Lebenswerk

Addi Münster nimmt Abschied – zum 70. Jubiläum der Old Merry Tale Jazzband

Mensch des Monats · · 4 Min. Lesezeit · von Sophie Rhine
Jost Münster mit seiner Posaune im Wohnzimmer.
Jost Münster mit seiner Posaune im Wohnzimmer. Viele Jahre probte er hier täglich, jetzt nimmt er nach und nach Abschied von der (aktiven) Jazz-Musik.

Seit 1952 begleitet Jazz das Leben von Jost „Addi“ Münster. Nun steht der 90-Jährige vor seinem letzten großen Auftritt: Beim Gala-Konzert zum 70-jährigen Bestehen der Old Merry Tale Jazzband wird er noch einmal mit seinen Weggefährten auf der Bühne stehen – und zugleich Abschied nehmen.

Eigentlich ist der Titel irreführend. Die „Old Merry Tale Jazzband“ feiert ihr 70-jähriges Bestehen. Unser Mensch des Monats, Jost Münster, brennt allerdings schon seit 1952, also 74 Jahre, für Jazzmusik.

Der erste Kontakt entstand wie bei vielen Jugendlichen zu der Zeit: „Ich war mit Klassenkameraden bei einem Konzert. Bei ,Jimmy Archey and his Riverboat-Five‘. Wir waren komplett begeistert und wollten auch so Musik machen“, erinnert sich Jost „Addi“ Münster. Seinen Spitznamen bekam er auch zu der Zeit, „irgendwer fing damit an und dann nannten mich alle so“. Daraus entstand Kontakt zum Komiker und „ursprünglichen“ Addi Münster, als dieser fälschlicherweise eine Geburtstagseinladung für Jost Münster erhielt. Der Kontakt blieb, auch auf der Trauerfeier des Humoristen spielte Jost Münster mit seiner Band.

Doch von den ersten Versuchen an der Posaune bis zur eigenen Band war es noch ein Stück. Zunächst ging es in den Posaunenchor, „eigene Instrumente konnten wir uns nicht leisten“, so der 90-Jährige. Kurz darauf gründeten die Freunde einen Jazzclub. 1954 spielte Jost Münster erstmals in einer Jazzband, die knapp zwei Jahre später nach einem Todesfall aufgelöst wurde. Eine neue Band wurde gesucht – das sollte doch eigentlich nicht schwer sein, gab es damals bestimmt 50 Jazzbands in Hamburg. „Zu der Zeit haben viele junge Menschen mit Jazz angefangen, es war der Wahnsinn. Und man hat nach und nach alle kennengelernt, es war großartig“, erzählt Jost Münster.

Kurz gesucht, gefunden: Jost Münster trat 1957 der Old Merry Tale Jazzband bei, die bald internationale Erfolge feierte. Von 1960 bis 1962 hängten die Musiker kurzerhand ihre Jobs an den Nagel und tourten durch die ganze Nation, wo sie zur wohl bekanntesten und beliebtesten deutschen Jazzband wurden. Nicht zuletzt mit deutschen Titeln wie „Am Sonntag will mein Süßer mit mir Segeln gehen“, der es auf Platz eins der Hitparade schaffte.

Old Merry Tale Jazzband
Jost Münster mit der Old Merry Tale Jazzband.

1984 teilte sich die Band. Jost Münster wurde Kopf von „Addi Münsters Old Merry Tale Jazzband“, holte Mitglieder aus den Gründungsjahren und jüngere Musiker mit an Bord. Es folgten zahlreiche Gastspiele in Europa und sogar die zweimalige Teilnahme am größten Dixieland-Festival der Welt in Sacramento. „Ich glaub, das war unser schönster Ort für ein Konzert“, schwärmt der Posaunist. Aber auch der Auftritt als erste Band aus dem Westen in Dresden bleibt in Erinnerung, ebenso die vier Auftritte dort nach der Wende: „Ich hab 1975 großspurig gesagt, wenn wir nochmal eingeladen werden, kommen wir per Schiff über die Elbe – und das haben wir dann auch gemacht“, erzählt Jost Münster lachend.

An die Reisen, Tourneen und Konzerte erinnert er sich gerne: „Man hat so viele Menschen kennengelernt, so viele Freunde gefunden.Auch meine Frau hab ich durch die Musik getroffen. Was in den 70 Jahren alles passiert ist, kann man schwer in Worte fassen“, sagt er begeistert. Ob ihm das fehlt? „Ja, einerseits sehr. Andererseits ist es für mich mittlerweile zu anstrengend“, antwortet er ehrlich. „Und wenn ich mir alte Fotos anschaue, macht es mich traurig, wie wenige so alt geworden sind.“

Am 14. März feiert die Old Merry Tale Jazzband ihr 70-jähriges Bestehen mit einem großen Gala-Konzert in der Laeiszhalle – beide Old Merry Tale Bands gemeinsam stehen auf der Bühne. Tickets gibt es ab 32,50 Euro. „Ich werde versuchen, nochmal mitzusingen und vielleicht auch ein oder zwei Lieder mitzuspielen“, sagt Jost Münster. „Aber mehr ist nicht mehr drin. Wir stellen auch meinen Nachfolger, Markus Voigt, offiziell vor.“ Damit nimmt Jost „Addi“ Münster nach über 70 Jahren Abschied von der Bühne. Aber vielleicht bleibt sein Name im Bandnamen. „Das wird, glaube ich, noch entschieden“, sagt er lachend. Egal, wie die Entscheidung ausgeht – vergessen wird ihn in der Jazz-Szene so schnell niemand!

Jost „Addi“ Münster

Jost Münster ist 90 Jahre alt und wohnt seit über 60 Jahren in seinem Bungalow mitten in Flottbek. Nach seinem Abitur 1954 am Gymnasium am Kaiser-Friedrich-Ufer absolvierte er eine Ausbildung im Finanzamt und machte sich später als Steuerberater selbstständig. Neben Jazzmusik waren und sind Fußball, Segeln sowie seine Familie und Ehefrau Bärbel wichtige Teile seines Lebens.

Sophie Rhine
Sophie Rhine
Redakteurin Print / Online
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