Opernstadt Hamburg

Hamburgische Staatsoper zwischen Tradition und Aufbruch

Kunst & Kultur · · 3 Min. Lesezeit · von Tim Holzhäuser
Hamburgische Staatsoper bei Nacht
Bei Nacht zeigt sich die Hamburgische Staatsoper an der Dammtorstraße von ihrer leuchtenden Seite.

Die Hamburgische Staatsoper will offener, experimentierfreudiger und zugänglicher werden. Tobias Kratzer und Omer Meir Wellber setzen dafür seit der Spielzeit 2025/26 neue Akzente – im Opernhaus und weit darüber hinaus.

Der Vorwurf liegt nahe: Ein elitäres Spektakel, das Millionen verschlingt, letztlich aber nur einer betagten wohlhabenden Elite dient. In Zeiten knapper Kassen bleibt für die deutsche Oper kein anderer Ausweg als die Öffnung hin zu einem breiten Publikum. Der erste Spagat besteht darin, das Positive des Mainstreams zu umarmen, das Vielfältige, Verbindende – und dem bloßen Kommerz den Zutritt zu verweigern.

Im hierarchisch geprägten Opernbetrieb braucht es dazu entsprechende Schlüsselpositionen. Im Falle der Hamburger Staatsoper sind es Tobias Kratzer und Omer Meir Wellber. Seit Herbst 2025 bilden sie das Führungsduo der Hamburgischen Staatsoper und seitdem ist eine eigene Handschrift entstanden. Statt die erste Spielzeit mit einem sicheren Repertoireklassiker zu eröffnen, wählten Kratzer und Wellber Robert Schumanns selten gespieltes Oratorium „Das Paradies und die Peri“. Kratzer inszenierte, Wellber dirigierte. Es war ein programmatischer Auftakt: Bekanntes und Unbekanntes sollen nebeneinanderstehen, musikalische Qualität mit gesellschaftlichen Themen verbunden werden.

Tobias Kratzer und Omer Meir Wellber
Tobias Kratzer und Omer Meir Wellber verantworten das künstlerische Programm der Staatsoper.

Kratzer, Jahrgang 1980, inszenierte zuvor an zahlreichen großen europäischen Häusern und bei den Bayreuther Festspielen. Hamburg ist dennoch eine neue Aufgabe: Erstmals verantwortet der Regisseur nicht nur einzelne Produktionen, sondern als Intendant die Ausrichtung eines ganzen Opernhauses – mit der existenziell wichtigen Aufgabe, Musiktheater zeitgemäß zu machen.

Und nun kommt der nächste Spagat: Neues Publikum soll gewonnen werden, altes darf aber nicht verprellt werden. Viele erfahrene Operngänger vertrauen auf ein bekanntes Repertoire. Die Interpretation altbekannter Inhalte hat hier noch Sensationswert, es muss nicht unbedingt ein völlig neuer Stoff sein. Tobias Kratzer steht also vor der Aufgabe, ältere Werke mit aktuellen Inszenierungen aufzuwerten und für beide Gruppen interessant zu machen.

Zur Musik: Der 1981 in Israel geborene Wellber bringt internationale Erfahrung aus Oper und Konzert mit nach Hamburg. Er arbeitete unter anderem an der Semperoper Dresden und mit zahlreichen europäischen Orchestern. Seit der Saison 2025/26 ist er Generalmusikdirektor der Staatsoper und Chefdirigent des Philharmonischen Staatsorchesters. Auch er muss mehrere Zielgruppen bedienen: Das historische Repertoire bleibt Ausgangspunkt, wird aber aus heutiger Perspektive betrachtet.

Besonders deutlich wird der neue Kurs dort, wo die Staatsoper ihr eigenes Gebäude verlässt. Prokofjews „Peter und der Wolf“ wurde als „musikalischer Krimi“ ins Schmidts Tivoli auf St. Pauli gebracht, Konzerte fanden in der Halle 424 im Oberhafen statt. Zum Auftakt der Intendanz öffnete das Festival „3 Tage Wach“ das Haus ein ganzes Wochenende mit unterschiedlichen Veranstaltungen. Die Oper soll nicht nur darauf warten, dass das Publikum zu ihr kommt – sie sucht selbst neue Orte und Begegnungen. Dahinter steht immer wieder die fast schon politische Frage: Wie kann eine traditionsreiche Institution neue Zuschauer gewinnen, ohne ihre künstlerischen Ansprüche aufzugeben?

Ob die beiden Spagate gelingen, das lässt sich nach so kurzer Zeit noch nicht beurteilen. Denn nötig ist nicht weniger als eine grundlegende Neupositionierung der Oper als zugängliche Kunstform, etwa zwischen kleiner Bühne und Musical. Es wäre nicht verwunderlich, wenn das eine Aufgabe für ein Jahrzehnt ist. Die Voraussetzungen allerdings sind in der Opernstadt Hamburg exzellent.

Tim Holzhäuser
Tim Holzhäuser
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