Wie Hamburg Airport bis 2035 klimaneutral werden will
Windkraft aus Kaltenkirchen, Wasserstoff für Gepäckschlepper und ehrgeizige Klimaziele: Hamburg Airport will zu den nachhaltigsten Flughäfen Europas gehören. Geschäftsführer Christian Kunsch spricht über klimafreundlicheres Fliegen, moderne Technik – und die Grenzen der Branche.
Ich bin eine Infobox.
Christian Kunsch, 52, seit 2024 Vorsitzender der Geschäftsführung des Hamburg Airport Helmut Schmidt, kommt in einer Arbeitsjacke in das Konferenzzimmer des Hamburger Flughafens. Von dort aus kann man das gesamte Flugfeld überblicken.
Es ist genau der richtige Ort, um mit ihm über seinen Airport und die Nachhaltigkeit des Fliegens zu sprechen.
Herr Kunsch, was sagen Sie denen, die im Zuge des Klimawandels zögern, in ein Flugzeug zu steigen?
Christian Kunsch Das ist natürlich ihr gutes Recht. Aber die Frage ist doch, welches Transportmittel wann sinnvoll ist.
Die Bahn, wenn sie denn funktioniert, ist für Strecken bis 500 Kilometer ideal. Ich bin aber gegen das Verbot der innerdeutschen Flüge.
Es gibt ja viele Passagiere, die einen vollen Terminkalender haben.Was kann Hamburg tun, damit Fliegen nachhaltiger wird? Ist das überhaupt möglich?
Wir haben 2025 zum fünften Mal den „Best Airport Award“ vom Airport Council International (ACI) in der Kategorie 10 bis 25 Millionen Passagiere bekommen. Die Jury hat besonders das gute Zusammenspiel aus Passagierkomfort, Digitalisierung und Klimaschutz hervorgehoben.
Bevor wir zum Klimaschutzprogramm kommen: Was macht den fünftgrößten Flughafen Deutschlands für Passagiere zum Vorbild?
Wir haben 16.000 Menschen befragt und kommen auf eine Durchschnittsnote von 1,8. Das hat auch viel mit den technischen Neuerungen, dem Modernisierungsprogramm „HAM upgrade“, zu tun.
Welches sind wichtige Dinge bei diesem Programm?
Die Maßnahmen haben alle das Ziel, den Komfort für die Passagiere zu erhöhen. Ein Beispiel: Mit den neu eingeführten Smart Gates optimieren wir den Zugang zur Sicherheitskontrolle. Im letzten Jahr haben neunzig Prozent der Reisenden dort weniger als zehn Minuten gewartet.
Weitere Beispiele?
Wer noch genauer planen möchte, kann sich mit dem kostenlosen Service Slot & Fly einen Zeitslot an der Sicherheitskontrolle buchen. Und die Gepäckautomaten (Self-bag-drop) machen es bei den meisten Airlines am Hamburg Airport möglich, dass man seine Koffer ohne Wartezeit am Check-In aufgeben kann.
Sie wollen – Stichwort Net zero – bis 2035 klimaneutral sein.
Wir sind bereits seit 2021 im Flughafenbetrieb CO₂-neutral. Und das sogar als erster und bislang einziger großer Flughafen in Deutschland. Das geht nur, weil wir schon früh damit angefangen haben. Seit 2009 reduzieren wir gezielt unsere CO₂-Emissionen, zum Beispiel durch den Einsatz von ausschließlich grünem Strom.
Und dann sind Sie auch noch Vorreiter der Windenergie geworden. Wie das?
Wir investieren gerade 70 Millionen Euro, damit auf unserem Gelände in Kaltenkirchen künftig sechs Windkrafträder arbeiten.
Ab 2028 produzieren wir selbst den Strom, den der Flughafen braucht. 2035 werden wir der erste große deutsche Flughafen sein, der die fossilen Emissionen im Flughafenbetrieb auf Null senkt.
Gibt es weitere Beispiele?
Wir setzen Maßnahmen in ganz unterschiedlichen Bereichen um. Zum Beispiel prüfen wir gerade die Möglichkeit, unsere etwa 70 Gepäckschlepper, die bisher mit Bio-Gas betrieben werden, auf Wasserstoffantrieb umzurüsten. Das spart CO₂ und viel Geld.
Das ist ja alles schön und gut. Aber die Flugzeuge an sich sind ja das Problem für die Umwelt.
Industrie, Straße und Haushalte verbrauchen deutlich mehr CO₂, also Kohlenstoffdioxid, als der Flugverkehr mit vier Prozent. Aber natürlich müssen wir dazu beitragen, dass die Treibhausgase weiter sinken.
Auch mit kürzeren Routen kann man viel einsparen.
Aber da ist derzeit der Krieg in der Ukraine ein Thema, das dem entgegen steht. Der Luftraum über der Ukraine ist gesperrt. Auch über Russland dürfen europäische Fluggesellschaften derzeit nicht fliegen. Das bedeutet zum Beispiel eine zwei- bis dreistündige Verlängerung eines Fluges nach Peking. Die Chinesen wiederum dürfen über Russland fliegen.
Wie geht es technisch voran mit der Einsparung von Treibstoffen?
Der neue A320 Neo spart 20 Prozent Kerosin und ist 50 Prozent leiser als der alte A320. Das sind inzwischen 21 Prozent der Flugzeuge, die bei uns starten und landen.
Der Flughafen Hamburg beteiligt sich zudem an der Entwicklung nachhaltiger Antriebstechnologien. Wir sind in mehreren internationalen Netzwerken zur Entwicklung von Wasserstoff als Energieträger in der Luftfahrt aktiv. So wurden wir als erster deutscher Flughafen in das internationale Airbus-Netzwerk künftiger Wasserstoff Hubs eingeladen.
Was bedeutet das konkret?
Es geht um die Entwicklung von Wasserstoff-Flugzeugen für die Kurz- und Mittelstrecke, also für Verbindungen in Europa. Wir wollen diese Entwicklung unterstützen, in dem wir unseren Bodenbetrieb auf diese neuen Flugzeuge vorbereiten. Ab 2040 könnten die ersten davon fliegen.
Bis allerdings die Mehrheit der Flüge mit grünem Wasserstoff und damit CO₂-emissionsfrei stattfinden könnten, wird es noch ein paar Jahrzehnte dauern.
Und bis dahin?
Es gibt schon treibstoffeffizientere Triebwerke. Auch der Einsatz von nachhaltigen Flugkraftstoffen (SAF) wird immer wichtiger. Und Fortschritte bei der Aerodynamik (z. B. Winglets, Haifischhaut) sparen auch Treibstoff und damit Emissionen.
Gibt es eine Airline, die besonders gut auf diese Herausforderungen reagiert?
Da will ich keine besonders hervorheben. Das ist ein gemeinsames Anliegen der gesamten Branche.
Christian Kunsch ...
... ist gebürtiger Schwabe und Fan des VfB Stuttgart. Er wohnt in Klein Flottbek und interessiert sich für das Blankeneser Kreek-Fahren. Er studierte in Reutlingen und Boston BWL. Seit 2016 sitzt er im Aufsichtsrat des Flughafens Hamburg, 2019 wurde er Geschäfsführer und folgte Michael Eggenschwiler 2024 als Vorstands-Vorsitzender. Der Flughafen hat etwa 15.000 Mitarbeitende. 51 Prozent des Airport gehören Hamburg, 49 Prozent dem Beteiligungsnetzwerk AviAlliance.