Hamburgs neue Oper – kommt der Kulturpalast oder bleibt es ein Luftschloss
Eine bepflanzte Dachlandschaft, der Blick über den Hafen und ein Opernhaus mitten im Wasser: Die Pläne für die neue Staatsoper am Baakenhöft sind ambitioniert. Noch aber ist das Projekt nur eine Vision. Ob es dabei bleibt oder tatsächlich gebaut wird, entscheidet sich erst 2028.
Wer heute zum Baakenhöft in der HafenCity fährt, muss einige Fantasie mitbringen. Von einem neuen Opernhaus ist hier noch nichts zu sehen. Und selbst der inzwischen vorgestellte Entwurf bedeutet noch keinen endgültigen Baubeschluss. Erst voraussichtlich im ersten Quartal 2028 will die Kühne-Stiftung entscheiden, ob das Projekt tatsächlich umgesetzt wird. Läuft danach alles nach Plan, könnte Anfang 2030 gebaut werden. Eine Eröffnung wäre frühestens Mitte 2034 denkbar.
Zukunftsmusik also. Aber Hamburg hat Erfahrung mit Gebäuden, die zunächst eher nach Vision als nach Wirklichkeit aussehen. Auch die Elbphilharmonie existierte lange nur als spektakulärer Entwurf. Was folgte, waren Kostenexplosionen, Verzögerungen und politische Krisen – und schließlich ein Konzerthaus, das heute kaum noch aus dem Stadtbild wegzudenken ist. Es gibt also gute Gründe, bei Großprojekten nüchtern zu bleiben. Es gibt aber ebenso gute Gründe, sich gelegentlich vorzustellen, was möglich wäre.
Im Fall der neuen Oper ist das ziemlich viel. Schon der Standort hätte das Zeug zum Wahrzeichen. Das Baakenhöft ragt zwischen Baakenhafen und Norderelbe ins Wasser. Die Oper stünde damit an einem der exponiertesten Punkte der HafenCity. Und das passt: Denn hier soll nicht lediglich ein Ersatz für das in die Jahre gekommene Haus an der Dammtorstraße entstehen, sondern ein Opernhaus von internationalem Rang – als neue Heimat der Hamburgischen Staatsoper, des Hamburg Ballett und des Philharmonischen Staatsorchesters. Hamburg bekäme damit nach der Elbphilharmonie einen zweiten großen Kulturbau an der Elbe.
Warum ein Neubau?
So luxuriös die Projektbilder auch sein mögen: Der Grund für ein neues Opernhaus ist eher handfest. Die Staatsoper am Dammtor stammt im Kern aus den 1950er-Jahren. Zuschauerraum und denkmalgeschützte Fassade gehören zur Hamburger Nachkriegsarchitektur, doch hinter der Bühne sind die Bedingungen eines modernen Opernbetriebs nur noch mit erheblichem Aufwand zu erfüllen. Werkstätten, Probenräume, Lagerflächen und Bühnentechnik müssen den Anforderungen eines Hauses gerecht werden, das praktisch täglich produziert. Eine Generalsanierung wäre entsprechend aufwendig. Die Alternative lautet deshalb: Wenn ohnehin sehr viel Geld investiert werden muss, warum dann nicht ein Haus planen, das von Anfang an für die kommenden Jahrzehnte gebaut wird?
Ein Opernhaus als öffentlicher Raum
Wie dieses aussehen könnte, ist seit November 2025 bekannt. In einem Qualifizierungsverfahren setzte sich die Bjarke Ingels Group, kurz BIG, gegen vier weitere Büros durch. Der Entwurf des dänischen Stararchitekten Bjarke Ingels behandelt die Oper nicht als klassischen Kulturtempel. Das auffälligste Element ist eine spiralförmig ansteigende, bepflanzte Dachlandschaft, die sich um das Gebäude legt. Sie soll öffentlich zugänglich sein und Ausblicke über Elbe, HafenCity und Hafen ermöglichen. Wer dort hinaufgeht, müsste also weder eine Eintrittskarte besitzen noch wissen, wer Verdi, Wagner oder Puccini war. Das Opernhaus würde selbst zu einem Stück Stadt.
