Jugendprotest

Neuer Wehrdienst: Warum viele Jugendliche jetzt auf die Straße gehen

Politik · · 4 Min. Lesezeit · von Anna-Lena Walter
Demo auf dem Hachmannplatz
Schüler streikten im Dezember auf dem Hachmannplatz gegen die Wehrpflicht.

Die Rückkehr eines Wehrdienstes zählt zu den umstrittensten politischen Vorhaben der vergangenen Jahre. Während die Bundesregierung auf die veränderte Sicherheitslage verweist, wächst unter vielen Jugendlichen der Widerstand. Sie kritisieren fehlende Mitsprache und stellen die gesellschaftlichen Prioritäten der Politik infrage.

Julian Lutz, Schülervertreter an der Stadtteilschule Blankenese
Julian Lutz, Schülervertreter an der Stadtteilschule Blankenese: „Menschen, die nicht direkt betroffen sind, erkennen oft nicht, wie schlimm die Situation für die Beteiligten ist – obwohl ihnen der Inhalt klar ist.“

Rund 55 Jahre nach der Einführung der Wehrpflicht hat der Bundestag am 5. Dezember 2025 über einen neuen Wehrdienst entschieden. Nun befasst sich abschließend der Bundesrat mit dem Gesetz, dass ab dem 1. Januar 2026 in Kraft treten soll. Union und SPD haben sich auf das Modell für einen neuen Wehrdienst geeinigt. Es sieht vor, dass alle 18-jährigen Männer und Frauen einen Online-Fragebogen erhalten, um ihre Motivation und Eignung für den Dienst in den Streitkräften zu ermitteln. Die Beantwortung ist für Männer, die nach dem 1. Januar 2008 geboren wurden Pflicht. Frauen können freiwillig teilnehmen. Nach der Prüfung des Fragebogens folgt, laut dem Bundesministerium für Verteidigung (BMVG), nur bei Eignung eine Einladung zum Eignungstest. Hierbei handelt es sich laut BMVG um einen umfassenden Prozess zur Bewertung von Fähigkeiten, Kompetenzen und Potenzialen. Erst danach werden die Kandidaten zur Musterung eingeladen. Mit dem neuen Wehrdienst reagiert Deutschland laut Verteidigungsminister Boris Pistorius auf die veränderte sicherheitspolitische Lage und die Anforderungen an die Landes- und Bündnisverteidigung. Die Wiedereinführung der Wehrerfassung und der Wehrüberwachung soll für eine starke Reserve sorgen. Auf der Seite des BMVG steht: „Bereits in Friedenszeiten muss die Bundeswehr dafür sorgen, dass sie im Ernstfall schnell wachsen kann.“ Auf die Ankündigung einer neuen Wehrpflicht fallen die Reaktionen gemischt aus. Am 5. Dezember versammelten sich bundesweit Tausende zu Schulstreiks gegen die Wehrpflicht; auch in Hamburg rief das Streikkomitee aus 80 Schulen zu Demos auf.

Widerstand gegen die Wehrpflicht

Leo Dammann vom Landessprecherrat der Hamburger Linksjugend „solid“ erklärt: „Der bundesweite Schulstreik gegen die geplante Wiedereinführung der Wehrpflicht ist ein starkes Signal einer politisierten und klassenbewussten Jugend. Wir stellen uns entschieden gegen die Militarisierung unserer Zukunft, während soziale Rechte, Bildung und öffentliche Infrastruktur weiter vernachlässigt werden. In einer Zeit, in der Milliarden in militärische Aufrüstung fließen und gleichzeitig immer mehr Menschen in Armut leben, gehen wir auf die Straße, um klarzumachen: Wir werden nicht Soldaten in einem Krieg für die Kapitalinteressen einiger weniger. Unsere Generation streikt, weil wir eine gerechte, friedliche und soziale Gesellschaft einfordern und weil wir wissen, dass Veränderung nur von unten kommt.“ Julian Lutz (18), Schülervertreter der Stadtteilschule Blankenese, war ebenfalls Teilnehmer der Demo. Er empfindet den Umgang mit der Jugend als unsolidarisch. „Menschen, die nicht direkt betroffen sind, erkennen oft nicht, wie schlimm die Situation für die Beteiligten ist – obwohl ihnen der Inhalt klar ist.“ Zu dem besorgt den Schüler die innenpolitischen Gefahren, wie Gewaltbereitschaft gegenüber Migranten, was seiner Ansicht nach auch Jugendliche beeinflusst, während Parteien wie die AfD daraus Profit schlagen könnten. Weiter führt er aus, dass die betroffenen 17-Jährigen nicht nach ihrer Meinung gefragt worden seien. „Das Recht auf Demonstration ist ein fundamentales Grundrecht in Deutschland – aber das gilt nicht für Kinder. Der Schulstreik war somit ziviler Ungehorsam, das kann doch nicht sein! Wir wollen in die Zukunftspläne der Regierung einbezogen und nicht blind an die Waffen gerufen werden.“

Zwischen Wehrdienst und Engagement

Der Bürgerschaftsabgeordnete Sören Schumacher (SPD Hamburg) betont wiederum, dass Hamburg eine gut ausgestattete, einsatzfähige Bundeswehr braucht, um Demokratie und Freiheit zu schützen. Die Weiterentwicklung des Wehrdienstes bleibe freiwillig, mit der Möglichkeit einer Wehrpflicht nur bei Bedarf. Auch wird die Attraktivität des Wehrdienstes durch eine moderne Ausbildung, faire Bezahlung und weiteren Zuschüssen erhöht. Zudem sollen zivile Bereiche und Freiwilligendienste mit bis zu 15.000 zusätzlichen Plätzen gestärkt werden. Stefanie Kleinschmidt, Geschäftsführerin des Freiwilligendienstes Hamburg, sagt mit Blick auf den Schulstreik: „Junge Leute machen auf der Straße sichtbar, was sie bewegt – das ist wichtig.“ Weiter sagt sie: „Die bestehenden Freiwilligendienste sollten als freiwillige Alternative zum neuen Wehrdienst anerkannt und ausgebaut werden. Ein neuer Zivildienst darf aber nicht zur Entwertung sozialer Berufe, eingeschränktem Engagement und ungleicher Entlohnung führen.“ Schlussendlich sollten Politiker die Sorgen der Bevölkerung ernst nehmen, da viele nicht überzeugt scheinen, dass wirklich mehr Soldaten benötigt werden.

Anna-Lena Walter
Anna-Lena Walter
Redakteurin Print / Online
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