass man niemanden aufnehmen wolle, der schon vor 1933 in die NSDAP eingetreten war, aber sonst wollte man nur noch ein Sportverein wie alle anderen sein. Es gab zwar ein Haus, St. Michael am Krumdalsweg 17, wo die Deutschen wieder Demokratie lernen sollten (von den Engländern als Re-Education bezeichnet) und das Haus für jüdische Kinder im alten Warburgschen Besitz in der Kösterbergstraße (sie sollten für die Übersiedlung nach Israel vorbereitet werden), aber die Entnazifizierung ging nur schleppend voran.
„Die Leute wollten vergessen und wieder ein normales Leben führen“
Der ehemalige Schulleiter der Gorch-Fock-Schule und NSDAP-Ortsgruppenführer, Traugott Diercks, der sich dafür eingesetzt hatte, dass seine Schule nicht mehr Richard-Dehmel-Schule hieß, wurde zwar für einige Jahre inhaftiert, kehrte danach aber in den Schuldienst zurück. Der einflussreiche Reeder und NS-Funktionsträger John T. Essberger wurde nur kurz festgesetzt und später als „entlastet“ beurteilt, obwohl die Briten ihn anfangs als „biggest profiteer“ (größter Nutznießer) der Nazi-Zeit eingestuft hatten. So ungleich war die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Auch im Ortsamt Blankenese tauchten viele NSDAP-Mitglieder nach einiger Zeit wieder auf. Man brauchte eben jeden Mann und jede Frau.
Historisches Blankenese
Der Förderverein Historisches Blankenese hat schon diverse Ausstellungen über die Vergangenheit des Stadtteils gemacht: Blankenese 1918, Blankenese in der Weimarer Republik, Blankenese im Nationalsozialismus, Blankenese im 2. Weltkrieg. Die neue Ausstellung wird am Mittwoch, 9. September 2026, um 19 Uhr im Gemeindehaus der Kirche am Markt eröffnet und ist bis Freitag, 30. Oktober 2026, zu sehen. Das Buch über die Nachkriegszeit im KJM-Verlag gibt es in Kürze.