Auch im Inneren soll die neue Oper deshalb mehr sein als eine moderne Ausgabe des bisherigen Hauses. Vorgesehen sind Räume für Oper und Ballett auf internationalem Niveau, zugleich aber Flächen für experimentelle Formate sowie Vermittlungs- und Bildungsangebote. Die Vorstellung dahinter: Eine Staatsoper des 21. Jahrhunderts öffnet sich nicht erst eine Stunde vor Vorstellungsbeginn und leert sich nach dem Schlussapplaus wieder. Sie soll möglichst selbstverständlich zum städtischen Leben gehören.
Die ungewöhnliche Finanzierung
Mindestens ebenso ungewöhnlich wie die Architektur ist die Finanzierung. Ausgangspunkt des Projekts ist die Kühne-Stiftung des Logistikunternehmers und Mäzens Klaus-Michael Kühne. Die Stiftung übernimmt Planung und Bau des Opernhauses und trägt nach den Vereinbarungen auch mögliche Kostensteigerungen des eigentlichen Neubaus.
Hamburg bleibt dennoch finanziell beteiligt. Die Stadt übernimmt bis zu 147,5 Millionen Euro an standortbedingten Mehrkosten, insbesondere für die aufwendige Gründung und den Hochwasserschutz. Hinzu kommen rund 104 Millionen Euro für Grundstücksherrichtung, Erschließung, öffentliche Freiflächen, Promenade und Ufereinfassung. Nach der Fertigstellung sollen der Bau und die Anteile der Stiftung an der Projektgesellschaft auf die Stadt übergehen. Die Oper wäre damit kein privates Haus Kühnes, sondern öffentliches Eigentum. Die Hamburgische Bürgerschaft stimmte den entsprechenden Vereinbarungen im November 2025 mit großer Mehrheit zu.
Entscheidung fällt erst 2028
Trotzdem bleibt eine entscheidende Hintertür offen. Der Siegerentwurf wird zunächst über rund zwei Jahre konkretisiert. Erst dann lassen sich technische Anforderungen, Architektur und Kosten genauer beurteilen. Auf dieser Grundlage trifft die Kühne-Stiftung voraussichtlich Anfang 2028 ihre endgültige Finanzierungsentscheidung. Bis dahin ist die neue Oper ein Projekt – noch kein unumkehrbarer Bau.
Sollte die Stiftung aussteigen, trägt sie die bis dahin entstandenen Planungskosten. Hamburg würde anschließend wieder jene Variante verfolgen, die ohnehin im Raum steht: die Generalsanierung der Staatsoper an der Dammtorstraße.
Was aus der alten Staatsoper wird
Und was geschieht mit diesem Gebäude, falls der Umzug tatsächlich kommt? Auch darauf gibt es bislang keine abschließende Antwort. Fest steht, dass das denkmalgeschützte Haus erhalten und weiterhin kulturell genutzt werden soll. Welche Institution dort einmal einziehen könnte, ist offen. Eine Sanierung wäre auch dann nötig, allerdings nicht mehr unter den hochkomplexen Anforderungen eines modernen Repertoire-Opernbetriebs.
Die Kühne-Oper in Zahlen
2028: Endgültige Finanzierungsentscheidung der Kühne-Stiftung.
2030: Frühestmöglicher Baubeginn.
2034: Geplante Fertigstellung.
87.000 m² Bruttogrundfläche sind vorgesehen.
147,5 Mio. Euro: Maximaler Anteil Hamburgs an standortbedingten Mehrkosten.
104 Mio. Euro plant die Stadt zusätzlich für Grundstück, Erschließung und öffentlichen Raum.
BIG: Die Bjarke Ingels Group entwarf das neue Opernhaus.